Deutschlandforschung
1. Begriff und politische Bedeutung
Die mit einem Staat, einer Nation oder einer Kulturregion befassten Studien im Sinne einer umfassenden "Landeskunde" haben schon im 18. und 19. Jh. eine Rolle gespielt. Die Bezeichnung "Deutschlandforschung", wie sie gegenwärtig verwendet wird, ist jedoch nur auf dem Hintergrund der deutschen Teilung nach 1945 verständlich. Als Sammelbegriff für die auf die SBZ/DDR, den Vergleich der beiden Staaten in D, die Deutschlandpolitik und schließlich nach 1990 auf die deutsche Vereinigung bezogenen Untersuchungen bezeichnet Deutschlandforschung ein multidisziplinäres Feld, auf dem die jeweiligen Fachwissenschaften das ihnen zugeordnete Sachgebiet, z.B. das politische System, die Rechtsordnung oder das Bildungswesen, behandeln. Angestrebt wird zugleich eine die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche integrierende Betrachtung im Sinne der klassischen area studies oder neuerer system- oder kulturvergleichender Konzepte. Deutschlandforschung gehört zu dem Typus der "Integrationswissenschaften", in der je nach Fragestellung und Gegenstand eine "Mutterdisziplin" mit anderen Nachbardisziplinen kooperiert.
Die Deutschlandforschung wurde bis 1989/ 90 wesentlich bestimmt von den politischen Entwicklungen, vor allem von den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten. Sie spiegelte aber auch die innenpolitischen Verhältnisse in der BRD wider, gewandelte Einstellungen zur "deutschen Frage", den Generationenwechsel und ein verändertes nationales Bewusstsein generell. Zeitweise übte die Deutschlandforschung auch eine politikberatende Rolle aus, die jedoch nicht überschätzt werden darf. In der DDR gab es diesen Begriff nicht; die Berichte über die BRD erfolgten im Zeichen der "Imperialismusforschung" und des "Weltgegensatzes der Systeme".
Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.
