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Politische Bildung

Begriffe



Die Notwendigkeit politischer Bildung (pB) ist heute unbestritten. PB in einem weiten Sinne ist ein Sammelbegriff, der alle Prozesse umfasst, die auf jeden Menschen als Mitglied einer sozialen und politischen Ordnung über unterschiedliche Gruppen, Organisationen, Institutionen und Medien politisch prägend einwirken. PB in einem engeren Sinne ist die Sammelbezeichnung für alle bewusst geplanten und organisierten, kontinuierlichen und zielgerichteten Maßnahmen von Bildungseinrichtungen, um Jugendliche und Erwachsene mit den zur Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben notwendigen Voraussetzungen auszustatten. PB im letzteren Sinne findet sowohl in der Schule, im Unterricht bestimmter Fächer, als Unterrichtsprinzip oder in Bildungsprozessen außerschulischer Institutionen statt. So wichtig die außerschulische pB auch sein mag, der Kern der theoretischen Diskussion um Grundlagen, Ziele, Konzeptionen und Rechtfertigungen pB beschränkt sich im Wesentlichen auf die pB in der Schule und auf die entsprechenden Unterrichtsfächer. PB in der Schule steht daher auch im Mittelpunkt der weiteren Ausführungen. Durch diese Eingrenzung ist allerdings eine inhaltliche Bestimmung des Begriffs noch nicht geleistet. Versucht man in der Vielzahl der unterschiedlichen Positionen einen gemeinsamen begrifflichen Kern zu erkennen, erweist es sich als hilfreich, zunächst nach den gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen, die zur Herausbildung einer eigenständigen pB in der Schule geführt haben, und nach den Funktionen dieser pB für das → politische System. Die Entstehungsbedingungen pB in der Schule sind in einem engen Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Entwicklungs- und Modernisierungsprozess zu sehen. Die Entwicklung komplexer politischer und wirtschaftlicher Strukturen im Zuge der Industrialisierung, der Urbanisierung, der zunehmenden politischen Mobilisierung und der Ausweitung individueller und kollektiver politischer Beteiligungsmöglichkeiten hatte auch die Ausdifferenzierung und Institutionalisierung einer spezifischen pB zur Folge. "Je mehr die Bürger von politischen Entscheidungen betroffen und in ihrer Existenz von politischen Entscheidungen abhängig wurden, je mehr politische Prozesse auch von den Bürgern neue Kenntnisse, Veränderungen von Einstellungen und Verhaltensweisen fordern und je mehr die Stabilität der politischen Strukturen von der Legitimation der politischen Ordnung durch die Bürger abhängig wird, desto wahrscheinlicher wird die Institutionalisierung politischer Bildung, die Vermittlung spezifischer Kenntnisse und normativer Orientierungen im allgemeinen Bildungssystem" (Behrmann 1972: 127 f.). Aus diesem Entstehungszusammenhang ergibt sich eine zentrale Funktion pB, die systematische Vermittlung von Kenntnissen über das bestehende oder angestrebte politische System. In dieser Funktion pB, politisches Wissen zu vermitteln und politische Legitimation herzustellen, liegt der empirische Kern und gleichzeitig ein gemeinsames Element, das pB trotz ihrer begrifflichen Vielfalt immer enthält. Die Vermittlung von Kenntnissen über das politische System kann jedoch nicht wertfrei erfolgen, sondern steht immer in Verbindung mit bestimmten politischen Zielen. Kann der empirische Kern pB auf den gesellschaftlichen Modernisierungsprozess zurückgeführt werden, lässt sich der normative Kern aus dem Demokratisierungsprozess der → Gesellschaft ableiten. Die normative Dimension pB ergibt sich aus dem Begriff des Bürgers und aus dem Begriff der Bildung. Der Verlauf der Demokratisierung, die Ausdehnung der politischen → Mitbestimmung erst auf einen großen Teil der Bürger, schließlich auf alle Bürger, intendiert einen Bürgerbegriff, der vor allem durch Autonomie gekennzeichnet ist, d. h. durch die Fähigkeit, selbständig, eigenverantwortlich und kompetent Verantwortung zu übernehmen. Ist Autonomie das Kennzeichen des Bürgerbegriffs, so ist Mündigkeit die Grundlage des Bildungsbegriffs. Von Mündigkeit kann man nur sprechen, wo der Mensch zu eigenem Denken gelangt ist. Autonomie und Mündigkeit sind nach allen historischen Erfahrungen nur in demokratischen Systemen möglich. Somit kann man unter pB die systematische Vermittlung von Kenntnissen über das demokratische politische System verstehen mit dem Ziel, autonome und mündige Bürger zu erziehen.

Innerhalb dieser allgemeinen Beschreibung des Entstehungszusammenhangs, der Funktionen und der Ziele pB sind sehr unterschiedliche Positionen und Konzeptionen pB möglich und legitim. PB und demokratisches System hängen eng zusammen, und in einer pluralistischen Demokratie (→ Pluralismus), die unterschiedliche Interessen zulässt, entstehen einerseits unterschiedliche Entwürfe zur pB, andererseits sind sie Gegenstand wissenschaftlicher und politischer Konflikte und Kontroversen. Bei der Entwicklung der pB wird neben der innerwissenschaftlichen Diskussion auch immer das Spannungsverhältnis sichtbar, das sich ausdrückt in den teils komplementären, zum großen Teil aber auch kontroversen Beziehungen zwischen bildungspolitischen Programmen des Staates und theoretisch-didaktischen Entwürfen der pB. Jede Darstellung der Entwicklung der pB in der BRD nach 1945 und im vereinten D nach 1989 ist daher immer auch zu sehen vor dem Hintergrund, wie die Forderung begründet wurde, die schulische pB in den Dienst wechselnder Ziele und Aufgaben der Politik zu stellen, welche Wege der Staat dabei beschritt und ob die Theorie und Didaktik der pB staatliche Ansprüche aufgegriffen, angenommen, weitergeführt oder abgewehrt und überwunden hat. Die Bedeutung pB für die → Demokratie nahm nach dem Fall der Mauer und nach der Vereinigung Ds tendenziell zu. Aktuell sind es vor allem Prozesse der Globalisierung, durch die die Demokratie in eine grundlegende Reflexion ihrer sozialen, sachlichen, zeitlichen und räumlichen Bestandsbedingungen und Bestandsvoraussetzungen hineingezogen wird und durch die sich Fragen nach den Aufgaben und Funktionen pB neu stellen.

Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, sich im kritischen Rückblick die unterschiedlichen Konzeptionen der pB zu vergegenwärtigen und die wichtigsten Konfliktlinien der politischen und wissenschaftlichen Diskussion kurz nachzuzeichnen. Eine chronologische Phaseneinteilung der pB in der BRD, orientiert an zentralen Kategorien, ergibt folgendes Bild.

2. Konzeptionen und Kontroversen



2.1 Erziehung zur Demokratie (re-education)

Die Entwicklung der pB nach 1945 wurde in erster Linie bestimmt durch die Umerziehungspolitik der Alliierten. Vor allem die amerikanische Umerziehungspolitik (re-education) beeinflusste die Diskussion um die pB in D. Für die Amerikaner war die Erziehung das einzige und beste Werkzeug, "um noch im gegenwärtigen Geschlecht in D die Demokratie" zu erreichen. Dabei wurde unter Demokratie nicht nur eine Regierungsform, sondern vor allem eine Lebensform verstanden, die bis ins Einzelne gelehrt werden müsse.

2.2 Partnerschaftspädagogik und Erneuerung der staatsbürgerlichen Erziehung

Nach der Gründung der BRD wurde die PB vor allem von zwei Konzeptionen geprägt. Von der 1951 veröffentlichten Schrift Friedrich Oetingers (Pseudonym für T. Wilhelm) "Wendepunkt der politischen Erziehung", in der der Autor den Anspruch erhob, "eine neue Theorie der politischen Erziehung" zu entwerfen. PB dürfe nicht länger Erziehung zum Staat oder zu einer bestimmten Staatsform sein, sondern Erziehung zu den Faktoren, die das Funktionieren der Demokratie bedingen. Das Wesen des Politischen liege in der Aufgabe der Politik, Frieden zu halten. Politische Erziehung sei demnach Erziehung zu einer menschlichen Haltung, die der friedenstiftenden und friedenerhaltenden Funktion der Politik möglichst weit entgegenkomme. Verständigung, Solidarität, der Mensch als Partner, menschliche Kooperation seien wesentliche Elemente der politischen Erziehung. Die zweite Konzeption entwarf in Auseinandersetzung mit Oetinger T. Litt, der schon die Staatsbürgerkunde der Weimarer Republik stark beeinflusst hatte. Litt warf der Partnerschaftserziehung vor, dass sie den Begriff des Politischen ins Soziale, ja allgemein Menschliche verflüssige. Sie blende den Staat, der allein den Frieden garantieren könne, ebenso aus wie das Phänomen des politischen Kampfes.

2.3 Grundlegende Einsichten als Ziel politischer Bildung

Ende der 50er Jahre kam es zu einer Neuorientierung der pB, die als "didaktische Wende" bezeichnet wird. Im Vordergrund stand die Frage, wie die pB dazu beitragen könne, dass Bürgerinnen und Bürger aus demokratischen Grundüberzeugungen heraus denken, urteilen und handeln. Probleme der didaktischen Erschließung und die Vermittlung politischer Grundeinsichten rückten dadurch stärker in den Blick. Diese "didaktische Wende" in der politischen Bildung fand ihren unmittelbarsten Ausdruck in dem Buch von K. G. Fischer, K. Herrmann, H. Mahrenholz "Der politische Unterricht" (1960). Das Ziel des politischen Unterrichts sollte danach sein, "elementare politische Einsichten zu wecken und derart verständlich bewusst zu machen, dass sie als Maßstab zukünftiger politischer Meinungs- und Willensbildung und als Grundlage politisch-vernünftigen Handelns des Staatsbürgers dienen" können. Die "didaktische Wende" mündete schließlich in die "Hessische Konzeption" pB, für die vor allem W. Hilligen, R. Engelhardt und K. G. Fischer stehen.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Peter Massing




 

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