1 | 2 Pfeil rechts

Wahlforschung

1. Wahlforschung (WF) beschäftigt sich unter verschiedensten Aspekten mit dem Phänomen der Wahl, der allgemeinsten und einfachsten Form → politischer Partizipation und einer der Grundvoraussetzungen moderner → Demokratie. Schwerpunkte der WF sind heute:

(1) Analysen des Wahlrechts, des Wahlprozesses, des Wahlsystems aus der Sicht der Rechts- und → Politikwissenschaft. Dabei geht es um die Ausgestaltung der Wahlrechtsgrundsätze, um Probleme des Parteienwettbewerbs, des → Wahlkampfes, der Finanzierung und Kosten des Wahlprozesses und um das → Wahlsystem und seine Auswirkungen auf die politische Machtverteilung (vgl. Nohlen 2009).

(2) Untersuchungen der Bestimmungsgründe individueller Partizipation bei Wahlen, durch Politische/Wahl-Soziologie und Politische Psychologie. Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses dieses Zweiges der WF steht die Frage: Wer wählte wen/was warum? Es geht um die Analyse von Einstellungen, Verhaltensmustern und Motiven des einzelnen Wählers und darum, welchen Voraussetzungen, Bedingungen, Einflüssen seine Wahlbeteiligung und Stimmabgabe unterliegen, welche Konsequenzen sie auslösen (vgl. Bürklin/Klein 1998; Broschek/ Schultze 2006).

(3) Analysen von Wahlen aus der Sicht von Kommunikationswissenschaft und Sozialisationsforschung. Dabei geht es nicht allein um die Rolle der Medien im Wahlprozess, sondern um die Bedeutung von Wahlen als Akt der Kommunikation und Politikvermittlung, um den Stellenwert von Wahlen im Prozess lebenslangen Lernens, um Wahlen als Ritual und um Symbolische Politik. WF in einem solchen umfassenden Verständnis ist multidisziplinär und wird unter Verwendung der jeweils spezifischen Methoden und Theorien von der Mehrzahl, wenn nicht dem gesamten Spektrum der Sozialwissenschaften betrieben. Erkenntnisinteressen und Forschungsziele variieren dementsprechend stark.

2. Im engeren Sinn meint WF die Analyse des Wählerverhaltens (WV). In diesem wahlsoziologischen Verständnis befasst sich WF mit der Beschreibung, Erklärung und Prognose individueller Wählerentscheidung, der Verteilung der Partei-, Kandidaten- und Sachpräferenzen in der Wählerschaft als Ganzem, wie in politisch relevanten sozialen, kulturellen, territorialen (Sub-)Einheiten innerhalb der Wählerschaft. Untersucht werden strukturelle wie situative Bestimmungsfaktoren des WV. Zu den strukturellen Determinanten zählen die Gesellschaftsstruktur, das Politische (Institutionen-)System, die Struktur der Öffentlichkeit auf der Makroebene sowie die Verankerung des Wählers in seinen Primär- und Sekundärumwelten, in sozialen und kulturellen Milieus und in gesellschaftlichen Organisationen. Zu den situativen Einflüssen gehören die Bedingungen des Parteienwettbewerbs, Zahl und Aussichten der Partei-/Kandidatenalternativen, Sachfragen (Issues) aktueller Politik, der Wahlkampf usw. Zu den Persönlichkeitsfaktoren werden dauerhafte, im Sozialisationsprozess erworbene Einstellungen, Normen, Verhaltensmuster, u. a. die politische Kultur, gesellschaftliche Werteorientierungen, und Parteiidentifikation gezählt.

2.1. Erklärungsansätze. Theoretisch kann man unterscheiden zwischen Ansätzen, die die soziale Determiniertheit des Wählens betonen (expressive Theorien des Wählens), und solchen, die vom rationalen Verhalten des Wählers ausgehen (instrumentelle Theorien des Wählens), sowie zwischen dem Gruppenansatz und dem individuellen Identifikationsansatz (vgl. Broschek/Schultze 2006).

2.2 Expressive Theorien des Wählens, etwa der soziologische Bezugsgruppenansatz, der zuerst von der Columbia School der US-amerikanischen WF formuliert wurde (Lazarsfeld u. a. 1969), nehmen die gesellschaftsstrukturelle und langfristige Verankerung des Wählers in einigen wenigen Grundkonflikten – Klassen- bzw. Kontextbindung und Milieuverhaftung, Gruppenmitgliedschaften (von der Familie bis zu den sozialen Großgruppen), affektive (Partei-)Bindungen – an, die sich im politischen Verhalten und insbesondere im Wahlakt manifestieren. Soziale Hintergrundvariablen wie Einkommen, ökonomischer Status bzw. Schichtzugehörigkeit, Beruf, Konfession, Stadt – Land (Index der politischen Prädisposition) dienen dabei zur Identifikation von sozialen Gruppen, die erkennbare Wahlnormen haben. Die Einbindung der Wähler in Primär- und Sekundärumwelten, in soziale und kulturelle Milieus, bestimmt darüber hinaus politische Einstellungen zu Sachfragen, Kandidaten und Parteien. Und man geht davon aus, dass das WV umso konstanter ist, je fester gefügt die sozialen und/oder kulturellen Milieus, je stärker die Gruppenbindungen, je gleichförmiger folglich auch die durch Meinungsführer vermittelten Informationen sind. Verhaltensinstabilität, Apathie und Wechselwahl hingegen erklärt man mit Crosspressure-Situationen, denen der Wähler z. B. durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen und politisch gegensätzlichen Organisationen ausgesetzt ist. Über Gruppenmitgliedschaft und Milieuzugehörigkeit stellt sich zudem der Bezug zu den gesamtgesellschaftlichen Konflikten her. Mit S. M. Lipset und St. Rokkan (1967) geht die WF in der Regel von vier sozialen Hauptkonflikten (Cleavages) aus. Im Zuge der Nationenbildung bildeten sich dabei die Konflikte von (1) Zentrum versus Peripherie – oder dominanter versus unterworfener Kultur (ethnische, sprachliche, kulturelle Konflikte) und von (2) Staat versus Kirche (Konflikte der Säkularisierung, staatlicher versus kirchlicher Kontrolle im Bildungssystem bis hin zu Konflikten um lebensweltliche Normsetzungen z. B. in Familie, Ehe [...]); im Prozess der Industriellen Revolution die Konflikte von (3) Stadt versus Land (Agrarinteressen versus Industrieinteressen) und (4) Kapital versus Arbeit. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses der soziologischen Bezugsgruppen- wie anderer Ansätze der expressiven Theorie des Wählens steht mikrosoziologisch die Frage nach der Konstanz individuellen WV wie makropolitisch die nach der langfristigen Systemstabilität liberaler → Demokratien.

2.3 Dem sozialpsychologischen Identifikationsansatz der Michigan School geht es hingegen um den Wechsel von Parteipräferenzen und um Ursachen kurzfristiger Abweichungen vom traditionellen WV (Campbell u. a. 1967). Er sieht das individuelle WV definiert im Spannungsfeld von Parteiidentifikation/affektiver Parteibindung und aktueller Politik (normal vote versus actual vote). Bezugspunkt des WV sind im ursprünglichen Konzept des "American Voter" nicht die sozialen Gruppen und sozio-kulturellen Milieus, sondern als Langzeitfaktor die Partei, mit der man sich identifiziert, sowie die Einstellung zu Kandidaten und zu Issues als politische Kurzzeiteinflüsse. Im Sozialisationsprozess erworben und durch Wahlen immer wieder aktualisiert, wirkt die Parteiidentifikation dabei wie ein Filter, der Wahrnehmung und Bewertung politischer Themen und Ereignisse strukturiert. Wähler mit starker Parteiidentifikation machen sich die Sachpositionen "ihrer" Partei eher zu eigen als die der Konkurrenz, und sie schätzen die Kandidaten "ihrer" Partei deutlich positiver ein als die Mitbewerber anderer Parteien. Erklärt werden diese Zusammenhänge üblicherweise mit den psychologischen Konzepten von selektiver Wahrnehmung und kognitiver Dissonanz: Konsonanz führt zu konstantem WV; Dissonanzen bewirken wechselndes WV, kurzfristige Abweichungen wie langfristige Umorientierungen in den politischen Einstellungen und Verhaltensmustern der Wähler. Makropolitisch bildet die Parteiidentifikation eine wichtige Voraussetzung politischer Stabilität.

2.4 Instrumentelle Theorien des Wählens sehen im Wahlakt primär und analog zum Marktverhalten des homo oeconomicus die rationale Entscheidung des Wählers, wobei Kosten-Nutzen-Überlegungen das individuelle Verhalten steuern (Downs 1968). Empirisch-induktive Ansätze dieser Provenienz interpretieren die an Issue-Positionen und Kandidaten-Alternativen der Parteien orientierte Wählerentscheidung als responsiven bzw. retrospektiven Akt, bei dem der Wähler über die Leistungen der politischen Eliten in der Vergangenheit urteilt, insbesondere also Regierungen bestätigt oder abgewählt werden, und/oder der Wähler prospektiv Handlungsvollmacht überträgt (vgl. Fiorina 1981). Dabei ist mit Blick auf die Bedeutung von Sachthemen für das WV wichtig: (a) Damit Issues überhaupt wirksam werden können, müssen zwei Voraussetzungen gegeben sein. Das Sachthema muss von den Wählern als bedeutsam wahrgenommen werden und es muss zwischen den Parteien streitig sein. Wirkung auf die Wählerentscheidung geht von den sog. Position-Issues (im Gegensatz zu Valenz-Issues) aus, also von Themen, bei denen die Parteien gegensätzliche Standpunkte vertreten, (b) Es geht weniger um die Themen als solche als um die zu erwartenden individuellen Auswirkungen und auch weniger um das konkrete Programmangebot der Parteien zur Lösung einer bestimmten Sachfrage, als vielmehr um die Lösungskompetenz, die der Wähler den Parteien zubilligt, (c) Innenpolitischen Themen wird vom Wähler zumeist ein höherer Stellenwert zugemessen als außenpolitischen. Unter ihnen stehen in den industriellen Demokratien durchweg die Fragen der Wirtschaftsentwicklung, der Arbeitsplatzsicherung und der sozialen Sicherheit im Vordergrund; allerdings wuchs insbesondere seit den 1970er Jahren die Zahl derjenigen Wähler, die Fragen der Umwelt, der individuellen Freiheit und Selbstverwirklichung sowie der Mitbestimmung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Vorrang vor anderen Issues einräumen (materialistische versus post-materialistische Werte).


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Rainer-Olaf Schultze




 

Lexika-Suche

Dossier

Deutsche Demokratie

In der deutschen Demokratie ist die Macht auf mehr als 80 Millionen Menschen verteilt: Alle Bürger sind für den Staat verantwortlich. Aber wie funktioniert das genau? Wer wählt den Kanzler, wer beschließt die Gesetze? Und wie wird man Verfassungsrichter? Weiter... 

Dossier

Grundgesetz und Parlamentarischer Rat

Am 1. September 1948 traf in Bonn zum ersten Mal der Parlamentarische Rat zusammen, um das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland auszuarbeiten. Viele Fragen mussten beantwortet werden: Wie sollte der neue Staat aussehen? Nach welchen Prinzipien sollte er funktionieren? Weiter... 

Mediathek

Wie ein Gesetz entsteht

Gesetze bilden die Grundlage für das Zusammenleben in Deutschland. Bei ihrer Erstellung sind viele verschiedene Akteure eingebunden: der Bundestag, der Bundesrat, die Bundesregierung und der Bundespräsident. Wie funktioniert das Zusammenspiel? Was passiert bei Konflikten zwischen den Akteuren? Und was sind "Einspruchsgesetze"? Der Infofilm zeigt anschaulich die Entstehung eines Gesetzes - von der Initiative bis zur Verabschiedung. Weiter...