Nation

4. Das vereinte Deutschland (seit 1990)

Doch mit der Vereinigung wurden neue Probleme und Fragen, die mit der N. in Verbindung stehen, aufgeworfen, so z. B. die Herstellung der "inneren Einheit", die Einbindung Ds in das internationale System und die damit gewachsene Verantwortung oder das Staatsverständnis und die Staatsbürgerschaft.

Durch die Vereinigung der beiden dt. Staaten wurden zwei Bevölkerungen zusammengefasst, die über 40 Jahre hinweg unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatten. Bereits früh wurde die einstmals staatliche Spaltung zu einer gesellschaftlichen, es wurde zwischen "Wessis" einerseits und "Ossis" andererseits unterschieden. Vielen ehemaligen Bürgerinnen und Bürgern der DDR fiel es schwer, ihre alten Wir-Gefühle auf das vereinte D zu übertragen, während die Bewohnerinnen und Bewohner der alten BRD scheinbar nahtlos anknüpfen konnten. Doch auch im Westen brachte der Vereinigungsprozess Verunsicherungen hervor, die nicht allein durch positive Selbstbeschreibungen, sondern auch durch die Verächtlichmachung der Ostdt. überspielt wurden. Diese "Transformationen des Wir-Gefühls" lassen durchaus daran zweifeln, ob man von dem nationalen Bewusstsein der Deutschen sprechen kann (Treibel 1993: 322 f.). Empirische Untersuchungen zur "Nationalen Identität" haben ergeben, dass die Ostdt. über ein spezifisches "Ost-Bewusstsein" verfügen, das nicht mit dem nationalen identisch ist, während die westdt. Bevölkerung ihr "West-Bewusstsein" als Aspekt ihres nationalen Verständnisses interpretieren (vgl. Blank 1997).

Die Frage des nationalen Selbstverständnisses wurde nach der Vereinigung wieder aufgegriffen. So wurde darüber debattiert, ob ein vereintes D an die bundesrepublikanische Tradition anknüpft oder ob dieser vierzigjährige Weg durch eine "selbstbewußte Nation" (Schwilk/Schacht 1995) beendet werden sollte. Eng mit dieser Sichtweise der sog. "Neuen Rechten" (vgl. Gessenharter/Fröchling 1998) verbunden ist ein vehementer Geschichtsrevisionismus, antiliberale Einstellungen, ethnopluralistische Argumentationen und Forderungen nach einer machtstaatlich orientierten → Außenpolitik. Der bundesrepublikanische Weg der "Westbindung" sei ein Fehler gewesen. Eine dt. nationale Identität habe sich nicht entwickeln können. Nach 1989/90 müsse die N. wieder als handelndes Subjekt hervortreten und seinen Einfluss geltend machen. Diese antidemokratische und nationalistische Argumentation betrachtet die Einbindung der BRD in die Institutionen der EU dementsprechend kritisch. Die Frage nach der Bedeutung des Nationalstaates erreichte mit der gesteigerten Einbindung Ds in supranationale und internationalen Organisationen eine neue Qualität, an erster Stelle ist hier die EU zu nennen. Seit dem Maastricht-Vertrag (1993) hat sich der Prozess der europäischen Integration stark beschleunigt, weite Bereiche der klassischen Innenpolitik, welche eine Domäne des modernen Nationalstaates ist, können ohne die Abstimmung und Kooperation mit den europäischen Partnern nicht realisiert werden. Daraus erwuchsen aber auch Widerstände und Ressentiments, die sich an einzelne symbolisch bedeutsame Themen knüpften (z. B. DM vs. Euro) und als Protest gegen den Verlust der "nationalen Identität" artikuliert werden.

Dt. Nationalismus zeigte sich nach der staatlichen Vereinigung oftmals in der aggressiven Abwertung von "Fremden". So kam es Anfang der 1990er Jahre zu brutalen Übergriffen gegen Asylsuchende und Ausländer. Der Debatte, ob D ein "Einwanderungsland" sei, lag die Frage zugrunde, wie die N. definiert wird. Die Angst vor nationaler Illoyalität und ethnischer Heterogenität kennzeichnete dabei die Diskussion (Treibel 1993: 335-339). Die → Staatsangehörigkeit/Staatsbürgerschaft in D bestimmte sich seit dem Kaiserreich weitgehend nach dem Abstammungsprinzip (ius sanguinis), erst die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts durch die rot-grüne BReg. (2000) etablierte Elemente des Territorialprinzips (ius soli). Diese Änderung und die Debatte um das Zuwanderungsgesetz zeigten, dass die Vorstellung Ds als "Kultur-" oder "Volksn." sich einerseits insbesondere in Wahlkampfzeiten als persistent erwies (z. B. Unterschriftenkampagne in HE, die Parole "Kinder statt Inder" in NRW), andererseits aber auch brüchig wurde und sich der Gedanke einer "Staatsbürgern.", wenn auch nicht unbedingt in der Bevölkerung, so doch in der politischen Führung verfestigt.

Einen neuen Schub erreichte die Diskussion um das Nationalgefühl im Zuge der Fußball-WM 2006: Das "Sommermärchen" habe einen "neuen Patriotismus" oder "fröhlichen Patriotismus" erzeugt, der sich nicht in Aggressivität und Nationalismus manifestiere, sondern als "Partyotismus" mit Eventcharakter. Es werde deutlich, dass sich seit der dt. Einheit die "Skepsis gegenüber nationaler Begeisterung [...] weitgehend verflüchtigt" habe (Seitz 2007: 13). Somit ist auch im Zeitalter der Globalisierung kein Abschied von der N. zu erwarten, wohl aber eine Transformation nationaler Diskurse (Götz 2011).


Literatur

Anderson, Benedict 21993: Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Frankfurt a. M./New York.

Blank, Thomas 1997: Wer sind die Deutschen? Nationalismus, Patriotismus, Identität – Ergebnisse einer empirischen Längsschnittstudie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 47 (13), S. 38-46.

Fitzi, Gregor 2004: Max Webers politisches Denken. Konstanz.

Gessenharter, Wolfgang/Fröchling, Helmut (Hrsg.) 1998: Rechtsextremismus und Neue Rechte in Deutschland. Opladen.

Götz, Irene 2011: Deutsche Identitäten: Die Wiederentdeckung des Nationalen nach 1989. Köln/Weimar/Wien.

Hobsbawm, Eric 1983: Introduction: Inventing Traditions, in: ders./Ranger, Terence (Hrsg.): The Invention of Tradition. Cambridge et al., S. 1-14.

Lepsius, M. Rainer 1990: Nation und Nationalismus, in: ders.: Interessen, Ideen und Institutionen. Opladen, S. 232-246.

Meinecke, Friedrich 1908: Weltbürgertum und Nationalstaat: Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaates. München/Berlin.

Plessner, Helmuth 41992: Die verspätete Nation: Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. Frankfurt a. M.

Renan, Ernest 1996: Was ist eine Nation? Rede am 11. März 1882 an der Sorbonne (= EVA-Reden, Bd. 20). Hamburg.

Schwilk, Heimo/Schacht, Ulrich (Hrsg.) 31995: Die selbstbewußte Nation: "Anschwellender Bocksgesang" und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte. Frankfurt a. M./Berlin.

Seitz, Norbert 2007: Die Nachhaltigkeit eines neuen Patriotismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 57 (1-2), S. 8-13.

Treibel, Annette 1993: Transformationen des Wir-Gefühls: Nationale und ethnische Zugehörigkeiten in Deutschland, in: Blomert, Reinhard/Kuzmics, Helmut/Treibel, Annette (Hrsg.): Transformationen des Wir-Gefühls: Studien zum nationalen Habitus. Frankfurt a. M., S. 313-345.

Weber, Max 51980: Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriß der verstehenden Soziologie. Tübingen.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Christian Bala



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