Wahlforschung

3. Ergebnisse. Expressive und instrumentelle Theorien des Wählens ergänzen sich eher, als dass sie sich ausschließen. Denn Wählerentscheidungen formieren sich unverändert im Spannungsverhältnis von langfristig-strukturellen Determinanten wie politischen Kurzzeiteinflüssen. Beide sind eng miteinander verknüpft: Die sozialstrukturellen Konfliktmuster bedürfen der Aktualisierung durch die Politik; die Einstellung des Wählers zu kontroversen politischen Sachthemen hängt entscheidend davon ab, welchen sozialen und kulturellen Milieus der Wähler angehört; sie wird zudem gefiltert durch die jeweilige Parteipräferenz. In der Weiterentwicklung der Determinanten-Trias des sozialpsychologischen Ansatzes formulierten Miller und Shanks (1996), abgeleitet aus der Empirie US-amerikanischen Wählens, 8 Typen von Determinanten des Wählerverhaltens, die sie in ihrem Kausalitätsrichter auf 6 aufeinander bezogenen Stufen ansiedeln:

Stufe 1: (1) Wirtschafts- und Soziallage;
Stufe 2: (2) Parteiidentifikation; (3) Politik bezogene Grundorientierung und Ideologische Selbsteinschätzung;
Stufe 3: (4) Aktuelle Politikpräferenzen/ Issues; (5) Einschätzung der allgemeinen Lage;
Stufe 4: (6) Retrospektive Leistungsbeurteilung der amtierenden Regierung;
Stufe 5: (7) Einschätzung der Eigenschaften der Kandidaten;
Stufe 6: (8) Prospektive Einschätzung der Kandidaten und Parteien wie der von diesen zu erwartenden Leistungen.

Bei allen Differenzen im Detail ist man sich dabei in der WF weithin einig über die fortdauernde Bedeutung der vier sozialen Grundkonflikte, die noch immer politische Einstellungen wie WV in den industriellen Demokratien strukturieren, in D insbesondere der konfessionell-katholische und der wohlfahrtsstaatliche Cleavage (→ Wählerverhalten). Zu den gesicherten Ergebnissen der WF gehört aber auch, dass es seit Ende der 1960er Jahre mit der Auflösung homogener sozialer Umwelten zum Rückgang struktureller Bindungen in der Wählerschaft bei gleichzeitiger Zunahme der Wechselbereitschaft (electoral volatility) und wachsendem Gewicht aktueller Politik auf die Wählerentscheidung gekommen ist. Zur Erklärung dieser Wandlungstendenzen im WV bietet die WF unterschiedliche Interpretationen an: (a) Interpretationen quantitativen soziodemographischen Wandels (eher dem soziologischen Ansatz und der expressiven Theorie zugehörig) bringen die Veränderungen im WV mit dem Wandel in Berufsstruktur, Bildung, Arbeitsmarkt etc. in Verbindung, gehen aber bei quantitativ reduzierter Bedeutung vom Fortbestand der traditionellen Konfliktmuster, auch des Klassencleavage, aus. (b) Interpretationen qualitativen Wandels unterstellen die Herausbildung neuer Konfliktlinien wie die Formierung neuer langfristig stabiler Verhaltensmuster und Parteibindungen in der Wählerschaft (partisan realignment), die meist, in Anlehnung an R. Inglehart (1977), auf Prozesse des politischen Wandels, der "partizipatorischen Revolution", des Wertewandels hin zu post-materialistischen Werten zurückgeführt oder als Ausdruck der Strukturdefizite des Industriesystems gedeutet werden (vgl. Schultze 1991; Dalton 2008). (c) Interpretationen des dealignment gehen nicht allein von der Auflösung traditioneller Strukturen aus; sie sehen im Fehlen fester Bindungen einen Dauerzustand und erklären das WV, insbesondere die wachsende Zahl von Wechselwählern, im Rahmen der instrumentellen Theorie zusehends als Ergebnis von issue voting auf der Basis von individuellen Kosten-Nutzen-Überlegungen. Für sich genommen greift jedoch jeder dieser Erklärungsversuche zu kurz (vgl. Broschek/Schultze 2006).

4. Probleme und Defizite. Die wahlsoziologische WF ist zweifellos die Teildisziplin der Politikwissenschaft, die methodisch am weitesten entwickelt ist. Einen umfassenden Überblick über die Mainstream-Forschung aus dem deutschsprachigen Raum vermitteln die für jede Bundestagswahl seit 1976 erschienenen Bänder der sog. Blauen Reihe, herausgegeben zunächst von Kaase/Klingemann, seit der Bundestagswahl von 2002 von Falter/Gabriel u. a., sodann jetzt das von Falter/Schoen herausgegebene Handbuch Wahlforschung. Aus ihrem paradigmatischen Konsens in den Behavioralismus als Ansatz, wie die Individualdatenanalyse und Demoskopie als Methode und Forschungstechnik, resultieren jedoch nicht nur Vorteile (vgl. Broschek/Schultze 2006); damit sind – wie die nachfolgende stichwortartige Auflistung zeigt zugleich eine Reihe von Einseitigkeiten, Problemen und Defiziten verbunden (vgl. Eith/Mielke 2009): (a) Durch den Behaviorismus veränderten sich Gegenstand und Forschungsinteresse: Aus Wahlforschung wurde Wählerforschung. Damit verlor man einerseits den komplexen, multifunktionalen Charakter von Wahlen aus dem Blick und kam andererseits den politischen Parteien entgegen, insbesondere ihrem wahlstrategischen Interesse an der Frage: Wie gewinne ich die nächste Wahl? Sozialtechnologie und → Politikberatung bestimmen folglich zusehends die konkreten Analysen, und zwar nicht nur die der professionellen Demoskopen. (b) Die WF befördert mit der Flut (sich vielfach widersprechender) demoskopischer Analysen zum aktuellen Meinungsklima und den möglichen Auswirkungen auf Parteistärken und Regierungsverhältnisse die Kurzatmigkeit und Aufgeregtheiten im Politikprozess der Mediendemokratie; dies verstellt häufig den Blick für die noch immer beachtliche Stabilität in den Politik- und Parteipräferenzen der Wähler. (c) Es dominieren weithin quantitative Untersuchungen auf der Basis von zumeist standardisierten Umfragen. Im Hauptstrom der empirischen WF spielen Analysen auf Aggregatdatenbasis heute nur eine untergeordnete, Analysen, die mit Verfahren der qualitativen Sozialforschung arbeiten, so gut wie gar keine Rolle. Dabei böten sich Analysen qualitativer Natur zur Untersuchung des Strukturwandels in → politischer Kultur und Wertehaushalt, beim Entstehen Sozialer Bewegungen, etwa der Friedens- und der Ökologiebewegung, bei der Formierung neuer Milieus, → Parteien und Parteibindungen etc. geradezu an. (d) Forschungsinteresse und Umfragetechnik behindern die adäquate Beschäftigung mit den Gründen von Wahl und Nicht-Wahl, die bei steigender Wahlenthaltung in den westlichen Demokratien zusehends dringlicher wird und zusätzlich auf die Notwendigkeit qualitativer Untersuchungen verweist. Zudem macht es sich die WF mit Erklärungen, die, abgeleitet aus der instrumentellen Theorie, Nicht-Wahl vornehmlich als "rationalen Protest" interpretieren, zu leicht. Dies gilt analog für vergleichbare Deutungen des rechtspopulistischen bzw. rechtsradikalen WV. (e) Aufgrund ihrer primär mikrosoziologischen (auf die Erklärung individuellen Verhaltens zielenden) Ausrichtung und ihres weitgehend (auf Theoriebildung und Methodentest zielenden) abstrakten Forschungsinteresses verliert der behavioralistische Hauptstrom der WF häufig die makropolitischen Aspekte und demokratiepolitischen Konsequenzen des WV aus dem Blick. Es fehlt zumeist an der Rückkopplung der Ergebnisse an die demokratietheoretischen Grundfragen des Wählens, an die Fragen demokratischer Systemstabilität oder auch an theoretisch zureichenden Konzepten für die vergleichende Untersuchung von Wahlen und WV in unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen System-Kontexten wie in Prozessen der Systemtransformation.


Literatur

Broschek, Jörg/Schultze, Rainer-Olaf 2006: Wahlverhalten: Wer wählt wen? in: Hoecker, Beate (Hrsg.) 2006: Politische Partizipation zwischen Konventionen und Protest. Opladen.

Bürklin, Wilhelm/Klein, Markus 21998: Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung. Opladen.

Campbell, Angus u. a. 1967: Elections and the Political Order. New York.

Dalton, Russell J. 52008: Citizen Politics. Public Opinion and Political Parties in Advanced Industrial Democracies.Washington.

Downs, Anthony 1968: Ökonomische Theorie der Demokratie. Tübingen.

Eith, Ulrich/Mielke, Gerd 62009: Zur Bedeutung und Methodik empirischer Sozialforschung in der Politikwissenschaft am Beispiel der Wahlforschung, in: Lauth, Hans-Joachim/Wagner, Christian (Hrsg.): Politikwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn.

Falter, Jürgen u. a. (Hrsg.) 2005: Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2002. Wiesbaden.

Falter, Jürgen/Schoen, Harald (Hrsg.) 2005: Handbuch Wahlforschung. Wiesbaden.

Fiorina, Morris P. 1981: Retrospective Voting in American National Elections. New Haven/London. Gabriel, Oscar W. u. a. (Hrsg.) 2009: Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2005. Wiesbaden.

Inglehart, Roland 1977: The Silent Revolution. Changing Values and Political Styles Among Western Publics. Princeton.

Klein, Markus u. a. (Hrsg.) 2000: 50 Jahre empirische Wahlforschung in Deutschland. Wiesbaden.

Lazarsfeld, Paul F. u. a. 1969: Wahlen und Wähler. Neuwied u. a. (engl. 1944).

Lipset, Seymour M./Rokkan, Stein (Hrsg.) 1967: Party Systems and Voter Alignments. New York.

Miller, Warren E./Shanks, J. Merrill 1996: The New American Voter. Cambridge (Mass.).

Nohlen, Dieter 62009: Wahlrecht und Parteiensystem. Opladen.

Roth, Dieter 22008: Empirische Wahlforschung. Ursprung, Theorien, Instrumente und Methoden. Opladen.

Saalfeld, Thomas 2007: Parteien und Wahlen. Baden-Baden.

Schultze, Rainer-Olaf 1991: Wählerverhalten und Parteiensystem, in: Wehling (Red.).

Schultze, Rainer-Olaf 2003: Strukturierte Vielfalt als Wählerentscheidung heute? in: Jesse, Eckhard (Hrsg.) 2003: Bilanz der Bundestagswahl 2002. Wiesbaden.

Wehling, Hans-Georg (Red.) 1991: Wahlverhalten. Kohlhammer Taschenbücher 1093. Stuttgart.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Rainer-Olaf Schultze



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