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Land (Freistaat) Bayern

1. Historischer Hintergrund



Bayern (BY). ist das größte und traditionsreichste Bundesland. Es blickt auf eine mehr als tausendjährige Geschichte zurück. Das ältere Stammesherzogtum unter den Agilolfingern ist als politische Einheit seit dem 6. Jh. bekannt. Es umfasste das altbayerische Siedlungsgebiet östlich der Alemannen und Franken einschließlich Kärntens, der Steiermark und Tirols. Mit der Absetzung Tassilo III. (788) beendete Karl der Große diese frühe Eigenständigkeit, ohne dass unter fränkischer Verwaltung eigenes Stammesrecht und eigene kirchliche Organisation verlorengegangen wären. Beim Niedergang des karolingischen Großreiches konnte an diese Traditionen angeknüpft werden. Unter den Luitpoldingern entstand das jüngere Stammesherzogtum zu Beginn des 10. Jh., das zeitweise auch die Markgrafschaft Verona und die Marken Istrien und Krain umschloss. Herzog Arnulf erreichte weitgehende Unabhängigkeit vom Sächsischen Königtum, an welches das Land gleichwohl lehensrechtlich gebunden war. Die Bindungen an Königtum und Reich wurden vom 10.-12. Jh. immer enger. 1070 wurde BY an die Welfen, 1180 durch Barbarossa an die Wittelsbacher verliehen. Die südlichen und östlichen Besitztümer gingen dabei verloren. Die Herrschaft der Wittelsbacher währte allerdings bis zur Revolution am 7.11.1918.

Durch die einheitliche Herrschaft im altbayerischen Gebiet bildete sich dort frühzeitig der Territorialstaat heraus. Anders verlief die Entwicklung in den schwäbischen und fränkischen Gebieten, in denen es eine Vielzahl adeliger und kirchlicher Herrschaften gab, die nebeneinander bestanden. Daraus sind unterschiedliche Traditionszonen entstanden, die durch alle Modernisierungsprozesse hindurch fortwirkten, Bedeutung für die Mentalitätsprägung und selbst Einfluss auf die Bildung moderner → Parteien und deren regional unterschiedliche Attraktivität behielten. War durch Heirat 1214 zum Kerngebiet noch die Rhein-Pfalz gekommen (und bis 1945 geblieben), so gewann BY seine heutige Gestalt erst durch die Erhebung zum Königreich 1806 im Zuge der Säkularisation und Mediatisierung, als die fränkischen und schwäbischen Territorien angegliedert wurden. Dem waren glanzvolle Phasen wittelsbachischen Königtums im Mittelalter sowie in der frühen Neuzeit die zeitweilige Rolle einer europäischen Großmacht an der Seite Frankreichs unter den Kurfürsten Maximilian und Max Emanuel vorausgegangen, als BY Vorkämpfer des gegenreformatorischen Katholizismus war. Innenpolitisch geschah damals der Bruch mit der auf die Zeit um 1300 zurückgehenden konstitutionellen Tradition, welche die Freiheiten der Landstände (Adel, Geistlichkeit, Bürger) gewährleistet hatte. Der Absolutismus etablierte sich auch in BY.

Nach 1806 versuchten planmäßige Staats- und Verwaltungsreformen die drei gewachsenen Traditionszonen – katholisch-konservativ, agrarisch und patriotisch strukturiertes Altbayern, katholisch und gemäßigt föderalistisches Schwaben sowie protestantisch und nationalliberal geprägtes Franken – "staatsbayrisch" zu überwölben. Daher legte die erste "Konstitution" (1808) nicht nur erstmals → Grundrechte, sondern vor allem auch einheitliche Rechts- und Verwaltungsgrundsätze fest, mit denen die Heterogenität der Landesteile überwunden werden sollte. Im Kontext des süddeutschen Konstitutionalismus erhielt BY bereits 1818 eine fortschrittliche Verfassung mit einer aus zwei Kammern bestehenden Ständeversammlung, mit welcher der Monarch das Gesetzgebungsrecht teilte. Sie beruhte auf direkter und indirekter Wahl, gebunden an Zensus und Grundbesitz. Erstmals war das überkommene Ständewesen überwunden, wenngleich Ludwig I. sich bis zu seiner Abdankung 1848 durchaus auf das monarchische Prinzip berief. Seit 1848 hieß die zweite Kammer "Landtag". Das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht wurde schrittweise 1881, 1906 und 1909 durchgesetzt. Trotz zugestandener Separatrechte war der Beitritt zum Deutschen Reich 1871 der Anfang vom Ende bayerischer Souveränität. Durch die Verfassungsentwicklung wurden die vorbehaltenen Befugnisse in Finanzen, Verkehr, Militär, Rechtspflege, Sozialem, Kultur und Verwaltung immer mehr zugunsten der Zentrale ausgehöhlt, das Land immer enger mit dem Schicksal des Wilhelminischen Reiches verbunden. Im Nov. 1918 versank die bayerische Monarchie in der Revolution. Das monarchische Prinzip wurde durch die → Volkssouveränität abgelöst: BY wurde "Freistaat". Auch hier bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, konnten sich jedoch gegen den Parlamentarismus nicht durchsetzen. Die Bamberger Verfassung vom 14.8.1919 konstituierte den Freistaat als parlamentarische → Demokratie. Unter der Wiemarer Verfassung reduzierte sich seine Eigenständigkeit aber praktisch auf die Kulturpolitik. Bestrebungen zugunsten einer föderalistischen Reichsreform gingen von hier aus. Doch durch das NS-Regime wurde BY schließlich wie die anderen Länder auch zur Verwaltungsprovinz gleichgeschaltet.

Die amerikanische Besatzungsmacht stellte dann das Land in seinen historisch gewachsenen Grenzen (allerdings ohne die Pfalz) wieder her. Am 1.12.1946 entschied das Volk über die neue demokratische Verfassung und wählte zugleich den ersten Nachkriegslandtag.

2. Bevölkerung – Gesellschaft – Wirtschaft



2.1 Bevölkerung

Schaubild 1: Erwerbstätige nach WirtschaftsbereichenSchaubild 1: Erwerbstätige nach Wirtschaftsbereichen (© Quelle: Statistisches Jahrbuch für Bayern 2010; Arbeitskreis "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder"; Statistisches Jahrbuch 2010 für die Bundesrepublik Deutschland)
Gegenwärtig (2010) leben in BY auf 70.550 km2 über 12,5 Mio. Menschen. Die Einwohnerdichte beträgt 177 pro km2. BYs Anteil an der deutschen Bevölkerung beträgt 15,3 %, sein Anteil am → Staatsgebiet 19,8 %. Die Bevölkerungsentwicklung war nach 1945 zunächst geprägt durch den Zustrom von mehr als 2 Mio. Heimatvertriebenen, darunter 1,025 Mio. aus dem Sudetenland. Nahezu 20 % der Bevölkerung waren entwurzelt und mussten integriert werden. Bis Mitte der 1950er Jahre prägten Abwanderungsverluste zugunsten von Gebieten mit besseren Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten die Entwicklung. Seither hat sich durch den grundlegenden Wandel der ökonomischen Rahmenbedingungen der Trend völlig umgekehrt.

Gründe für diesen Gewinn sind: die relativ günstige Geburtenrate (im Vergleich zum Durchschnitt relativ niedriger Überschuss der Gestorbenen gegenüber den Geborenen), die Erwerbszuwanderung seit den 1960er und die Alterszuwanderung (Voralpenland) seit den 1970er Jahren. Von der Nord-Süd-Wanderung in D profitiert der Freistaat jährlich mit einem Gewinn von über 20.000 Personen, 2010 sogar über 45.000 Personen.

Räumlich konzentriert sich die Bevölkerung auf die drei großen Agglomerationen München, Nürnberg und Augsburg. Sie waren stets auch für die innerbayerische Wanderungsbewegung aus strukturschwachen Gebieten attraktiv. Inzwischen schaffen das Ende des Ostblocks und die EU-Erweiterung in Ostbayern, das 1945 in eine wirtschafts- und verkehrspolitische Schattenlage geraten war, neue Chancen. Schon zuvor war durch wirtschafts- und bildungspolitische Strukturförderung gezielt versucht worden, regionale Benachteiligungen zu kompensieren. Davon profitieren neue Verdichtungsräume wie Ingolstadt und Regensburg, immer intensiver aber auch das ehedem strukturschwächere Niederbayern (Automobilbau, Großflughafen). Der Ausländeranteil an der Bevölkerung beträgt 2010 8,7 %.

 
Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung in Bayern
 
19509.177.724
19609.494.939
197010.561.110
198010.928.151
199011.448.823
200012.230.255
201012.538.696


2.1 Gesellschaft

Die Konfessionsstruktur weicht von der im übrigen D erheblich ab. Sie ist insgesamt katholisch geprägt (56 %), wenn auch durch die verstärkten Kirchenaustritte der letzten Jahre und den Zuzug aus dem Norden mit beschleunigend abnehmender Tendenz. In Mittel- und Oberfranken bekennt sich die Mehrheit als evangelisch.

Die Berufsstruktur hat sich nachhaltig verbessert und dem übrigen Bundesgebiet angeglichen. Der allergrößte Teil der Erwerbstätigen ist abhängig beschäftigt, nur 12,1 % sind selbständig. Der Anteil der Angestellten und Beamten hat sich mehr als verdreifacht. Der entscheidende Wandel liegt jedoch im tiefgehenden Umbau einer vordem agrarisch bestimmten → Gesellschaft (Beschäftigte in der Land- und Forstwirtschaft 1950 37,4 %, 2000 3,8 %, 2010 2,8 %) zur Industrie- und mittlerweile vor allem zur Dienstleistungsgesellschaft (seit 1990 mehr als die Hälfte der Beschäftigten, seit 2004 mehr als zwei Drittel). Dieser Umbau, strukturpolitisch konsequent und schonend zugleich gesteuert, vollzog sich ohne tiefere soziale oder politische Brüche.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Heinrich Oberreuter




 

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