Politikwissenschaft

7. Perspektiven

Beim Rückblick auf die Geschichte der PW in D und insbesondere ihre turbulente Entwicklung in der BRD während der letzen sechs Jahrzehnte zeichnen sich einige Trends und Prognosen für die nächste Zukunft des Faches ab. An erster Stelle ist seine fortschreitende Internationalisierung zu nennen. Schon die Gründung des deutschen Fachverbandes DVPW im Jahr 1952 ging auf eine Initiative des vier Jahre zuvor etablierten politikwissenschaftlichen Weltverbandes (International Political Science Association, IPSA) zurück, dem heute (2011) 52 nationale und regionale Organisationen mit über 35.000 Politikwissenschaftlern angehören (vgl. Coackley/Trent 2000). Noch bedeutsamer für den Forschungsalltag der PW in D wie in den übrigen europäischen Staaten ist inzwischen die Zusammenarbeit im 1970 gegründeten European Council of Political Research (ECPR).

Die Internationalisierung der PW ist gekennzeichnet durch den großen, wenn nicht hegemonialen Einfluss der quantitativ wie qualitativ in der ganzen Welt dominierenden amerikanischen PW. Die als Amerikanisierung sowohl gepriesene als auch angeprangerte Vorbildfunktion der Political Science in den USA trifft allerdings nur für den Bereich der sozialwissenschaftlichen Forschung voll zu, auf vielen anderen Gebieten und insbesondere im Alltag der Lehre herrschen in den Politikwissenschaften der einzelnen Staaten immer noch sehr verschiedenartige Denkstile, wie sie auf anschauliche Weise der schwedische Sozialwissenschaftler und Friedensforscher J. Galtung auf den Begriff gebracht hat (Galtung 1983). Sowohl auf internationaler Ebene wie auch im nationalen Rahmen sollte die PW auf die produktive Kraft einer Vielfalt nicht nur ihrer Themen, sondern auch der zugrunde liegenden Theorien und der angewandten Methoden setzen. Die Warnung vor den Monopolansprüchen eines Ansatzes ist nicht nur eine Lehre aus der Existenzkrise des bundesdeutschen Faches in den 1970er Jahren, sie gilt heute auch gegenüber einem überzogenen Kurs der empirisch-sozialwissenschaftlichen Profilierung der deutschen PW, der Anfang der 1980er Jahre zur Spaltung des Fachverbandes führte.

So tragen auch traditionelle Bemühungen, die sich mehr auf die Analyse von Institutionen konzentrieren und geisteswissenschaftlich angelegt sind, zum Erkenntnisgewinn in Lehre und Forschung bei. In diesem Zusammenhang ist das wachsende Interesse in der deutschen PW an ihrer eigenen Vergangenheit, das sich in der Gründung eines einschlägigen Arbeitskreises in der DVPW und einer ersten Gesamtdarstellung der Geschichte der PW in D (Bleek 2001) niedergeschlagen hat, ein erfreuliches Zeichen.

Aus der Geschichte des Faches sind nicht nur Trends über seine interne Entwicklung, sondern auch Prognosen über den Einfluss dabei wirksamer externer Faktoren abzuleiten. Dazu gehört die Vermutung, dass die PW durch die sich auch in D abzeichnende prinzipielle Umorientierung in den universitären Studiengängen von einer rigiden Ausbildungsfunktion zu einem breiter angelegten Bildungsstudium auf der Bachelor-Ebene profitieren wird. Allerdings wird auch die Befürchtung geäußert, dass der Bologna-Prozess auf dem Gebiet der Master-Studiengänge durch deren Ausdifferenzierung zur Fragmentierung des einheitlichen Profils der PW führen könne. Schließlich zeichnet sich auch ab, dass es auf der Ebene des Graduiertenstudiums durch dessen Anbindung an Exzellenzcluster und Sonderforschungsbereiche zu einer Verstärkung des Prestigegefälles zwischen den einzelnen Universitätsstandorten der PW in D kommen wird.

Insgesamt können wir aus der Geschichte des Faches lernen, dass seine Entwicklung insbesondere vom Wandel des politischen Systems und seiner Werte (→ Wertewandel) bestimmt wird. Die Entfaltung der PW ist wesentlich von freiheitlichen Grundstrukturen abhängig. So erkennt man ein Wechselverhältnis zwischen der PW und dem politischen System der Bundesrepublik: Nicht nur analysiert die PW das politische System, umgekehrt ist auch das politische System der Rahmen für die politikwissenschaftlichen Bemühungen in Forschung und Lehre.


Literatur

Bleek, Wilhelm 2001: Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland. München.

Bleek, Wilhelm 2003: Deutsche Staatswissenschaften im 19. Jahrhundert. Disziplinäre Ausdifferenzierung und Spiegelung moderner Staatlichkeit, in: Benz, Arthur/ Holtmann, Everhard (Hrsg.): Policyforschung im Prozess der Staatsentwicklung. Opladen, S.41-67.

Bleek, Wilhelm/Lietzmann, Hans J. (Hrsg.) 2005: Klassiker der Politikwissenschaft. München.

Coackley, John/Trent, John 2000: History of the International Political Science Association 1949-1999. Montreal.

Falter, Jürgen W./Wurm, Felix W. (Hrsg.) 2003: Politikwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, 50 Jahre DVPW. Wiesbaden.

Galtung, Johan 1983: Struktur, Kultur und intellektueller Stil. Ein vergleichender Essay über sachsonische, teutonische, gallische und nipponische Wissenschaft, in: Leviathan 11, S. 308-338.

Gerlach, Irene u. a. (Hrsg.) 2010: Politikwissenschaft in Deutschland. Baden-Baden.

Hartmann, Jürgen 2003: Geschichte der Politikwissenschaft. Grundzüge der Fachentwicklung in den USA und in Europa. Opladen.

Lepsius, M. Rainer 1961: Denkschrift zur Lage der Soziologie und der Politischen Wissenschaft. Im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Wiesbaden.

Maier, Hans 1966: Die ältere deutsche Staats- und Verwaltungslehre (Polizeiwissenschaft). Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Wissenschaft in Deutschland. Neuwied. Berlin [2. Auflage: München 1980].

Mohr, Arno 1988: Politikwissenschaft als Alternative. Stationen einer wissenschaftlichen Disziplin auf dem Wege zu ihrer Selbständigkeit in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1965. Bochum.

Nohlen, Dieter (Hrsg.) 1992-1998: Lexikon der Politik. 7 Bde. München.

Nohlen, Dieter/Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.) 2001: Lexikon der Politikwissenschaft. 2 Bde. München.

Rohe, Karl 21994: Politik. Begriffe und Wirklichkeiten. Stuttgart.

Schmidt, Manfred G. 22004: Wörterbuch zur Politik. Stuttgart.

Schüttemeyer, Suzanne S. 2007: The Current State of Political Science in Germany, in: Klingemann, Hans-Dieter (Hrsg.) 2007: The State of Political Science in Western Europa. Opladen/Farmington Hills, S. 163-186.

Söllner, Alfons 1996: Deutsche Politikwissenschaftler in der Emigration. Studien zu ihrer Akkulturation und Wirkungsgeschichte. Opladen.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Wilhelm Bleek



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