1 | 2 Pfeil rechts

Politische Sozialisation

1. Begriff



Wenn die Menschen zooi politikoi sind – also mehr oder weniger bewusst in Gruppen bzw. Gemeinschaften sich organisierende Gesellschaftswesen – dann bezeichnet Sozialisation den Prozess, wie sie dazu werden. Der Begriff erlaubt eine Sicht aus zwei Perspektiven. Aus dem Blickwinkel der Individuen geht es um den Erwerb von Kenntnissen, Werten, Fähigkeiten, Einstellungen und Handlungsmöglichkeiten in Bezug auf alle Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Aus der Perspektive von Gesellschaften geht es um die Tradierung – oder aber die Veränderung – ihrer Normen und Institutionen bzw. Systeme und deren Funktionen. Grenzt man diese Betrachtungsweise ein auf den Bereich des ausdrücklich zweckhaften Denkens und Handelns zur Organisation bzw. zur Konfliktaushandlung gesellschaftlicher Einheiten (also Politik), so eignet sich der Begriff Politische Sozialisation (PS), der Ende der 50er Jahre von dem US-amerikanischen Politologen Herbert Hyman geprägt wurde (vgl. Rippl 2008; Kevenhörster 2008). Zunächst eher sozialpsychologisch gefasst, wurden später struktur-funktionale oder systemtheoretische Herangehensweisen der PS-Forschung favorisiert, während moderne Ansätze versuchen, normative, strukturelle, funktionale, lern- bzw. gesellschaftspsychologische Gesichtspunkte sinnvoll zu integrieren (vgl. Hurrelmann 2006). So kann man PS definieren als das lebenslange – bewusste und unbewusste – Lernen und die Persönlichkeitsbildung der Individuen in Bezug auf den Gegenstand "Politik". Man kann unter dem Paradigma der PS die expliziten Einflüsse politischer Tradition (z. B. → Politische Bildung) oder die generellen Auswirkungen des politischen Umfeldes (z. B. → Politische Kultur) auf die Individuen betrachten. Andererseits kann man aber auch die Kenntnisse, Meinungen, Einstellungen usw. der Individuen als Voraussetzungen politischen Handelns und damit in ihren Rückwirkungen auf die → politischen Systeme in den Blick nehmen.

2. Dimensionen der PS



Sozialisation kann immer auch als ein Spannungsverhältnis zwischen den Polen Individuation (Persönlichkeitsbildung) und Enkulturation (Platzfindung und Einbindung in die Gesellschaft) beschrieben werden. Das gilt auch für PS. Hier wird gefragt, wie und mit welchen Ergebnissen Individuen und politische Systeme bzw. Kulturen miteinander kommunizieren und interagieren.

Wenn man die Fragestellungen unter dem Begriff PS analytisch unterfächert, kann man zunächst unterscheiden zwischen implizitem (latenten) und explizitem (manifesten) politischem Lernen. Während Ersteres sich auf allgemeine Kenntnisse, Fähigkeiten und Affekte bezieht, die das politische Meinen, Wollen und Handeln vorprägen, aber es nicht direkt beinhalten, meint Letzteres das ausdrückliche Übernehmen (oder Ablehnen) politischer Meinungen und Handlungskonzepte, wie z. B. Parteipräferenzen oder andere Partizipationsmuster. Während die Frage nach dem latenten politischen Lernen eher mit sozialpsychologischen, pädagogischen und mikrosoziologischen Ansätzen verknüpft ist (und nahe an dem allgemeinen Sozialisationsbegriff bleibt), bildet die Untersuchung manifester politischer Sozialisation Voraussetzung und Bestandteil politischer Werte-, Kultur- und Meinungsforschung.

Eine weitere Differenzierung erfolgt in Phasen und Instanzen (auch als "Agenturen" bezeichnet) der PS. Abgegrenzt werden der frühkindlich/kindliche Bereich, gefolgt von der Jugendphase und dem Erwachsenenalter. Die Bedeutung dieser Phasen wird in bisherigen Forschungen unterschiedlich bewertet. Besonders sozialpsychologische Ansätze (oft in psychoanalytischer Tradition) gehen von der besonderen Prägung der (früh)-kindlichen Erziehung aus (Herausbildung entscheidender affektiver und kognitiver Grundeinstellungen im Elternhaus). Dem gegenüber stehen die Auffassung von der entscheidenden Bedeutung des Jugendalters (Ablösung von den Eltern, Gruppenbildung mit Gleichaltrigen, Bildungserfahrungen, Berufsfindung, erste Partizipationserfahrungen) oder die Betonung lebenslangen Lernens im Erwachsenenalter (Beeinflussung durch Medien, Rückwirkung eigener politischer Partizipation, Einfluss politischer Ereignisse und Rahmenbedingungen). Die hiermit schon aufgezählten Instanzen der PS werden oftmals unterteilt in primär, sekundär und manchmal auch noch tertiär. Entweder unterscheidet man das unmittelbare familiäre Umfeld als primäre Instanz von den sekundären Instanzen, wie Bildungsinstitutionen, Medien, Beruf. Oder man differenziert auch noch zwischen der Bildungssphäre – sekundär – und allen weiteren Bereichen des gesellschaftlichen Umfelds – tertiär – (vgl. Hopf/Hopf 1997; Hurrelmann 2006; Busch 2007).

Hypothesen und empirische Belege zur Gewichtung der Phasen und Instanzen variieren in der PS-Forschung stark in Abhängigkeit von den konkreten Forschungsfragen. Es zeichnet sich allerdings ein Konsens ab, politisches Lernen als lebenslangen Prozess zu beschreiben, der in der Jugend "eine besonders sensible und prägende Phase durchläuft" (Rippl 2008: 444) und auf während der Kindheit erworbenen allgemeinen Prädispositionen beruht.

Zu beachten sind allerdings die gegenseitigen Abhängigkeiten und Einflüsse der Phasen und Instanzen. Etwa die Einflüsse von Medien und Kommunikationsmitteln auf die Familien und auf die Bildungsinstitutionen. Darüber hinaus gilt es, gesellschaftliche und politische Änderungen nicht nur als mögliche Folgen, sondern auch als neue Rahmenbedingungen für PS zu betrachten.

Ein weiterer Aspekt des PS-Begriffs ist seine normative Anbindung. Die Frage nach der politischen Persönlichkeitsbildung, wobei die Individuen als autonom verstandenen werden, macht nur im Zusammenhang mit der Bejahung freiheitlicher, menschenrechtsbezogener und demokratischer politischer Systeme eigentlichen Sinn. In autoritären Systemen würde es lediglich um Erziehung und Propaganda gehen.

Zumindest implizit enthalten die meisten um den PS-Begriff gruppierten Forschungen Vorstellungen "gelungener" politischer Sozialisation. Zum einen geht dies auf die Forschungstraditionen der früheren politischen Sozialforschung zurück, die nach Ursachen für die katastrophalen politischen Regressionen des → Nationalsozialismus oder des Stalinismus suchten. Zum anderen wirkt gerade in D die Kritik an strukturfunktionalistischen Sichtweisen, die die Mechanismen der Einpassung der Individuen in politische Kulturen im Sinne der bloßen Weitergabe der Werte und Institutionen eines Systems betonten, fort. Wenn auch die Einstufung dieser Ansätze als "affirmativ" Zeitgeist und Terminologie der siebziger Jahre entsprach, so hat sich doch bis heute vielfach der Konsens herausgebildet, das (möglichst) kompetente und autonome Individuum und seine Möglichkeiten nicht nur zur Anpassung, sondern auch zu verändernder Gestaltung von Politik in den Mittelpunkt zu stellen (vgl. Rippl 2008).

3. Forschungsansätze



PS-Forschung ist in engem Zusammenhang mit Fragestellungen der politischen Kultur, politischer Meinungs-, Werte- und Wahlforschung und mit politischer Bildung zu sehen. In der Forschungstradition zeigt sich zudem eine deutliche Neigung zur politischen und pädagogischen Jugendforschung.

Die Frage nach PS ist im engeren Sinne die Frage nach einem Prozess. Dieser ist schwer zu erfassen, weil er intrapersonal, also innerhalb der (möglicherweise) politisch handelnden Individuen stattfindet. Er wäre nur mit aufwändigen und vorwiegend qualitativen sozialpsychologischen Methoden zu untersuchen. In der Forschungspraxis überwiegt schon deshalb ein etwas weiter gefasster Blickwinkel, aus dem vor allem die Inputs – also die die PS beeinflussenden Strukturen, Personen und Ereignisse – und die Outputs – also die resultierenden Kenntnisse, Meinungen, Kompetenzen und Handlungsdispositionen – betrachtet werden. Um auch hier einen zeitlichen, prozeduralen Aspekt zu integrieren, werden häufig Befragungen zu verschiedenen Zeitpunkten zu Zeitreihen kombiniert und miteinander verglichen. Neben zahlreichen Einzelstudien sind in D. zwei große Zeitreihenstudien bekannt und einflussreich: Die Shell Jugendstudien seit 1952 (Shell Deutschland 2010) und die Bielefelder Studien zu "deutschen Zuständen" (Heitmeyer 2010).


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Ulrich Meyer




 

Lexika-Suche

Dossier

Deutsche Demokratie

In der deutschen Demokratie ist die Macht auf mehr als 80 Millionen Menschen verteilt: Alle Bürger sind für den Staat verantwortlich. Aber wie funktioniert das genau? Wer wählt den Kanzler, wer beschließt die Gesetze? Und wie wird man Verfassungsrichter? Weiter... 

Dossier

Grundgesetz und Parlamentarischer Rat

Am 1. September 1948 traf in Bonn zum ersten Mal der Parlamentarische Rat zusammen, um das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland auszuarbeiten. Viele Fragen mussten beantwortet werden: Wie sollte der neue Staat aussehen? Nach welchen Prinzipien sollte er funktionieren? Weiter... 

Mediathek

Wie ein Gesetz entsteht

Gesetze bilden die Grundlage für das Zusammenleben in Deutschland. Bei ihrer Erstellung sind viele verschiedene Akteure eingebunden: der Bundestag, der Bundesrat, die Bundesregierung und der Bundespräsident. Wie funktioniert das Zusammenspiel? Was passiert bei Konflikten zwischen den Akteuren? Und was sind "Einspruchsgesetze"? Der Infofilm zeigt anschaulich die Entstehung eines Gesetzes - von der Initiative bis zur Verabschiedung. Weiter...