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Hochschulen/Hochschulreformen

Aufgrund des deutschen → Föderalismus, der den → Bundesländern im Kultur- und Bildungsbereich die Hoheit verleiht, liegt das deutsche Hochschulsystem in der Verantwortung der Länder, die die Hochschulen (Hs) auch finanzieren. Bis zum Jahr 2006 hatte die → Bundesregierung noch die Verantwortung für (a) die übergreifenden Rahmenvorgaben, niedergelegt im Hochschulrahmengesetz, um die Gleichheit der Zulassungs- und Studienbedingungen zu garantieren; (b) die Ko-Finanzierung – gemeinsam mit den Ländern – des Hochschulbaus; und (c) ebenfalls gemeinsam mit den Ländern die Forschungsförderung. Im Zuge der 2006 in Kraft getretenen Föderalismusreform wurde die Zuständigkeit des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft für die Rahmenvorgaben abgeschafft, so dass die Länder nun eigenständig über ihre Landeshochschulgesetze, die zuvor an das Rahmengesetz angepasst werden mussten, entscheiden können. Hs. sind in D definiert als Körperschaften des öffentlichen Rechts. In einigen Bundesländern besteht allerdings seit einigen Jahren die Möglichkeit, diesen Status in eine Stiftung öffentlichen Rechts umzuwandeln.

Im Jahr 2011 bestand das deutsche Hochschulsystem aus insgesamt 379 Hs., darunter 139 nichtstaatliche Hochschuleinrichtungen (99 private und 40 kirchliche). Es ist aufgeteilt in 117 Universitäten, 55 Kunst- und Musikhochschulen und 207 Fachhochschulen (darunter 29 Verwaltungsfachhochschulen). Das deutsche Hochschulsystem wird als ein binäres System bezeichnet, weil es überwiegend aus Universitäten und Fachhochschulen besteht. In acht Bundesländern gibt es außerdem Berufsakademien, auch "duale Hs." genannt, die ebenfalls zum tertiären Sektor zählen, und "duale" Studiengänge anbieten. Die Studierenden dieser Studiengänge werden im Rahmen ihrer praktischen Ausbildung in einem Unternehmen zum Studium an eine Berufsakademie entsandt und kehren in den Semesterferien und nach Abschluss ihres dreijährigen Studiums wieder an ihre Ausbildungsstätte zurück. Der Abschluss ist in der Regel ein Bachelorgrad.

An den deutschen Hs. gab es im Jahr 2010 insgesamt 2,22 Mio. Studierende, davon etwa 1,47 Mio. an Universitäten und 0,72 Mio. an Fachhochschulen. Mittlerweile überwiegt der Anteil der Frauen unter den Studierenden. Gemessen an der Gesamtzahl aller Studierenden betrug der Anteil der weiblichen Studierenden 52,3 % im Jahr 2010. Im selben Jahr gab es 250.860 ausländische Studierende an den deutschen Hs. (11,3 % aller Studierenden), die meisten von ihnen aus europäischen Ländern, gefolgt von China und Russland.

Zwei weitere statistische Zusammenhänge sind von Bedeutung, gerade im internationalen Vergleich. Der Anteil der Studienanfänger an der jeweiligen Alterskohorte der 18- bis 20-jährigen beträgt in D derzeit etwa 36 %. Im Vergleich zum Durchschnitt aller OECD-Länder in Höhe von 56 % ist dieser Anteil ausgesprochen niedrig. Gegenstand der Föderalismusreform ist daher u. a. eine Steigerung der Zahl der Studienplätze, um einen Anschluss an den OECD-Durchschnitt zu ermöglichen. Mit dem Wegfall der Wehrpflicht (→ Bundeswehr) und doppelten Abiturjahrgängen in einigen Bundesländern wird von einer deutlichen Steigerung der Studienanfängerzahlen ab dem WS 2011/12 ausgegangen. Demgegenüber werden in D ausgesprochen viele Doktorgrade verliehen, zwischen 23.000 und 25.000 jährlich (2009: insgesamt 25.084), was einem Anteil von 7,4 % an den Hochschulabsolventen entsprach. Damit liegt in D der Anteil deutlich höher als in anderen europäischen Ländern, die zumeist Anteile von fünf und weniger Prozent aufweisen.

Etwa seit der Millenniumswende befindet sich das deutsche Hochschulsystem in einer tiefgreifenden Umbruchsphase, die die unterschiedlichsten Bereiche erfasst hat. Die wesentlichen Herausforderungen dieses Reformprozesses werden im Folgenden kurz umrissen.

1. Reform der Studienstruktur



Im Jahr 1999 beschlossen die Bildungs- und Wissenschaftsminister von 29 europäischen Ländern anlässlich eines Treffens in Bologna, bis zum Jahr 2010 einen europäischen Hochschulraum zu schaffen, der die Hochschulbildung in Europa wettbewerbsfähiger und attraktiver für ausländische Studierende machen sollte. Zentrale Eckpunkte des im Rahmen der Bologna-Erklärung formulierten Reformprogramms waren die Einführung einer gestuften Struktur von Studiengängen und Abschlüssen (Bachelor und Master) und die Einführung eines Kreditpunktesystems zur Erleichterung der Anerkennung von im Ausland erbrachten Studienleistungen und zur Förderung studentischer Mobilität. Der Bachelor-Abschluss sollte nach drei- bis vierjähriger Studienzeit erworben werden und unmittelbar zum Übergang auf den Arbeitsmarkt qualifizieren, der Master-Abschluss sollte nach weiteren ein bis zwei Jahren erreicht werden können. Universitäten und Fachhochschulen gleichermaßen bieten in D Bachelor- und Master-Studiengänge an. Bis zum SS 2011 waren etwa knapp 82 % aller Studiengänge in D (etwa 14.100) auf die neue Struktur umgestellt worden. Zur Sicherung der Qualität der neuen Studiengänge und zur Feststellung der Einhaltung von Mindeststandards wurde darüber hinaus ein Akkreditierungssystem etabliert (vgl. Punkt 5).

2. Wettbewerb um Forschung und Forscherausbildung



Ein Jahr nach der Bologna-Erklärung der Bildungsminister ergriff die Europäische Kommission eine vergleichbare Initiative für den Forschungsbereich, die ebenfalls nach dem Ort des Treffens, auf dem der Beschluss gefasst wurde, Lissabon-Strategie genannt wird. Die den Hochschulbereich betreffenden Kernpunkte der Strategie sind eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben für Forschung und Innovation auf 3 % des BIPs und eine Steigerung der Zahl der Promovierten, die in den wissensproduzierenden und wissensintensiven Wirtschaftssektoren tätig werden sollen. Zugleich soll die gefürchtete Abwanderung von hochqualifizierten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ins Ausland ("Brain-Drain") reduziert werden. Dies hat sich bisher vor allem auf die bestehenden Formen der Doktorandenausbildung an deutschen Universitäten ausgewirkt. Die Promotion soll strukturierter verlaufen und den Promovierenden sollen zusätzliche Schlüsselqualifikationen vermittelt werden, die ihnen den Einstieg in außeruniversitäre Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten ermöglichen. Zunehmend wird daher die Doktorandenausbildung als eine Form des fortgeschrittenen Studiums in Doktorandenprogrammen und Graduiertenschulen angeboten und gefördert. Davon verspricht man sich drei Vorteile: (a) die Verbesserung der Qualität der Betreuung durch Schaffung einer kritischen Masse von möglichen Betreuern und Beratern zu einem Dissertationsthema, so dass die persönliche Abhängigkeit von einem Betreuer reduziert wird; (b) die Reduktion der Zahl von Abbrechern und die Verkürzung der Dauer der Promotionsphase; (c) eine größere Berücksichtigung von Themen mit gesellschaftlicher Relevanz.

3. Neue Beziehungen zwischen Hochschule und Staat



Etwa ab Mitte der 1980er Jahre wurde immer deutlicher, dass Bund und Länder nicht mehr in der Lage waren, das seit den 1960er Jahren stark expandierte Hochschulsystem zu finanzieren. Zudem wurde zunehmend Kritik an der Reformunfähigkeit der Hs. geäußert. Auch Defizite in der Qualität der Lehre wurden festgestellt. Eine Lösung des Problems wurde im Rückzug des Staates von der Detailkontrolle im Austausch für eine stärkere Rechenschaftspflichtigkeit der Hs. gesehen. Die neue Autonomie bestand nicht nur in der Einführung von Globalhaushalten sondern zunehmend auch in der Aushandlung von Ziel- und Leistungsvereinbarungen. Im Austausch für eine größere Autonomie und gestärkte Entscheidungsbefugnisse der Hochschulleitung und der Dekane verlangten die Länder die Beteiligung externer Interessenvertreter (Stakeholder) an den institutionellen Entscheidungsprozessen, verstärkte Kooperation mit dem privaten Sektor und mehr Wettbewerb der Hs. untereinander um staatliche Gelder, die vielerorts allmählich auf der Grundlage von Kontrakten für (Dienst-) Leistungen in Forschung und Lehre und nach regelmäßiger Evaluation der Performanz vergeben wurden. Dem Staat blieb die Aufgabe, Reformen zu ermöglichen und Rahmenbedingungen vorzugeben, innerhalb derer die Hs. operieren sollen. Dies hat zu stärker hierarchischen Leitungsstrukturen an den Hs. selbst geführt und zu einer Mittelallokation, die ebenfalls zunehmend auf der Grundlage von Zielvereinbarungen der Leitung mit den Fachbereichen und der Dekane mit den Lehrenden und Forschenden beruhen. Zugleich lässt sich ein Trend zur Professionalisierung des institutionellen Managements beobachten.

4. Erweiterung der Finanzierungsquellen von Hochschulen



Aufgrund der massiven Expansion der Studierendenzahlen seit den 1960er und 1970er Jahren sowie der angestrebten weiteren Erhöhung des Anteils derjenigen einer Alterskohorte, die ein Studium aufnehmen, werden die Hs. seit einigen Jahren ermutigt, sich nicht mehr ausschließlich auf eine weitgehende Finanzierung durch die öffentliche Hand zu verlassen. Zudem hat ein Umdenken eingesetzt, welches die traditionelle Auffassung von (Hochschul-)Bildung als einem öffentlichen Gut zugunsten der Auffassung von (Hochschul-)Bildung als einem sowohl privaten als auch öffentlichen Gut aufgegeben hat. Die Erweiterung der Finanzierungsquellen zur Deckung der Hochschulhaushalte steht bereits seit einigen Jahren auf der Tagesordnung. Allerdings ist die zwischenzeitliche Einführung von moderaten Studiengebühren in neun von 16 Bundesländern weitgehend wieder zurückgenommen worden. Nur noch drei Bundesländer verlangen solche Gebühren. Aber die Hs. sind auch aufgefordert "unternehmerischer" zu werden und vermehrt Partnerschaften mit Unternehmen des privaten Sektors einzugehen. Diese "public private partnerships", wie sie auch genannt werden, reichen vom Sponsoring von Projekten, Veranstaltungen, neuen Gebäuden und Professuren, über die Finanzierung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten und die Organisation von Wissenstransfer bis hin zu maßgeschneiderten Weiterbildungsangeboten oder der Zusammenarbeit bei der Entwicklung eines Produkts bis zur Marktreife. Deshalb ist "Fundraising", neben vermehrter Alumniarbeit, eine der neuen und zunehmend wichtigeren Tätigkeiten an Hs. geworden.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Barbara M. Kehm




 

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