1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

Land Sachsen-Anhalt

1. Historischer Hintergrund



Sa.A. hat eigentlich keine eigene politische Geschichte, denn sie ist zugleich die Geschichte Thür.s und Sa.s. Selbstständiges Land war es lediglich von 1947 bis 1952.

Der Siedlungsraum des heutigen Sa.A. gewinnt historische Konturen, als auch er im 8.Jh. - damals der nördliche Teil des ehemaligen Thüringer Königreiches - endgültig von Karl dem Grossen dem Fränkischen Großreich einverleibt wird. Von da an werden zunächst für diese Gebiete sächsische Herrscherhäuser bestimmend. Von dem Nachfolger des von Karl geschlagenen Sachsenkönigs Heinrich I. dem Löwen, dem Stammvater der sächsischen Ottonen auf dem Thron des ostfränkischen deutschen Kaiserreiches, Kaiser Otto I., wurden zunächst im Zuge der Ostsiedlung zahlreiche Grenzmarken (Elbmark, Lausitz, Merseburg, Meissen) zum Schutze des Reiches errichtet. Zur Ostausdehnung gehörte aber auch immer die Christianisierung der ansässigen Slawen. So stiftet Otto I. 968 das Erzbistum Magdeburg, die Stadt wird zugleich Kaiserresidenz. 220 Jahre später erhielt sie das Stadtrecht, das Vorbild für zahllose ostdeutsche, polnische, ukrainische und russische Städte wurde. Dauernde kriegerische Auseinandersetzungen der Sachsen- und Welfen-Herzöge mit den Salier- und Staufer-Kaisern des Reiches führte zu einer Abspaltung der Gebiete an der mittleren Elbe von Sachsen, das im 13. Jh zunächst nur noch als Herzogtum Sachsen-Wittenberg weiterexistierte. Bis Anfang des 15. Jh.s bestanden an der mittleren Elbe sehr komplizierte Herrschaftsverhältnisse: In Teilen der Altmark (die ingesamt zur Markgrafschaft Brandenburg gehörte) um Stendal regierte das aus dem östlichen Harzvorland stammende, mit der Kurwürde ausgestattete Grafengeschlecht der Askanier (südöstlich davon schlossen sich die zu Kurmainz gehörenden Besitzungen des Erzbistums Magdeburg an) ebenso wie in Teilen des Fürstentums Anhalt und im - an dessen Westgrenze gelegenen - Herzogtum Sachsen-Wittenberg. Nach dem Aussterben der Askanier werden 1423 die Wettiner mit der Markgrafenschaft Meissen belehnt und übernehmen zugleich das Herzogtum Wittenberg und damit auch die an diesen Besitz gebundene Kurwürde der Askanier. Fortan werden zwei Herrschergeschlechter prägend für den späteren Raum Sa.A.

Nach der Erbfolgeteilung der Sächsisch-Meissener Wettiner 1485 in die ernestinische und albertinische Linie bleiben nur die Meissener Markgrafenschaft und Teile von Nordthüringen bei den Albertinern, während Mittel- und Ostthüringen, das Wittenberger Herzogtum und Teile der Altmark an die Ernestiner fielen. Kurfürst Friedrich der Weise baute Wittenberg zu seiner Residenz aus und gründete dort 1502 eine Universität. An ihr lehrte Martin Luthers Freund Philipp Melanchthon; 1517 soll Luther an der Wittenberger Schlosskirche seine 95 Thesen zur Reformierung der katholischen Kirche angeschlagen haben.

Genau 100 Jahre zuvor hatten die Hohenzoller die Mark Brandenburg als Reichslehen erhalten. 1513 wird der Hohenzoller Albrecht von Brandenburg Erzbischof von Magdeburg mit verschwenderischer Hofhaltung in Halle. Er übernimmt für den Papst gegen gutes Entgelt den Vertrieb der Ablassbriefe, mit deren Erlös der Bau des Petersdom finanziert werden soll. Diese mehr als anstössige Praxis der Amtskirche wird zum Anstoss für die Reformation, das Gebiet von Sa.A. wird zugleich ihre Kernlande. Reformation und Dreißigjähriger Krieg (1618-48), in dem z.B. Magdeburg völlig zerstört wurde, bringen territoriale Veränderungen, die bis Anfang des 19. Jh.s Bestand hatten. Zunächst verschwinden Ende des 16. Jh.s die geistlichen Fürstentümer, vor allem Magdeburg und Halberstadt, und im Westfälischen Frieden (1648) werden den Brandenburgischen Kurfürsten weite Teile auch der Elbe-Saale-Gebiete, mit Ausnahme des - inzwischen mehrfach aufgeteilten - Fürstentums Anhalt zugesprochen, während die Wettiner weitgehend leer ausgehen. Unter dem preußischen Absolutismus des Großen Kurfürsten erleben die mittelelbischen Gebiete einen großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung: Magdeburg wird preußische Festung und Handelsmetropole, in Halle wird eine Universität gegründet (1694). Die Anhaltinischen Fürstentümer bleiben zwar selbstständig, sind aber von preußischem Gebiet umgeben und schließen sich den preußischen Modernisierungen weitgehend an. Nach dem verlorenen Krieg gegen Napoleon muss Preußen alle westelbischen Gebiete (an ein von Napoleon geschaffenes, kurzlebiges Königreich Westfalen) abgeben, jedoch gewinnt es auf dem Wiener Kongress 1815 an politischem Einfluss und territorialer Größe: Mit den bis dahin schon unter preußischer Verwaltung stehenden Gebieten wurden nun auch das kurmainzische Erfurt, Quedlinburg, die einst freien Reichsstädte Nordhausen und Mühlhausen, Teile des nördlichen und östlichen Eichsfeldes und nicht zuletzt die sächsischen Verluste Wittenberg, Torgau und Merseburg in einer preußischen Provinz Sachsen zusammengefasst. Sie bildet das Kernland des späteren Sa.A. Die Fürstentümer Anhalt behalten zwar auch weiter ihre politische Unabhängigkeit, sind aber wirtschaftlich sowie verkehrs- und zolltechnisch faktisch schon Teil der Provinz. Im 19. Jh. erlebte diese aufgrund ihrer geographischen Lage in der Mitte D.s einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung (Kaliabbau im Südharz, Kupfergewinnung in Mansfeld, Zuckerrübenanbau in der fruchtbaren Magdeburger Börde), die Städte Halle und Magdeburg verzehnfachten in 100 Jahren ihre Einwohnerzahl. Politisch gelten die Provinz Sachsen und der "Freistaat Anhalt" (seit 1918) als rote Bastion; die in den Reichstagswahlen stets siegreichen Linksparteien werden erst 1933 von der NSDAP überholt. 1900-1930 ist die SPD in allen Wahlen stets stärkste Partei. Die Nationalsozialisten schalten auch diese Gebiete gleich. 1944 wird die Provinz Sachsen in die Provinzen Magdeburg und Halle-Merseburg aufgeteilt, der Regierungsbezirk Erfurt fällt an Thüringen. Im Juli 1945 begegnen sich westalliierte und sowjetische Truppen erstmals in Torgau an der Elbe. Nach dem vereinbarten Rückzug der Amerikaner, die bis Dessau vorgerückt waren, fasste die sowjetische Militärverwaltung beide Gebiete und den Freistaat Anhalt unter dem Namen "Provinz Sachsen" zusammen. Nach den ersten und - bis zum Zusammenbruch des SED-Regimes - letzten, halbwegs freien Landtagswahlen im Oktober 1946 (Mandatsverteilung: SED 51, CDU 24, LDP 33 und Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe/VdgB 2) wird sie zunächst in "Provinz Sachsen-Anhalt" (mit den drei Regierungsbezirken Magdeburg, Halle-Merseburg und Dessau) umbenannt. Nach Inkrafttreten einer Landesverfassung Anfang 1947 galt - auf sowjetischen Befehl - die Provinz Sa.A. staatsrechtlich als Land. 1952 wurde es wie alle DDR-Länder von der SED aufgelöst. Aus seinem Gebiet wurden die Bezirke Magdeburg und Halle gebildet.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.