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Land Sachsen-Anhalt

1. Historischer Hintergrund



Sachsen-Anhalt (ST) verfügt über eine nur kurze Geschichte, aber über eine sehr lange Tradition. In der Wechselhaftigkeit seiner Herrschaftsverhältnisse steht es stellvertretend für viele dt. Territorien.

Im 8. Jh. verleibte Karl der Grosse den Siedlungsraum des heutigen ST dem Fränkischen Großreich ein, sächsiche Herrscherhäuser beherrschten die ostfränkischen Gebiete. Mit Kaiser Otto I. verbinden sich Ostausdehnung und Christianisierung der ansässigen Slawen. 968 stiftete Otto I. das Erzbistum Magdeburg, die Stadt wurde zugleich Kaiserresidenz. In der Folgezeit führten kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Sachsen- und Welfen-Herzögen einerseits und den Salier- und Staufer-Kaisern des Reiches andererseits zu einer territorialen Zersplitterung. Die Geschicke des Gebietes waren ab dem 13. Jh. vornehmlich zwischen den Erzbistümern Magdeburg und Halberstadt, dem Herzogtum Sachsen-Wittenberg, dem Fürstentum Anhalt und der Markgrafschaft Brandenburg verteilt.

Kurfürst Friedrich der Weise baute Wittenberg zu seiner Residenz aus und gründete dort 1502 eine Universität. An ihr lehrte Martin Luthers Wegbegleiter Philipp Melanchthon; 1517 soll Luther an der Wittenberger Schlosskirche seine 95 Thesen zur Reformierung der katholischen Kirche angeschlagen haben. Reformation und Dreißigjähriger Krieg (1618-1648), in dem z. B. Magdeburg völlig zerstört wurde, bringen territoriale Veränderungen, die bis Anfang des 19. Jh.s Bestand hatten. Zunächst verschwanden Ende des 16. Jh.s die geistlichen Fürstentümer, vor allem Magdeburg und Halberstadt; im Westfälischen Frieden (1648) wurden den Brandenburgischen Kurfürsten weite Teile auch der Elbe-Saale-Gebiete, mit Ausnahme des – inzwischen mehrfach aufgeteilten – Fürstentums Anhalt zugesprochen. Unter dem preußischen Absolutismus des Großen Kurfürsten erlebten die mittelelbischen Gebiete einen großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung: Magdeburg wurde preußische Festung und Handelsmetropole, in Halle wurde eine Universität gegründet (1694). Die Anhaltinischen Fürstentümer blieben zwar selbstständig, waren aber von preußischem Gebiet umgeben und schlossen sich den preußischen Modernisierungen weitgehend an. Auf dem Wiener Kongress 1815 gewann Preußen an politischem Einfluss und territorialer Größe: Mit den bis dahin schon unter preußischer Verwaltung stehenden Gebieten wurden nun auch das kurmainzische Erfurt, Quedlinburg, die einst freien Reichsstädte Nordhausen und Mühlhausen, Teile des nördlichen und östlichen Eichsfeldes und nicht zuletzt die sächsischen Verluste Wittenberg, Torgau und Merseburg in einer preußischen Provinz Sachsen zusammengefasst. Sie bildet das Kernland des späteren ST. Die Fürstentümer Anhalt behielten zwar auch weiter ihre politische Unabhängigkeit, waren aber wirtschaftlich sowie verkehrs- und zolltechnisch faktisch schon Teil der Provinz. Im 19. Jh. erlebte diese aufgrund ihrer geographischen Lage in der Mitte Ds einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung, die Städte Halle und Magdeburg verzehnfachten in 100 Jahren ihre Einwohnerzahl. Politisch galten die Provinz Sachsens und der "Freistaat Anhalt" (seit 1918) als rote Bastion; die in den Reichstagswahlen stets siegreichen Linksparteien wurden erst 1933 von der NSDAP überholt. 1900-1930 war die → SPD in allen Wahlen stets stärkste Partei. Die Nationalsozialisten schalteten auch diese Gebiete gleich.

Im Juli 1945 begegneten sich westalliierte und sowjetische Truppen erstmals in Torgau an der Elbe. Nach dem vereinbarten Rückzug der Amerikaner, die bis Dessau vorgerückt waren, reorganisierte die sowjetische Militärverwaltung die "Provinz Sachsen". Nach den ersten und – bis zum Zusammenbruch des SED-Regimes – letzten, halbwegs freien Landtagswahlen im Okt. 1946 wurde sie zunächst in "Provinz Sachsen-Anhalt" umbenannt. Nach Inkrafttreten einer Landesverfassung Anfang 1947 galt – auf sowjetischen Befehl – die Provinz ST staatsrechtlich als Land. 1952 wurde es wie alle DDR-Länder von der SED aufgelöst. Aus seinem Gebiet wurden die Bezirke Magdeburg und Halle gebildet.

2. Bevölkerung – Gesellschaft – Wirtschaft



2.1 Bevölkerung

In ST leben (2010) auf einer Fläche von 20.446 km2 (5,7 % von D) rd. 2,3 Mio. Einwohner (EW) (2,8 % der dt. Gesamtbevölkerung), seit 1991 (2,8 Mio. EW) hat die Bevölkerungszahl um mehr als 15 % abgenommen. Ökonomische Ursachen liegen dem Bevölkerungsschwund zugrunde, der in den drei Großstädten des Landes, der Landeshauptstadt Magdeburg (heute rd. 230.500 EW), Halle/Saale (heute rd. 232.300 EW) und Dessau (heute rd. 87.800 EW) besonders ausgeprägt ist. Aus allen drei Städten sind seit 1991 mehr als 20 % der EW abgewandert, z. T. jedoch auch in die benachbarten ländlichen Landkreise. Besonders dünn besiedelt ist der strukturschwache Norden des Landes. Die am meisten verbreitete Konfession ist der Protestantismus, dem jedoch aus Zeiten der → DDR ein hoher Anteil an kirchlich nicht gebundenen Bürgern gegenüber steht. In ST gibt es mit 1,9 % der Bevölkerung (2007) einen nur geringen Ausländeranteil.

2.2 Wirtschaft

De moderne Wirtschaftsgeschichte von ST beginnt in der ersten Hälfte des 19. Jh.s, als sich das Industrierevier ("Chemiedreieck") Halle/Merseburg/Bitterfeld zu entwickeln begann. In der DDR wurde der Ausbau der Grundstoffindustrie (Braunkohle, Steinsalz, Kali- und Kunstdüngerproduktion) vorangetrieben, ebenso wie der Schwermaschinen- und Fahrzeugbau in den nördlichen Gebieten um Magdeburg. Nach der dt. Vereinigung konnten viele dieser Betriebe aufgrund veralteter Anlagen und geringer Produktivität dem Konkurrenzdruck nicht standhalten; die Betriebe mussten ihre Belegschaften drastisch reduzieren oder – z. T. aus Umweltgründen – ganz schließen. Heute zählt ST mit einer offiziellen Arbeitslosenquote von 12,5 % (2010), einer geringen Selbständigenquote, und einem regionalen BIP per EW von nur etwa 65 % des bundesdeutschen Durchschnitts (2007) sicherlich zu den wirtschaftlichen Problemzonen in Ostdeutschland. Die Haushaltsdefizite und die hohen Verschuldungsraten des Landes führen zu einer starken Abhängigkeit STs von Mitteln seitens des Bundes, des Länderfinanzausgleiches und der → Strukturpolitik der Europäischen Union.

Allerdings konnten in den letzten Jahren mit staatlicher Förderung etliche Ansiedlungserfolge, so etwa im Bereich der regenerativen Energien oder der Biotechnologie, erzielt werden. Im Süden des Landes um Leuna und Bitterfeld sind an traditioneller Stätte hochmoderne Chemieparks entstanden, die bei hoher Produktivität jedoch relativ wenig Arbeitsplätze bieten. Weitere Wachstumspotenziale und Investitionszuwächse liegen in den Zulieferindustrien des Automobil- und des Maschinenbaus sowie im Tourismus. Mit dem Nationalpark Hochharz, der Colbitz-Letzlinger Heide im Norden STs, historischen Städten wie Quedlinburg, Naumburg oder Magdeburg, den Lutherstätten in Wittenberg und Eisleben, dem klassizistischen Dessau mit dem Bauhaus und dem Wörlitzer Landschaftspark oder dem UNESCO-Biosphärenreservat "Mittlere Elbe" hat das Land, durch das die "Straße der Romanik" führt, touristisch einiges zu bieten.

2.3 Kultur und Bildungswesen

ST gehört zu den ältesten Kulturlandschaften Ds. Den Ruf dieses Raumes haben nicht zuletzt die in der Regel politisch einflusslosen, aber kunstsinnigen Anhaltinischen Fürstenhäuser begründet, die selbst eine Reihe bedeutender historischer Persönlichkeiten hervorbrachten (z. B. war die russische Zarin Katharina die Große, eine Prinzessin von Anhalt-Zerbst) und zeitweise die seinerzeit bekanntesten Künstler und Gelehrten anzogen. In besonderer Beziehung zu ST stehen u. a. Kaiser Otto I., die Theologen Martin Luther aus Eisleben, Philipp Melanchthon und August Hermann Francke, die Künstler Lucas Cranach d. Ä. und Lucas Cranach d. J., die Wissenschaftler Otto von Guericke, Christian Thomasius und Christian Freiherr von Wolff, die Literaten Friedrich Gottlieb Klopstock, Friedrich von Hardenberg (Novalis) und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, die Komponisten Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel sowie die Architekten und Designer des Bauhauses, wie etwa Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Paul Klee und Lyonel Feininger. ST verfügt heute über eine reiche Museumslandschaft mit bedeutenden Sammlungen, überregional bekannte Orchester und Theater.

Die traditionsreichste Hochschule des Landes ist die 1694 im Zeichen der Aufklärung gegründete Universität in Halle; 1817 mit der Wittenberger Universität zusammengelegt, gehört sie als Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu den klassischen akademischen Einrichtungen in Ostdeutschland. Daneben steht die erst 1993 gegründete Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, die aus der schon vor der Wende errichteten Technischen Universität, der Pädagogischen Hochschule und der Medizinischen Akademie Magdeburg hervorging. Zur akademischen Landschaft STs gehören ferner eine Hochschule Harz mit Standorten in Wernigerode und Halberstadt (Verwaltungshochschule), eine Hochschule Anhalt mit Standorten in Köthen, Bernburg und Dessau, sowie vier Fachhochschulen in Magdeburg-Stendal, Merseburg und Aschersleben. Die traditionsreiche Hochschule für Kunst und Design Halle-Burg Giebichenstein wird fortgeführt, in Halle sitzt auch die weltweit bekannte Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. Einrichtungen in freier Trägerschaft, wie die Evangelisch-freikirchliche Theologische Hochschule Friedensau und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen komplettieren den Wissenschaftsstandort.

Die Übernahme eines neuen dreigliedrigen Schulsystems nach westdeutschem Vorbild war im Wesentlichen bereits 1992 abgeschlossen. Sinkende Geburtenraten und Abwanderung stellen die Schulen, gerade im ländlichen Raum, vor Anpassungsprobleme. Neben den regulären Schulen hat ST ein knappes Dutzend Spezialschulen (Gymnasien) eingerichtet bzw. alte Traditionen wieder aufleben lassen, darunter die Landesschule Pforta (Gymnasium mit 450-jähriger Geschichte im ehemaligen Zisterzienserkloster) und das aus den Franckeschen Stiftungen hervorgegangene Landesgymnasium Latina August Hermann Francke in Halle.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Klaus Detterbeck




 

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