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Gesellschaft/Sozialstruktur

1. Gesellschaft



1.1 Begriff und Begriffsgeschichte

Gesellschaft (G.) ist ein vielschichtiger Begriff, der von der Tischg. bis zur Reiseg., von der G. der Musikfreunde bis zur Aktieng. reicht. Die Verbundenheit oft sehr heterogener Personen für einen bestimmten Zweck, ob kurz- oder längerfristig, ist entscheidend.

Dem Wortursprung nach bedeutet G. die Vereinigung oder ein Beisammensein mehrerer Gefährten. In der deutschen Sprachentwicklung ist G. mit Gemeinschaft und Genossenschaft verknüpft. Wichtiger war die griech. und die lat. Begriffsgeschichte. Seit Plato (428-348) und Aristoteles (384-322) hat der Begriff (lat. societas civilis) einen bis heute beibehaltenen Sinn: G. umfasst eine größere Gruppe von Menschen (wie z. B. in der polis, dem Stadtstaat der Griechen), die in einem Zusammenhang wechselseitig eingebrachter Interessen und Fähigkeiten stehen, auf einem klar definierten Territorium leben, sich als politische und soziale Einheit begreifen und außerhalb ihrer Grenzen auch so wahrgenommen werden. Zu ergänzen ist die anthropologisch fundierte Aussage, "dass der Mensch von Natur ein nach der staatlichen Gemeinschaft strebendes Wesen" (zoón politikón) ist (Aristoteles, Politik, 1278b).

In allen Etappen der europäisch-abendländischen Staats- und G.stheorie blieb der antike Kerngedanke von bürgerlicher G. und schützendem Staat erhalten (Überblick bei Riedel 1975). Er lebte weiter im Bürgertum der mittelalterlichen Städte und Stadtrepubliken. Unter den Bedingungen des Frühkapitalismus, der Aufklärung und der bürgerlichen Revolutionen bildete sich die spezifische Form der bürgerlichen G. der Neuzeit heraus, als eine vom Liberalismus geprägte Marktgesellschaft, als politisch-nationale Einheit und als Rechtsg., die die Freiheitsrechte aller Menschen zur Geltung bringt und sichert.

Die Staats- und G.stheorie von G. F. W. Hegel (1770-1831) konzipierte auf den Grundlagen v. a. der aristotelischen Philosophie, nunmehr unter den Vorzeichen der industriellen und französischen Revolution 1789 ff., einen bis heute wirksamen G.sbegriff: Familie, bürgerliche G. und Staat sind die Basisinstitutionen einer durchgängig auf Recht beruhenden G.sformation, wie Hegel in seinen "Grundlinien der Philosophie des Rechts" (zuerst 1821) ausführte. D als Staats- und G.ssystem ist nach seinem "G.svertrag" (J.-J. Rousseau 1762) dem Typus bürgerliche G. zuzuordnen. Konstitutiv ist die Trennung von G. und Staat. Während der Staat für die innere, rechtliche, soziale und äußere Sicherheit zuständig ist, kann G. als Handlungssphäre der freien Bürger bezeichnet werden; sie können sich nach ihren Vorstellungen in Vereinen und Genossenschaften assoziieren und in den Institutionen (wie Familie) und G.en des bürgerlichen Rechts (BGB) durch Verträge zusammenschließen. Entwicklungen hin zu einer " Verstaatlichung der G." und einer "Vergesellschaftung des Staates", die sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt haben, verwischen allerdings die Differenz von Staat und G.

In der → DDR (1949-1990) war, wie in allen sozialistischen G.en, diese Differenz, theoretisch und praktisch, aufgehoben. Der Staat der bürgerlichen G. sei nur eine "Agentur für Kapitalinteressen", unter deren Dominanz die bürgerliche Sphäre insgesamt gerate.

1.2 G im soziologischen Verständnis

Die Entwicklung der Soziologie ist mit der Herausbildung der bürgerlichen G. eng verknüpft. Sieht man von wichtigen Vorläufern ab, zu denen L. v. Stein (1815-1890) und W. H. Riehl (1823-1890) zählen, die beide von Hegels Rechtsphilosophie ausgingen, so hat erst F. Tönnies (1855-1936) einen spezifisch soziologischen G.sbegriff entwickelt. In "Gemeinschaft und Gesellschaft" (zuerst 1887) analysierte er die Entwicklung von der ständisch-feudalen, agrarischen G. zur modernen Industrieg. mit ihren Trends der Anonymisierung in den größer werdenden Städten und der Verselbstständigung des Individuums. So lässt sich nach Tönnies G. denken, "als ob sie in Wahrheit aus getrennten Individuen bestehe, die insgesamt für die allgemeine G. tätig sind, indem sie für sich tätig zu sein scheinen". War das "Zeitalter der Gemeinschaft […] durch den sozialen Willen als Eintracht, Sitte, Religion bezeichnet", so ist es das der G. "durch den sozialen Willen als Konvention, Politik, öffentliche Meinung" (Tönnies 1963: 251).

Zu den Grundlagen der industriell-bürgerlichen G. gehören: die Freisetzung des Einzelnen zu selbst gewählter Familienbildung, freie Wahl von Ausbildung und Arbeitsplatz und der Zugehörigkeit zu Vereinen und sozialen Gruppen; Ablösung bisheriger, ständischer und städtischer Formen der gesundheitlichen und sozialen Fürsorge durch gesamtgesellschaftliche (bzw. staatliche) Institutionen. Voraussetzung für das Wirksamwerden dieser Trends war die Ausdifferenzierung und weitgehende Autonomisierung aller gesellschaftlichen Teilbereiche: Recht und Politik, Markt und Produktion, Religion und Kirche, Kultur und Bildung, Arbeit und Freizeit.

G. wird mit unterschiedlichen Akzentuierungen in allen soziologischen Makrotheorien thematisiert: Strukturfunktionalismus (T. Parsons, R. K. Merton), Systemtheorie (N. Luhmann), Theorie der Frankfurter Schule (T. W. Adorno, J. Habermas), Modernisierungstheorie (Zapf 1970). Für Luhmann (1927-1998) ist G. "das umfassende soziale System, das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt" (1998: 78).

2. Sozialstruktur (S.)



2.1 Aufgaben/Bereiche der S.-Analyse

Beim Begriff G. besteht die Gefahr, ihn vorschnell zu objektivieren und als real leicht nachweisbar zu verstehen. Davor hatte bereits Georg Simmel (1858-1918) gewarnt. Im einleitenden Beitrag zu seiner "Soziologie" (zuerst 1908) zum Thema: "Wie ist Gesellschaft möglich?" hob er hervor, dass G. nicht nur die Summe der vergesellschafteten Individuen sei, sondern zugleich die Summe aller möglichen Wechselwirkungen, die daraus resultieren können. Die nicht zuletzt am Strukturfunktionalismus orientierte Analyse der S. einer G. ist die empirische Basis, Formen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung zu veranschaulichen und die Ursachen und Folgen des sozialen Wandels in einzelnen Bereichen und für das Gesamtsystem zu identifizieren.

Definition: S. ist die Gesamtheit der dauerhaften Norm- und Wertgefüge, Rechtsgrundlagen, ökonomischen Strukturen und kulturellen Handlungsmuster, der sozialen Gebilde wie Gruppen, Institutionen und Organisationen, die die Integration einer G. kennzeichnen und Kontinuität gewährleisten.

Die S.analyse hebt also aus der Vielzahl der relevanten Elemente und Wechselwirkungen jene hervor, die für die Charakteristik eines gesellschaftlichen Systems und seine Integration zentral sind:
  • Bevölkerungsstruktur, inkl. der Wanderungsströme (Migrationen);
  • Formen von Familien, Lebensgemeinschaften und Haushalten;
  • ökonomisches System und die Formen der Arbeit und Produktion, der Berufe und Erwerbsstruktur;
  • politisches System: Staat, Regierung, Parlament, Gesetzgebung und das Recht als Steuerungsinstrument für den sozialen und kulturellen Wandel;
  • Siedlungsformen von Dörfern, Städten, Ballungsräumen und Metropolregionen;
  • kulturelles System mit Bildung, Ausbildung und Wissenschaft, den Kulturinstitutionen (Museen, Theater etc.), der differenzierten "Medienlandschaft", den Kirchen und Religionsgemeinschaften;
  • Informations- und Kommunikationssystem, das sich durch die Digitalisierung und die Ausweitung der Netze auf allen Ebenen des sozialen Handelns, der Institutionen und Organisationen zu einer "Netzwerkgesellschaft" (Castells 2004) entwickelt hat.
2.2 Wandel der deutschen S.

Die "Soziologie des sozialen Wandels" (Zapf 1970) entwickelte ein differenziertes theoretisches und methodisches Instrumentarium, um die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Bereichen der S. – z. B. Technik und Wirtschaft einerseits, Bevölkerung, Kultur und Politik andererseits – zu analysieren. Durch die "digitale Revolution" seit 1970, den Wertwandel, durch Prozesse der Individualisierung und der Pluralisierung von Lebensstilen jenseits bisheriger Klassen- und Schichtbildungen kam es zu erheblichen Veränderung in den Grundlagen der deutschen S. Die Wiedervereinigung im Jahr 1990 führte nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern auch in der bisherigen BRD (hier weniger deutlich artikuliert) zur Veränderung von Basisinstitutionen (Geißler 2008).

Eckpunkte der S.entwicklung: Während die Lebenserwartung relativ kontinuierlich gestiegen ist und gegenwärtig bei Vollendung des ersten Lebensjahres für Frauen bei 82,4 und Männer bei 77,2 Jahren liegt, sank, nur 30 Jahre später, die Geburtenziffer der 15-44-jährigen Frauen von 2,02 im Jahr 1970 (DDR 2,19) auf 1,38 in den alten und 1,23 in den neuen Bundesländern (Geißler 2008: 44). Die gegenwärtige Fruchtbarkeitsziffer reicht nur, um die Bevölkerung zu etwa zwei Dritteln zu ersetzen. Die Anzahl älterer Menschen steigt in Relation zur Gesamtbevölkerung und führt in den Familien, im Arbeitsleben, bei Gesundheit, Sozialversicherung usw. zu erheblichen Auswirkungen.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Bernhard Schäfers




 

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