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Politikwissenschaft

4. Expansion und Professionalisierung

Schon in den 1950er Jahren hatten die Gründungsväter der bundesdeutschen PW darauf gedrängt, ihre Disziplin durch die Anerkennung als berufliches Ausbildungsfach für den höheren Verwaltungsdienst und das Lehramt an Schulen abzusichern. Der Durchbruch gelang aber erst, als mit der um die Wende von den 1950er zu den 1960er Jahren immer dringender werdenden Auseinandersetzung mit der "jüngsten deutschen Vergangenheit" das gymnasiale Schulfach der Sozialkunde bundesweit eingeführt wurde und dabei die PW neben der Soziologie und der Nationalökonomie eine offizielle Ausbildungsrolle erhielt.

Die Erfüllung dieser pädagogischen Ausbildungsfunktion, aber auch das Bestreben um die allgemeine Anerkennung als normale Universitätsdisziplin erforderte den Ausbau der PW von einem Einmannfach zu einer thematisch wie personell ausdifferenzierten Disziplin. Die programmatische Grundlage für diese Bemühungen wurde eine im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft von dem jungen politischen Soziologen M. R. Lepsius verfasste "Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft" (Lepsius 1961). Darin wurden die Entwicklung des Faches von einer allgemeinbildenden und propädeutischen Lehrdisziplin zu einer theoretisch anspruchsvollen Einzelwissenschaft und daher der Ausbau der einschlägigen Universitätsinstitute von Lehrseminaren zu Forschungsinstituten mit einem entsprechenden Personal gefordert. Der Wissenschaftsrat übernahm im folgenden Jahr die Forderung von Lepsius, an jeder Universität in neuzuschaffenden Sozialwissenschaftlichen Abteilungen mindestens drei planmäßige politikwissenschaftliche Professuren (Politische Theorien, Politische Institutionen und Internationale Beziehungen) und ein Forschungsinstitut mit angemessener Mitarbeiterzahl und adäquaten Sachmitteln einzurichten.

Diese anspruchsvollen Forderungen wurden in den sechziger Jahren erstaunlich schnell umgesetzt. Eine Vorreiterrolle kam dabei der mit der Ruhr-Universität Bochum (1965) einsetzenden Gründungswelle neuer Universitäten zu, während an den etablierten Universitäten noch manche früheren Vorbehalte zu überwinden waren. Das Fach profitierte von der allgemeinen Expansionsstimmung im tertiären Bildungssektor. Nicht nur wurden jene Teilbereiche systematisch ausgebaut, die bereits im Gründungsjahrzehnt der 1950er Jahre eine Rolle gespielt hatten. Auch kamen neue Lehr- und Forschungsgebiete hinzu, allen voran die Analyse der → Außenpolitik und Internationalen Beziehungen und die sich aus diesem Bereich ausdifferenzierende Entwicklungsforschung (→ Entwicklungspolitik) und die Friedens- und Konfliktsforschung. Die Forschung und → Politikberatung auf diesen Gebieten wurde nicht nur an den Hochschulen intensiviert, sondern auch von eigenständigen Instituten und den → Politischen Stiftungen übernommen.

Aufgrund der doppelten Expansion, sowohl der allgemeinen Zahl der Hochschulen als auch der Lehrstuhlvertretungen der Disziplin, kam es in den 15 Jahren zwischen 1960 und 1975 zu einer erheblichen Vermehrung der Zahl der Professuren, Mittelbaustellen und auch Studierenden im Fach PW. 1960 existierten an den insgesamt 18 bundesdeutschen Universitäten 24 politikwissenschaftliche Lehrstühle, doch davon allein 10 Professuren an dem mit der Freien Universität verbundenen Zentrum politikwissenschaftlicher Lehre und Forschung in Westberlin. 1965 waren es bereits 51 Professorenstellen für PW und bis 1973 stieg, vor allem nach dem Antritt der sozialliberalen Bundesregierung (1969), die Zahl bis zum Jahr 1975 auf 133.

5. Krise und Konsolidierung

Die enorme Expansion in den 1960er und 1970er Jahre war aber auch eine wesentliche Ursache für die nachfolgenden Krisen der PW. In quantitativer Hinsicht führte sie dazu, dass der Stellenmarkt für Politikwissenschaftler, zumal nachdem dessen Ausweitung infolge der durch die Ölpreiskrise 1974 bewirkten wirtschaftlichen Krise abrupt zu einem Ende kam, auf Jahrzehnte verstopft war. In qualitativer Hinsicht wurde durch die Expansion die wissenschaftliche Homogenität und Integrität des Faches auf die Probe gestellt. Vor dem Hintergrund der Studentenbewegung eskalierte der legitime Streit um die zentralen Theorien (normativ-ontologisch, empirisch-analytisch oder historisch-kritisch) zum politischen Lagerkampf zwischen angeblich restaurativen, systemaffirmativen oder fortschrittlichen Kräften.

Die mehr politischen als wissenschaftlichen Konfrontationen in der bundesdeutschen PW während der 1970er Jahre prägten auch die Auseinandersetzungen in ihrer Fachvereinigung und dem Fachorgan. Sie führten langfristig dazu, dass sich 1983 von der DVPW die "Deutsche Gesellschaft für Politikwissenschaft" (DGPW) als eine Vereinigung wissenschaftlich wie politisch mehr traditionell eingestellter Professoren abspaltete.

Jüngere, politisch moderat gestimmte und wissenschaftlich anspruchsvolle Politikprofessoren steuerten der Krise des Faches seit Ende der 1970er Jahre mit einem wissenschaftlichen und politikberatenden Konsolidierungskurs entgegen. Ein wesentlicher Bestandteil war dabei die Neupositionierung der bundesdeutschen PW im akademischen Fächerkanon. Die (Wieder-) Gründung der Disziplin nach 1945 war ganz überwiegend im Rahmen der Geisteswissenschaften vonstatten gegangen, nahm damit nicht nur die Ursprungsfächer der ersten Generation bundesdeutscher Politikwissenschaftler auf, sondern knüpfte auch an die Tradition der älteren Politiklehre vor 1900 an. Seit den frühen 1980er Jahren bemühte sich die PW um eine entschiedene Profilierung ihrer theoretischen Anstrengungen und ihres methodologischen Instrumentariums als einer "modernen Sozialwissenschaft". Dabei orientierte man sich unter dem szientistischen Einfluss des amerikanischen Behaviorismus bei der Theoriebildung, aber noch mehr den Methoden, Verfahren und Arbeitstechniken am Vorbild der Naturwissenschaften und der in diesen herrschenden Anforderungen und Annahmen exakter Wissenschaft. Eng verbunden mit einem modernen Verständnis der PW als einer Subdisziplin der empirischen Sozialforschung war die Entdeckung eines großen weiteren Gegenstandsbereiches der Disziplin in Gestalt der Politikfelder: Neben die Analyse der "polity" als dem institutionellen Rahmen und der Untersuchung der "politics" als den Prozessen der Politik trat nun auch die Erforschung der "policies" als den Bereichen und Ergebnissen öffentlichen Handelns. Arbeitsmarkt-, Bildungs-, Gesundheits-, Sozial-, Umweltpolitik und viele anderen Politikfelder wurden nun zu Gebieten nicht nur der politikwissenschaftlichen Forschung, sondern auch intensivierter → Politikberatung, allerdings in Konkurrenz mit den anderen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Die bundesdeutsche PW hat sich gegen Ende des 20. Jh.s in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit und aus der Sicht der anderen akademischen Disziplinen zu einer ganz normalen Wissenschaft entwickelt, deren Existenz und Position nicht mehr in Frage gestellt wurde. Zu dieser Stabilisierung trug wesentlich die Öffentlichkeitsarbeit des Faches bei, die nicht mehr auf progressive Belehrung der konservativ gestimmten Wählermehrheit und auf Konfrontation mit den Nachbarwissenschaften, sondern auf Kooperation außerhalb und innerhalb der Hochschulen setzte. Mit 324 Professuren ist die Politikwissenschaft an den deutschen Universitäten relativ gut ausgestattet (2011). In dem Fach sind über 30.000 Studierende eingeschrieben, was 1,5 % der Gesamtstudentenzahl ausmacht.

6. PW und deutsche Vereinigung

Der Erfolg des Konsolidierungskurses zeigte sich nach 1990, als im Rahmen des Prozesses der deutschen Vereinigung die bundesdeutsche PW auch an den Hochschulen in den neuen Bundesländer der ehemaligen DDR weitgehend unkontrovers und problemlos etabliert werden konnte. In der → DDR hatte keine PW existiert, da die herrschende SED (→ Die Linke) das Monopol nicht nur der politischen Führung, sondern auch der Interpretation der als wissenschaftlich postulierten Lehren des Marxismus-Leninismus beanspruchte. Mit dem Zusammenbruch der SED-Herrschaft im Herbst 1989 kollabierte auch der Marxismus-Leninismus als Universitätsdisziplin, auch wenn sich die Sektionen und viele Hochschullehrer dieses Faches durch die einfache Umbenennung zu Politikwissenschaftlern zu retten suchten. Doch angesichts des weitgehenden Defizits an institutionalisierter PW und ausgebildeten Politikwissenschaftlern in der alten DDR war der Neuaufbau des Faches an den Hochschulen der neuen Bundesländer in Gestalt einer Übertragung des Westmodells auf den Osten unumgänglich. Unter Leitung der beiden bundesdeutschen Fachverbände der PW wurden nicht nur für das Übergangsjahr 1990/91 westdeutsche Gastprofessoren an die ostdeutschen Universitäten vermittelt, sondern wurde auch deren Regelausstattung in Anlehnung an die in der alten Bundesrepublik üblich gewordene Aufteilung mit vier politikwissenschaftlichen Professuren (Politische Theorie und Ideengeschichte; Deutsches Regierungssystem; Vergleichende Regierungslehre; Internationale Politik und deutsche Außenpolitik) beschlossen. So konnten bis zum Jahr 1995 an den ostdeutschen Universitäten 53 Politikprofessuren besetzt werden, wobei überwiegend westdeutsche Bewerber zum Zuge kamen.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Wilhelm Bleek



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