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Werte und Wertewandel

1. Bürgerliche Kultur als Leitkultur der Moderne



Bis in die 1960er Jahre des letzten Jahrhunderts herrschte die Ansicht vor, Werte (W) seien Kulturphänomene, die sich nur langsam veränderten. In ihrer empirischen Form wurden sie als Wertorientierungen definiert, die Standards der Lebensweise in der Industriegesellschaft vorgeben, die personal verinnerlicht und sozial kontrolliert sind (vgl. die klassischen Beiträge von M. Scheler, N. Hartmann und N. Elias, die Soziologen E. Durkheim und M. Weber sowie T. Parsons). Neben der Humanität, der Religiosität, der Naturverbundenheit und der Nation hatte man dabei vor allem den klassisch-bürgerlichen Wertekanon im Auge.

Nicht nur die Soziologie, sondern bereits die Philosophie des 17. und 18. Jh.s hatte sich von der Vorstellung einer gottgewollten und praktisch unveränderlichen Werteordnung verabschiedet, wie sie in der ländlich-vorindustriellen Kultur des Mittelalters vorherrschte. Die bürgerliche Kultur, selbst ein Produkt der frühen Moderne, wurde im 19. Jh. mit dem Aufstieg des Bürgertums zur Leitkultur der klassischen Moderne. Gegen ihre Vorherrschaft erhoben sich allerdings mächtige Gegenbewegungen.

Blieb die antibürgerliche Attitüde der Romantik des 18. und 19. Jh.s noch Episode, so stellten die proletarische Kultur, der Sowjetkommunismus, zum Teil auch der Faschismus, Bedrohungen der bürgerlichen Hegemonie dar. Dennoch führte der kontinuierliche Anstieg der Lebenshaltung und des Bildungsniveaus in der industrialisierten Welt im Laufe des 20. Jh.s zu einer Verbürgerlichung der modernen Massen, die sich durch die starke Bevölkerungszunahme des 19. Jh.s herausgebildet hatten.

2. Kulturrevolte des jungen Bürgertums



Diese Entwicklung wurde allerdings um die Mitte der 1960er Jahre erneut unterbrochen. Nach der Festigung der bürgerlichen Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg brach in der westlichen Welt wieder eine Protestbewegung aus, allerdings nicht in den bisherigen Trägerschichten, der Arbeiterschaft und dem bedrohten Kleinbürgertum. Nunmehr versuchte ein Teil des jungen gebildeten Bürgertums eine kulturelle Alternative zum bürgerlichen Wertesystem zu setzen. Diese Bewegung verband sich, vermittelt durch die Frankfurter Schule, mit neomarxistischen Ideen.

Die neue Kulturbewegung hatte zwar in den Wandlungen der Industriegesellschaft eine gewisse Parallele, ihre Denk- und Ausdrucksformen standen jedoch wenig mit deren recht nüchternen Erfordernissen im Einklang (etwa so wenig wie die Konzepte Rudi Dutschkes und Ludwig Erhardts). Idealerweise sollten insbesondere in der sich formierenden neuen Mittelklasse bürgerliche W. mit solchen verknüpft werden, die sich auf gesteigerte individuelle Antriebskräfte und sozial-geistige Kompetenzen bezogen. Die Vorboten der Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft machten sich bemerkbar.

In der Bundesrepublik gestaltete sich die Lösung dieser kulturellen Aufgabe schwieriger als in der DDR. Die Möglichkeit einer Wertesynthese (H. Klages) aus wert- und sinnvollen Traditionen und den neuen Orientierungen wurde nicht erkannt oder war nicht umzusetzen. Die instabile Geschichte Deutschlands wirkte in Verbindung mit der sich belebenden demokratischen Kultur polarisierend. Die Neuerer suchten den Streit und strebten nach Werteumsturz. Die Verteidiger des "Alten" stemmten sich dagegen, gerieten jedoch wegen ihrer Verstrickung in das Hitlerregime oft in die Defensive.

3. Wertewandel und Wertekonflikt



Mitte der 1960er Jahre lag das Ende des Hitlerregimes erst zwei Jahrzehnte zurück und mit dem Sozialismus gab es eine politische Alternative im geteilten Land, die sich (zumindest verbal) anti-bürgerlich gab. Allerdings konnte sich die Popularität der DDR weder mit derjenigen der Bundesrepublik noch mit der des Hitlerregimes (der Friedens- und ersten Kriegszeit) messen. Gefährlich war dessen Absicht gewesen, Standards der Zivilisation zurückzunehmen und die Triebe des "Bösen" anzuzapfen. Zersetzend wirkte auch die Aufweichung kirchlicher Normen der Familien- und Sexualmoral.

Auf dieser Grundlage hatten Krieg und Nachkrieg zu einer moralischen Lockerung geführt, und diese galt es im Zuge der kulturellen Konsolidierung wieder einzudämmen. Allerdings mehrten sich in der zweiten Hälfte der 1950er- und zu Beginn der 1960er Jahre die Probleme in der jungen Generation (besonders in der großstädtischen Arbeiterjugend). Zunehmend traten neue Spielarten abweichenden Verhaltens auf (Alkoholmissbrauch, Jugendaufläufe, Vandalismus, öffentliche Krawalle von "Halbstarken", vgl. dazu H. Schelskys Buch über die "Skeptische Generation").

Die Arbeiterjugend forderte ihren Anteil am Aufschwung ein und die Neuerer setzten an dieser besonders präsenten Bruchstelle an. Der diffuse Protest der Arbeiterjugend gegen die "innerweltliche Askese" (M. Weber) wurde für den Angriff auf die "Fügsamkeit" gegenüber Autoritäten instrumentalisiert (auch in der DDR wurde der burschikose Stil der Arbeiterjugend gegen die verbliebenen alt-bürgerlichen Eliten eingesetzt). Im demokratischen Umfeld der Bundesrepublik wurde damit einem plebejischen Hedonismus die Tür geöffnet, den man bald nicht mehr beherrschte.

4. Wertewandel als Thema der jungen Soziologie



Von Anfang an war der Wertewandel (Ww) Thema der Soziologie, vor allem desjenigen Zweigs, der sich der modernen Umfrageforschung bediente (auch hier hatte die Frankfurter Schule vorgearbeitet). In den Analysen des amerikanischen Politikwissenschaftlers R. Inglehart manifestiert sich die Auffassung, nach der ein emanzipativer "Postmaterialismus" den noch vorherrschenden konservativen "Materialismus" ablösen sollte. Freie Entfaltung des Einzelnen und Mitbestimmung würden nunmehr über die Frage der Stabilität von Ökonomie und Gesellschaft gestellt werden.

Gegen diese mit dem Pathos der Notwendigkeit vorgetragene Vorstellung, dennoch mehr Wunsch denn Realität, meldeten sich bald Gegenstimmen, entweder in Werte bewahrender Absicht (Noelle-Neumann 1978, unter gleichem Titel schon 1975 in der ZEIT) oder als Aufruf zur Besonnenheit, die praktische Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklung nicht zu unterschätzen (Klages 1975). Zwar beendete Mitte der 1970er Jahre eine allgemeine Ermüdung die Phase des Wertewandelsschubs (Klages 1975), dennoch bot der stark gestiegene gesellschaftliche Reichtum weiterhin Anlass, die Priorität bei der Entfaltung des Individuums zu belassen.

5. Die innerdeutsche Konstellation



Aussagen über die W. und Mentalität der DDR-Bürger bzw. über deren Wandlungen sind schwierig. In der DDR gab es zwar eine Umfrageforschung, aber deren Ergebnisse geben für das Thema "Werte und Wertewandel" wegen fehlender Repräsentativität und zu wenig interpretierbaren Indikatoren relativ wenig her. Nimmt man das Vorhandene (darunter auch die Erfahrung der neuen Bundesbürger) und betrachtet es zusammen mit den Umfragen seit der Wende, kann man sich dennoch ein ungefähres Bild machen (vgl. Gensicke 1998).

Dasjenige, was die Inglehart-Schule zum Gegensatz erklärt hatte, wurde in der DDR als sich ergänzend und kombinierbar empfunden. Diese Mentalität, in der sich von verschiedenen Voraussetzungen her System und Bevölkerung begegneten, hatte Ähnlichkeit mit dem, was Klages die Wertesynthese nannte. Erklärungen dafür sind vielfältig, die wichtigste ist, dass die DDR auf einem Kulturmodell beruhte, das zwischen Tradition und Moderne vermittelte. Die von Marx und Lenin hoch geschätzte bürgerliche Klassik spielte dabei eine wichtige Rolle.

Das Menschenbild der allseitig entwickelten Persönlichkeit war (in Grenzen und im Laufe der DDR-Geschichte zunehmend) offen für die individuelle Selbstentfaltung. Für das praktische Leben wurde es vor allem dadurch wichtig, dass sich die Emanzipation der Menschen vor allem im Rahmen von Verantwortungsrollen vollzog, z. B. in der Arbeitswelt, in die Frauen und Jugend umfassend einbezogen wurden. Dazu kam (wie in Skandinavien trotz hoher Scheidungsraten und vieler unehelich geborener Kinder) eine dennoch stabile Rolle der Familie, die frühzeitig emanzipative Elemente aufnahm.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Thomas Gensicke




 

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