30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
1|2|3 Auf einer Seite lesen


Nationalsozialismus

1. Historische Entwicklung

Unter Nationalsozialismus (NS) versteht man die, völkisch-antisemitisch-nationalrevolutionäre Bewegung in der Zwischenkriegszeit, die sich in D als Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) organisierte und die unter der Führung Hitlers in D von 1933 bis 1945 eine totalitäre Diktatur errichtete. Der NS gehört überdies in den Zusammenhang der europäischen faschistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit, die außer in D nur in Italien aus eigener Kraft und ohne ausländische militärische Unterstützung an die Macht gekommen sind. Der NS stellt innerhalb der europäischen Faschismen aufgrund seines Rassenantisemitismus und seiner Vernichtungspolitik die radikalste Variante dar. Die Geschichte der NSDAP unterteilt sich in die sogenannte Bewegungsphase (1919-1933) und die Regimephase (1933-1945). Ihr Weg zur Macht verlief keineswegs geradlinig und folgte auch keinem ausgefeilten politischen Konzept oder einer politischen Zwangsläufigkeit.

1.1 Die Anfänge der NSDAP

In ihrer Frühphase war die aus der dt. Arbeiterpartei hervorgegangene NSDAP eine militante Protestbewegung im heterogenen völkisch-antisemitischen Milieu mit anfänglichem Schwerpunkt in → Bayern. Sie unterschied sich bald von den übrigen nationalistisch-paramilitärischen Verbänden und Parteien durch ihre Propaganda und die Radikalität ihres politischen Auftretens. Die Aufmerksamkeit, die die frühe NSDAP bald auf sich zog, hatte mit der Agitationstätigkeit von Hitler zu tun, der sich im Sept. 1919 als Reichswehragent der Partei angeschlossen und 1920 zusammen mit A. Drexler das Parteiprogramm zusammengestellt hatte, das unter Betonung antikapitalistischer Elemente einen Querschnitt des zeitgenössischen völkisch-nationalistischen Ideengemenges darstellte.

Hitlers Aufstieg begann als Werbeobmann. Sein rastloser Einsatz und seine missionarische Ausstrahlungskraft verschafften ihm bald einflussreiche Gönner und Freunde aus Bürokratie, Militär (u. a. E. Ludendorff) und Großbürgertum, die der Exaltiertheit des Agitators eine institutionelle und gesellschaftliche Absicherung boten.

Ihre Mitglieder gewann die frühe NSDAP aus den aufgelösten militärischen und paramilitärischen Verbänden. Das führte zu einem raschen Anwachsen der SA, die durch den Zustrom von militärisch versierten Führern mehr und mehr zu einem parteiunabhängigen, wenngleich auf Hitler verpflichteten Wehrverband wurde. Zulauf erhielt die völkische Agitationspartei auch aus vorwiegend mittelständischen Schichten, die von Inflation und sozialem Statusverlust getroffen waren. Die frühe NSDAP verstand sich nicht als Partei, sondern als revolutionäre Bewegung, die auf dem Weg eines Putsches und nach dem Vorbild von Mussolinis "Marsch auf Rom" (1922) die verhasste Weimarer Republik von BY aus beseitigen wollte. Im Herbst 1923 glaubte Hitler den schweren Konflikt zwischen der bayerischen Regierung unter Generalstaatskommissar G. Ritter von Kahr und der Reichsregierung nutzen zu können, um das Zeichen zu einem "Marsch auf Berlin" und zur Errichtung einer "nationalen Diktatur" zu geben. Der "Hitler-Putsch" vom 8./9.11.1923 brach mit der blutigen Auflösung eines bewaffneten Demonstrationszuges am 9.11.1923 zusammen. Die NSDAP wurde verboten und Hitler am 1.4.1924 in einem Hochverratsverfahren zu fünf Jahren Festungshaft in Landsberg verurteilt. Während seiner Haftzeit, aus der Hitler am 20.12.1924 vorzeitig entlassen wurde, zerbrach die 1923 von 15.000 auf 55.000 Mitglieder angewachsene, aber kaum organisierte und nun führerlose Bewegung in mehrere völkische Gruppierungen.

1.2 Die NSDAP 1925-1933

Nach seiner Entlassung wurde Hitler wieder zum Sammelpunkt beim Wiederaufbau der NSDAP, die durch eine veränderte politische Strategie und einen anderen Parteiaufbau ein neues Profil erhielt. Die Putschtaktik wurde durch eine Legalitätstaktik ersetzt, ohne dass damit der politischen Gewalt abgeschworen wurde. Vor allem versuchte Hitler nun, die → Partei zu einem Instrument des Führerwillens zu machen. Seine Führerrolle sollte durch die Abfassung seiner umfangreichen Programmschrift "Mein Kampf" begründet werden.

Die hierarchische Organisation der NSDAP wurde seit 1926 schrittweise durch Jugend- und Studentenverbände sowie weitere Sonderorganisationen und Berufsverbände zu einer umfassenden Integrationspartei ausgebaut mit dem Ziel der Mobilisierung und Erfassung der heterogenen Mitglieder- und Anhängerschaft mit ihren Sonderinteressen. War der Zustand von Organisation und Führung in den Gauen während der Gründungsphase 1925/26 noch recht instabil und auch programmatisch vielgestaltig, so gelang es der Münchener Reichsleitung um Hitler sich allmählich gegen zentrifugale Tendenzen durchzusetzen und auch die ideologisch-propagandistische Alleinvertretung zu behaupten. Die NSDAP nahm nun die Form einer charismatischen Führerpartei an, in der sich die Willensbildung auf die personale Autorität des "Führers" bezog und ohne Mitwirkung der Mitglieder auf der Grundlage von Befehl und Gehorsam von oben nach unten vollzog. Innerparteiliche Gruppierungen organisierten sich nicht gegen Hitler, sondern suchten seine Unterstützung im Machtkampf mit anderen Gruppierungen der Partei zu gewinnen. Hitler duldete und förderte zeitweise solche Gruppenbildungen, die seine Rolle als oberste Schiedsinstanz erst sicherten. Erst wenn seine oberste Autorität in Frage gestellt war, griff er in die zahlreichen innerparteilichen Richtungskämpfe ein. Die politischen Erfolge der NSDAP blieben in den Jahren der (Schein-) Stabilisierung der Weimarer Republik beschränkt. Bei den Reichstagswahlen 1928 erhielt die NSDAP 2,6 % der Stimmen und 12 → Abgeordnete. Erfolgreicher war die Partei bei der Verdrängung aller völkischen Konkurrenten.

Auf die Phase des Neuaufbaus folgte ab 1929/30 vor dem Hintergrund der Weltwirtschafts- und der dt. Staatskrise die Phase des Aufstiegs zur Massenpartei. Die Partei wurde seit den Reichstagswahlen vom 14.9.1930, bei der sie 6,4 Mio., d. h. 18,3 % der Stimmen und 107 Abgeordnetensitze erhielt, zu einem großen politischen Machtfaktor, dessen radikale Agitation die politische Endkrise der Weimarer Republik noch beschleunigte. Bei den Reichspräsidentenwahlen im März/Apr. 1932 entfielen 36,8 % der Stimmen auf Hitler, bei den Preußenwahlen am 12.4.1932 37,8 %. Ihren Höhepunkt erreichte die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 31.7.1932 mit 37,8 % der Stimmen.

Die neue Massenbewegung veränderte die politische Landschaft fundamental und zog vor allem Wähler und Mitglieder der bürgerlichen Parteien an sich. Gegen diesen Sog konnten sich nur das katholische Milieu mit dem Zentrum sowie der Stamm der sozialdemokratischen und kommunistischen Wähler behaupten, die bis 1933 ein festes Bollwerk bildeten. Ferner gelang es der NSDAP in großem Maße, bisherige Nichtwähler für sich zu mobilisieren. Die Zahl der Parteimitglieder wuchs von 27.000 Ende 1925 über 150.000 im Sept. 1930 auf 1,4 Mio. im Jan. 1933. Die NSDAP war eine "junge" Partei. 1930 waren fast 70 % der Mitglieder jünger als 40 Jahre, 37 % jünger als 30 Jahre. Von den Parteifunktionären waren 65 % unter 40 Jahre, 26 % unter 30. Die soziale Basis der Massenbewegung rekrutierte sich vor allem aus dem breiten Spektrum des evangelischen bäuerlichen und bürgerlichen Mittelstandes. Selbständige aus den freien Berufen, aus Handwerk und Gewerbe, Angestellte und Beamte waren – gemessen am Anteil der jeweiligen Gruppe an der Zahl aller Berufstätigen – in der NSDAP überrepräsentiert. Zugleich aber bildeten die Arbeiter zahlenmäßig die stärkste soziale Gruppe innerhalb der Parteimitgliedschaft, auch wenn sie, gemessen am Anteil an der gesamten Erwerbsbevölkerung, in der NSDAP unterrepräsentiert waren. Nach 1930 bekannten sich auch Honoratioren zur NSDAP. Sie entwickelte sich darum zu einer tendenziell alle sozialen Schichten erfassenden "nationalistischen Volkspartei", deren soziales Profil sich im Laufe der Parteigeschichte immer wieder veränderte.

Die Integration der verschiedenen von der NSDAP und ihren Gliederungen bzw. Nebenorganisationen angesprochenen Interessen machte Hitler als Führer- und Integrationsfigur unentbehrlich. Die Attraktivität der Hitler-Partei lag nicht in konkreten sozialen und politischen Programmen, sondern in dem Kult um Hitler, der als Retter und Erneuerer erwartet und bejubelt wurde. Mit der massenwirksamen Volksgemeinschaftsparole wurden die vielfältigsten Erwartungen nach Aufhebung aller Standes- und Klassenschranken wie nach Statusbewahrung ebenso angesprochen wie die Hoffnung anderer Gruppen auf soziale Mobilität.

Auf keinen Fall kann die Dynamik der nationalsozialistischen Glaubens- und Protestbewegung mit materiellen Unterstützungen der Großindustrie erklärt werden. Die Finanzierung der gewaltigen Propagandakampagnen der NSDAP erfolgte in erster Linie durch die Mitglieder und ihre Beiträge sowie durch Eintrittsgelder, dann durch Hilfe von Sympathisanten vor allem mit kleineren und mittleren Betrieben. Es liegen keine Belege für eine kontinuierliche finanzielle Förderung der NSDAP durch die Großindustrie vor. Zudem war das Verhalten der Großindustrie gegenüber der NSDAP und Hitlers Regierungsbeteiligung 1932/33 sehr uneinheitlich; nur eine kleine Fraktion unterstützte Hitler. Wichtiger war die Rolle der Großwirtschaft und anderer traditioneller Machteliten bei der Zerstörung der parlamentarischen Demokratie zugunsten einer autoritären Staatsform, die sich am Ende vor dem Ansturm der NSDAP nicht behaupten konnte.
Seit dem Erdrutsch der Septemberwahlen von 1930 versuchte Hitler durch seine Doppelstrategie des Ausbaus einer eigenen, ungeteilt verfügbaren Massenbewegung einerseits und taktischer Bündnisse mit den traditionellen Machtgruppen in Politik, Bürokratie, Militär und Wirtschaft andererseits, an die politische Macht zu kommen. Diese Taktik war in der NSDAP nicht unumstritten und erfuhr immer wieder Rückschläge; entweder durch terroristische Ausbrüche der SA oder durch Zurückweisungen seitens der erhofften konservativen Bündnispartner. Während die nationalkonservativen Kräfte, die ihr eigenes Anhängerpotential seit 1929/30 an die NSDAP verloren hatten, sich vom Bündnis mit der wählerstärksten Massenbewegung eine Massenbasis und plebiszitäre Legitimation ihres autoritären politischen und gesellschaftlichen Programms erhofften und darauf vertrauten, dass sie im Besitz von Reichswehr und Bürokratie den "Trommler" und seine radikale Massenbewegung "zähmen" könnten, brauchte Hitler umgekehrt ihre Unterstützung, um die Kluft schließen zu können, die seine nichtetablierte Protestpartei trotz ihrer Wahlerfolge noch immer von der Macht trennte.

Die Machtübertragung wurde möglich in einem Moment des politischen Machtvakuums einerseits und deutlicher Verschleißerscheinungen bei der NSDAP andererseits. Sie wurde eingeleitet durch ein Geflecht von politischen Fehleinschätzungen und Intrigen, die ihrerseits Produkt der Auflösung der demokratischen Verfassungsorgane waren. In der unübersichtlichen Situation des Jan. 1933 bewirkte die direkte Einflussnahme von Hitlers Partnern aus der "nationalen Front" auf den Reichspräsidenten, dass dieser sein Ziel einer Regierung der "nationalen Einheit" nur durch Hitler und die NSDAP meinte realisieren zu können und darum schließlich am 30.1.1933 der Ernennung Hitlers zum Kanzler eines Präsidialkabinetts zustimmte, in dem die Nationalkonservativen die drei Nationalsozialisten sicher eingerahmt glaubten.

2. Machtausübung

2.1 Die Errichtung der Diktatur

Die dramatische Monopolisierung der politischen Macht durch den NS innerhalb eines halben Jahres erfolgte durch die nicht geplante, aber mit großem Machtinstinkt betriebene Doppelstrategie von Gewalt und Legalität, von revolutionärem Druck von unten und administrativem Nachvollzug von oben, begleitet von Terror und Propaganda. Dieser Prozess vollzog sich stufenförmig unter entschlossener Ausnutzung aller durch das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten gegebenen Mittel bei gleichzeitiger gewaltsamer Ausschaltung der Gegner, zunächst der politischen Linken, dann aber auch der übrigen Parteien. Begleitet wurde dieser Vorgang, der seither zum Modell einer totalitären Machteroberung wurde, durch weitere Fehleinschätzungen und eine zunehmende Welle der Anpassung, Selbstgleichschaltung und Massenbegeisterung.

Die wichtigsten Etappen auf dem Weg zur Eroberung und Monopolisierung der Macht waren die Ausschreibung von erneuten Reichstagswahlen, mit der das propagandistische und terroristische Potential der NSDAP nun unter Ausnutzung des staatlichen Schutzes und Apparates freigesetzt wurde. Ferner die Instrumentalisierung des Reichstagsbrandes zur Verkündung des permanenten Ausnahmezustandes mit Hilfe der präsidialen Notverordnung vom 28.2.1933 "Zum Schutz von Volk und Reich", die zur formellen Grundlage für großangelegte Verfolgungsmaßnahmen und zur eigentlichen "Verfassungsurkunde" des Dritten Reichs wurde. Alle bürgerlichen Grundrechte wurden außer Kraft gesetzt, zugleich bot sie unter dem Mantel der scheinbaren Legalität auch die Möglichkeit, in die inneren Verhältnisse der Länder einzugreifen. Die Reichstagswahlen, die in einem Klima der legalisierten Rechtsunsicherheit stattfanden, brachten der NSDAP (43,9 % der Stimmen, 288 Mandate) nur zusammen mit dem deutschnationalen Koalitionspartner (8 % der Stimmen) die absolute Mehrheit. Sie waren der Auftakt zur nächsten Etappe der Machtergreifung: der durch ein nationales Erneuerungspathos verdeckten Selbstausschaltung des Reichstages durch das Ermächtigungsgesetz (23.3.1933), das zugleich Hitler unabhängig von Reichspräsident und Kabinett machte. Vorangegangen war diesem scheinlegalen Akt unmittelbar nach der Wahl die Gleichschaltung der Länder; seine Folge war der Funktionsverlust der Parteien, die gleichzeitig wie die Länderregierungen unter dem terroristischen Druck der NSDAP-Gliederungen standen. Von der Welle der Gleichschaltung wurden neben den Parteien einschließlich des deutschnationalen Bündnispartners schließlich in unterschiedlicher Intensität alle gesellschaftlichen Verbände und Vereine erfasst. Begleitet wurde dies von ersten Verfolgungs- und Boykottmaßnahmen gegen jüdische Bürger.

Abgeschlossen wurde die Machteroberung ein Jahr später. Hitler nutzte im Bündnis mit der Reichswehrführung und der SS die "Röhm-Affäre" am 30.6.1934 zu einem Doppelschlag gegen innerparteiliche Rivalen und den SA-Führer Röhm sowie gegen konservative Opponenten und andere politisch missliebige Personen, die alle ermordet wurden. Mit der Niederschlagung der SA begann zugleich der Aufstieg der SS unter Reichsführer H. Himmler, die ihre Sonderstellung bereits mit dem Zugriff auf die politische Polizei bzw. die Konzentrationslager begründet hatte und zum Organ der Gegnerbekämpfung und schließlichen Vernichtungspolitik wurde.

Mit der Vereinigung der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers auf den Führer der NSDAP am 2.8.1934 gab es keine verfassungsmäßige Institution mehr, die Hitlers Stellung hätte eingrenzen können.

2.2 Machtkonsolidierung und Führerstaat

Es begann nun eine Phase der Machtkonsolidierung, die im Inneren von einer im Zeichen einer einseitigen Rüstungswirtschaft getragenen wirtschaftlichen Erholung und einem wachsenden Abbau der → Arbeitslosigkeit, nach außen durch zunächst zögerliche, dann aber seit 1935 risikoreiche Verletzungen des internationalen Vertragssystems gekennzeichnet war, die alle mit der Wiederherstellung deutscher Gleichberechtigung und Revision des Versailler Vertrags gerechtfertigt wurden.

Mit den wirtschaftlichen und sozialen und schließlich auch den nationalpolitischen Erfolgen wuchs die Zustimmung zum Regime, die sich vor allem auf einen wachsenden Führermythos stützte. Damit sicherte Hitler zugleich seine politische Stellung innerhalb des nationalsozialistischen Führerstaates, der im Unterschied zu den autoritär-etatistischen Erwartungen der traditionellen Machteliten von einer ständigen Dynamik und Aushöhlung überkommener staatlicher Bürokratien durch führerunmittelbare Parallelämter und Parteiapparate bestimmt war. Das schmälerte die Einflussmöglichkeiten der traditionellen Machteliten in Bürokratie, Heer und Wirtschaft und stärkte den Führerabsolutismus Hitlers. Vor allem wurden damit die Voraussetzungen für die Durchsetzung der radikalen Weltanschauung geschaffen, die sich seit 1938 in einer verschärften Aggressions- und Eroberungspolitik nach außen und in einer radikaleren Verfolgungspolitik nach innen zeigte.

2.3 Auf dem Weg zur Kriegs- und Vernichtungspolitik

Das Ende der konservativen Stilisierung und Mäßigung war mit der Blomberg-Fritsch-Affäre vom Febr. 1938 gekommen, die Hitler nun den Zugriff auf die Wehrmacht und die Ausschaltung weiterer konservativer Machtträger im Auswärtigen Amt wie in der Wirtschaftspolitik erlaubte. Nach dem von einer Woge der Zustimmung getragenen gewaltsamen "Anschluss" von Österreich im März 1938 und dem Sudetengebiet im Okt. stellten die Novemberpogrome von 1938 mit ihren anschließenden Verordnungen zur wirtschaftlichen Ausschaltung der dt. Juden den entscheidenden Markstein auf dem Weg zur sogenannten Endlösung der Judenfrage dar, d. h. der massenhaften bürokratisch-fabrikmäßigen Vernichtung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg.

Die Entfesselung des Krieges im Sept. 1939 schließlich setzte den nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungswillen vollends frei und stellte zugleich eine weitere Etappe in der Radikalisierung des Herrschafts- und Überwachungssystems im Inneren dar. Höhepunkt dieser Weltanschauungspolitik war der Russlandfeldzug im Sommer 1941 und die gleichzeitige Vorbereitung des Holocaust in den Vernichtungslagern im Osten, die im Spätherbst 1941 ihre Arbeit aufnahmen.

Mit der Machtüberdehnung und den schweren militärischen Niederlagen seit 1943 begann der Niedergang des nationalsozialistischen Regimes, das freilich nur von außen und militärisch durch die Anti-Hitler-Koalition besiegt wurde, während es sich im Inneren bis zuletzt auf eine hohe Massenloyalität, bei gleichzeitiger Verschärfung des Verfolgungssystems, stützen konnte. Erst mit dem Abbröckeln des Hitler-Mythos begann der Verfall des NS, der als Partei in der Bevölkerung freilich immer weniger Zustimmung gefunden hatte und sich während des Krieges auf einem Tiefpunkt in dem Urteil der Bevölkerung befand.

Mit der Niederlage des nationalsozialistischen D im Mai 1945 und dem Ende der beiden Diktatoren Hitler und Mussolini war auch die "Epoche des Faschismus" (Nolte 1963) zu Ende, der überdies mit den gewaltigen politischen und sozialen Veränderungen, die seine Herrschaft mit sich brachte, zugleich auch die Voraussetzung der eigenen Machtergreifung zerstört hatte.

3. "Vergangenheitsbewältigung"

Im Umgang der beiden dt. Nachkriegsstaaten mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zeigen sich deutliche Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Für beide deutsche Staaten diente die Erinnerung an den NS, der in der → DDR immer als Faschismus bezeichnet wurde, zur normativen Abgrenzung und Legitimation der neuen Ordnung. Für die frühe BRD war die Erinnerung an die NS-Zeit Teil eines antitotalitären Grundkonsenses, der vor allem die Neubegründung eines freiheitlichen Verfassungs- und → Sozialstaates rechtfertigte. Für die DDR war dies die Grundlage eines verordneten Antifaschismus, der behauptete, mit der Errichtung einer sozialistischen Gesellschafts- und Herrschaftsordnung alle Wurzeln des Faschismus getilgt zu haben. Tatsächlich wurde damit nur eine Diktatur gegen eine andere eingetauscht. Von einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Problemen einer millionenfachen Verstrickung in das NS-Regime und den dadurch ausgeformten politischen Verhaltensmustern war man durch die bis zum Ende der DDR gültige marxistisch-leninistische Faschismusdoktrin entbunden, die die nationalsozialistische Diktatur als die Herrschaft einer kleinen Gruppe des "Monopolkapitals" über das deutsche Volk darstellte. Umgekehrt haben in der BRD eine "gewisse Zurückhaltung in der öffentlichen Thematisierung individueller oder auch institutioneller Nazi-Vergangenheiten" (Lübbe) zusammen mit den Stimmungslagen des Kalten Krieges zu einer Verdrängung der Vergangenheit beigetragen, die zwar einerseits die Integration der Mio. von Mitläufern in den neuen demokratischen Staat erlaubte, andererseits seit den 60er Jahren zu einer Belastung der → politischen Kultur der BRD wurde. Seither brach immer wieder eine heftige politisch-moralische Debatte um die NS-Vergangenheit in der Öffentlichkeit auf, die auch die geschichtswissenschaftliche Forschung berührte. Nun fanden auch die wissenschaftlichen Kontroversen um die Interpretation des NS, der so intensiv erforscht wurde wie keine andere Epoche der dt. Geschichte, eine große Resonanz in der Öffentlichkeit. Dies galt für den "Historikerstreit" von 1986/87 wie für die Diskussion über die Thesen von D. Goldhagen 1996 und die heftigen Auseinandersetzungen um die "Wehrmachtsausstellung" seit 1995. Zwar brachten diese Kontroversen wissenschaftlich keine neuen Erkenntnisse, veränderten aber das öffentliche Geschichtsbewusstsein, indem sie oft in polemischer Überzeichnung und in einer Art Schocktherapie das Wissen um die Verstrickung weiter Teile der dt. → Gesellschaft in die Ausgrenzungs- und Vernichtungspraxis des NS-Unrechtsregimes verbreiteten und die Erinnerung an die NS-Zeit zu einem Element einer negativen dt. Identität machten.


Literatur

Broszat, Martin 1984: Die Machtergreifung. Der Aufstieg der NSDAP und die Zerstörung der Weimarer Republik. München.

Frei, Norbert 1996: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. München.

Herbst, Ludolf 1996: Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Frankfurt a. M.

Kershaw, Ian 1998-2000: Hitler 1889-1936; 1936-1945. Stuttgart.

Kielmannsegg, Peter Graf 1989: Lange Schatten. Vom Umgang der Deutschen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Berlin.

Thamer, Hans-Ulrich 1986: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945. Berlin.

Wildt, Michael 2008: Geschichte des Nationalsozialismus. Göttingen.

Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Hans-Ulrich Thamer


1|2|3 Auf einer Seite lesen

Lexika-Suche

Dossier

Deutsche Demokratie

In der deutschen Demokratie ist die Macht auf mehr als 80 Millionen Menschen verteilt: Alle Bürger sind für den Staat verantwortlich. Aber wie funktioniert das genau? Wer wählt den Kanzler, wer beschließt die Gesetze? Und wie wird man Verfassungsrichter?

Mehr lesen

Dossier

Grundgesetz und Parlamentarischer Rat

Am 1. September 1948 traf in Bonn zum ersten Mal der Parlamentarische Rat zusammen, um das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland auszuarbeiten. Viele Fragen mussten beantwortet werden: Wie sollte der neue Staat aussehen? Nach welchen Prinzipien sollte er funktionieren?

Mehr lesen

Mediathek

Wie ein Gesetz entsteht

Gesetze bilden die Grundlage für das Zusammenleben in Deutschland. Bei ihrer Erstellung sind viele verschiedene Akteure eingebunden: der Bundestag, der Bundesrat, die Bundesregierung und der Bundespräsident. Wie funktioniert das Zusammenspiel? Was passiert bei Konflikten zwischen den Akteuren? Und was sind "Einspruchsgesetze"? Der Infofilm zeigt anschaulich die Entstehung eines Gesetzes - von der Initiative bis zur Verabschiedung.

Jetzt ansehen