Land (Freistaat) Thüringen
1. Historischer Hintergrund
Von einem Land Thür. kann eigentlich erst seit 1920 gesprochen werden, als sich sieben Kleinstaaten vereinigten. Trotz nur kurzer staatlicher Geschichte nimmt aber der geographische Raum Thür. geistes- und kulturgeschichtlich einen bedeutenden Platz in D. ein. Im Zuge der Völkerwanderung bildete sich aus den germanischen Völkerschaften der Hermunduren und Angeln ein Stamm, den die Römer "toringi" nannten. Diese schufen Mitte des 1. Jahrtausend ein Königreich, das jedoch nur etwa 120 Jahre bestand und im 8. Jh. durch Eroberung an das fränkische Reich fiel, dessen östliche Grenzprovinz es bis ins 12. Jh. blieb. In dieser Zeit erfolgte auch die Christianisierung von Thür. durch den Benediktinermönch Bonifatius, der das Erzbistum Erfurt gründete (742 u.Z.). Die Ludowinger Landgrafen machten aus Thür. von Anfang des 12. bis Mitte des 13. Jh.s einen mächtigen Territorialstaat von der Lahn im Norden bis zu Saale im Süden. Während ihrer prunkvollen Hofhaltung auf der Wartburg erlebte Thür. eine kulturelle Blüte - es war die Zeit des höfischen Minnesangs (Wolfram von Eschenbach, Walter von der Vogelweide). Die ungarische Königstochter Elisabeth wurde als Gemahlin des Landgrafen Ludwig IV. wegen ihres damals ungewöhnlichen sozialen Engagements 1235 u.Z. heiliggesprochen und gilt seitdem als Schutzpatronin Thür. Nach dem Aussterben der Ludowinger fiel das Land Mitte des 14. Jh.s an die sächsischen Wettiner, die Markgrafen von Meißen und späteren sächsischen Kurfürsten. Im 16. Jh. erfasste die Reformation ganz Thür., ausgenommen die Erfurter Besitzungen des Kurfürsten- und Erzbistums Mainz und das Eichsfeld (um Heiligenstadt) am Südosthang des Harzes. Der mit Bann und Reichsacht belegte Martin Luther erhielt von Kurfürst Friedrich dem Weisen 1521 Versteck auf der Wartburg, wo er eine erste Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen ins Deutsche anfertigte. 1525, auf dem Höhepunkt des Bauernkrieges, wurde bei Frankenhausen in der Nähe des Kyffhäuser ein Bauernheer unter Führung des Predigers (und Luther-Widersachers) Thomas Müntzer von einer überlegenen Fürstenstreitmacht geschlagen und 1547 besiegten die katholischen Truppen Kaiser Karl V. in der Schlacht bei Mühlberg das protestantische Heer des "Schmalkaldischen Bundes" unter Führung von Kurfürst Johann Friedrich I. Von da an spielten die thüringischen Wettiner in der Reichspolitik keine Rolle mehr. Ihre Kernlande in Thür. zerfielen im Laufe des 17. und 18. Jh.s durch Erbteilungen (fehlendes Primogenitur) in mehr als 25 Kleinstaaten.
Außerdem gab es im Raum Thür. kurmainzische und hessische Besitzungen sowie die beiden freien Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen. Auch nach einer gewissen territorialen "Flurbereinigung" in der ersten Hälfte des 19. Jh.s u.a. als Folge der europäischen Kriege gegen Napoleon bestanden noch 12 thüringische Kleinstaaten in Mittel- und Süd-Thür., während die nordthüringischen Gebiete an Preußen gefallen waren. Herausragende Bedeutung konnten lediglich das Großherzogtum Sachsen-Weimar erlangen. Dort gelang es dem aufgeklärten Herzog Carl August, eine Reihe der bekanntesten Dichter (Wieland, Goethe, Herder, Schiller) an den Hof bzw. an die 1548 gegründete Universität in Jena zu ziehen und damit Weimar gegen Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jh.s zu einem künstlerisch-intellektuellen Zentrum von Thür. zu machen. Doch ansonsten wurde gerade in Thür. nach dem Wiener Kongress (1815) Fürstenwillkür und Kleinstaaterei als besonders drückend empfunden. Auch als Reaktion auf die restaurative Ordnung des Reichskanzlers Metternich wurde in Jena 1815 die Deutsche Burschenschaft gegründet, eine Studentenorganisation, die vehement für demokratische Reformen und die deutsche Einheit eintrat (Wartburgfest 1817). Während der bürgerlichen Revolution entsandte Thür. mehrheitlich demokratisch-links gesinnte Abgeordnete in das Parlament der Frankfurter Paulskirche.
Alle Staaten Thür.s traten 1866 dem Norddeutschen Bund bei und nahmen an der Seite Preußens 1870/71 am Krieg gegen Frankreich teil. Als Antwort auf die preußische "Einheit von oben" begann sich auch die Arbeiterbewegung zu organisieren, zumal ein wirtschaftlicher Aufschwung gerade in Thür. erhebliche soziale Probleme mit sich gebracht hatte. In Eisenach (1869), Gotha (1875) und Erfurt (1891) fanden der Gründungs- und die ersten grossen Programmparteitage der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) bzw. ihrer Vorläufer statt.
Nach der erzwungenen Abdankung aller thüringischen Fürsten 1918 schlossen sich die nun gewählten demokratischen Regierungen der verbliebenen sieben Staaten 1920 zum Land Thür. zusammen, der Staat Coburg fiel nach einer Volksbefragung an das fränkische Bayern und der Regierungsbezirk Erfurt blieb preußisch. Weimar wurde zunächst Sitz der verfassungsgebenden Nationalversammlung und damit auch vorübergehend Hauptstadt der nach ihr benannten ersten deutschen Republik. In den ersten Jahren der Weimarer Republik bildeten SPD und KPD die Landesregierung. Erst 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei und stellte den Ministerpräsidenten. Die nationalsozialistische Gleichschaltung aller Länder 1934 machte aus dem Land Thür. einen reinen Verwaltungsbezirk, in den 1944 das noch preußisch-sächsische Erfurt und das hessische Schmalkalden eingegliedert wurde. Im April 1945 wurde Thür. von amerikanischen Truppen besetzt, die jedoch im Juli entsprechend einer interalliierten Abmachung das ganze Gebiet wieder räumten. Thür. wurde Teil der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ). Bei den ersten (und bis zum Zusammenbruch der DDR letzten) wieder freien Landtagswahlen im Oktober 1946 errangen von 100 Mandaten die SED 50, die CDU 19 und die LDP 28. Wie in allen anderen Ländern hatte nur die SED in allen Wahlkreisen Kandidaten aufstellen können. Im November wurde im Weimarer Landtag eine neue Landesverfassung verabschiedet, 1948 Erfurt Landeshauptstadt. Mit der Auflösung aller Länder der DDR 1952 ist Thür. in drei Bezirke (Erfurt, Gera und Suhl) aufgeteilt worden.
Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.
