Nationalsozialismus
1. Historische Entwicklung
Unter Nationalsozialismus versteht man die, völkisch-antisemitisch-nationalrevolutionäre Bewegung in der Zwischenkriegszeit, die sich in Deutschland als Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) organisierte und die unter der Führung Hitlers in Deutschland von 1933-45 eine totalitäre Diktatur errichtete. Der Nationalsozialismus gehört überdies in den Zusammenhang der europäischen faschistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit, die außer in Deutschland nur in Italien aus eigener Kraft und ohne ausländische militärische Unterstützung an die Macht gekommen sind. Der Nationalsozialismus stellt innerhalb der europäischen Faschismen aufgrund seines Rassenantisemitismus und seiner Vernichtungspolitik die radikalste Variante dar. Die Geschichte der NSDAP unterteilt sich in die sogenannte Bewegungsphase (1919-33) und die Regimephase (1933-45). Ihr Weg zur Macht verlief keineswegs geradlinig und folgte auch keinem ausgefeilten politischen Konzept oder einer politischen Zwangsläufigkeit.
1.1 Die Anfänge der NSDAP
In ihrer Frühphase war die aus der Deutschen Arbeiterpartei hervorgegangene NSDAP eine militante Protestbewegung im heterogenen völkisch-antisemitischen Milieu mit anfänglichem Schwerpunkt in Bayern. Sie unterschied sich bald von den übrigen nationalistisch-paramilitärischen Verbänden und Parteien durch ihre Propaganda und die Radikalität ihres politischen Auftretens. Die Aufmerksamkeit, die die frühe NSDAP bald auf sich zog, hatte mit der Agitationstätigkeit von Hitler zu tun, der sich im September 1919 als Reichswehragent der Partei angeschlossen und 1920 zusammen mit A. Drexler das Parteiprogramm zusammengestellt hatte, das unter Betonung antikapitalistischer Elemente einen Querschnitt des zeitgenössischen völkisch-nationalistischen Ideengemenges darstellte.
Hitlers Aufstieg begann als Werbeobmann. Sein rastloser Einsatz und seine missionarische Ausstrahlungskraft verschafften ihm bald einflussreiche Gönner und Freunde aus Bürokratie, Militär (u.a. E. Ludendorff) und Großbürgertum, die der Exaltiertheit des Agitators eine institutionelle und gesellschaftliche Absicherung boten.
Ihre Mitglieder gewann die frühe NSDAP aus den aufgelösten militärischen und paramilitärischen Verbänden. Das führte zu einem raschen Anwachsen der SA, die durch den Zustrom von militärisch versierten Führern mehr und mehr zu einem parteiunabhängigen, wenngleich auf Hitler verpflichteten Wehrverband wurde. Zulauf erhielt die völkische Agitationspartei auch aus vorwiegend mittelständischen Schichten, die von Inflation und sozialem Statusverlust getroffen waren.
Die frühe NSDAP verstand sich nicht als Partei, sondern als revolutionäre Bewegung, die auf dem Weg eines Putsches und nach dem Vorbild von Mussolinis "Marsch auf Rom" (1922) die verhasste Weimarer Republik von Bayern aus beseitigen wollte. Im Herbst 1923 glaubte Hitler den schweren Konflikt zwischen der bayerischen Regierung unter Generalstaatskommissar G. Ritter von Kahr und der Reichsregierung nutzen zu können, um das Zeichen zu einem "Marsch auf Berlin" und zur Errichtung einer "nationalen Diktatur" zu geben. Der "Hitler-Putsch" vom 8./9.11.1923 brach mit der blutigen Auflösung eines bewaffneten Demonstrationszuges am 9.11.1923 zusammen. Die NSDAP wurde verboten und Hitler am 1.4.1924 in einem Hochverratsverfahren zu fünf Jahren Festungshaft in Landsberg verurteilt. Während seiner Haftzeit, aus der Hitler am 20.12.1924 vorzeitig entlassen wurde, zerbrach die 1923 von 15.000 auf 55.000 Mitglieder angewachsene, aber kaum organisierte und nun führerlose Bewegung in mehrere völkische Gruppierungen.
1.2 Die NSDAP 1925-1933
Nach seiner Entlassung wurde Hitler wieder zum Sammelpunkt beim Wiederaufbau der NSDAP, die durch eine veränderte politische Strategie und einen anderen Parteiaufbau ein neues Profil erhielt. Die Putschtaktik wurde durch eine Legalitätstaktik ersetzt, ohne dass damit der politischen Gewalt abgeschworen wurde. Vor allem versuchte Hitler nun, die Partei zu einem Instrument des Führerwillens zu machen. Seine Führerrolle sollte durch die Abfassung seiner umfangreichen Programmschrift "Mein Kampf" begründet werden.
Die hierarchische Organisation der NSDAP wurde seit 1926 schrittweise durch Jugend- und Studentenverbände sowie weitere Sonderorganisationen und Berufsverbände zu einer umfassenden Integrationspartei ausgebaut mit dem Ziel der Mobilisierung und Erfassung der heterogenen Mitglieder- und Anhängerschaft mit ihren Sonderinteressen. War der Zustand von Organisation und Führung in den Gauen während der Gründungsphase 1925/26 noch recht instabil und auch programmatisch vielgestaltig, so gelang es der Münchener Reichsleitung um Hitler sich allmählich gegen zentrifugale Tendenzen durchzusetzen und auch die ideologisch-propagandistische Alleinvertretung zu behaupten. Die NSDAP nahm nun die Form einer charismatischen Führerpartei an, in der sich die Willensbildung auf die personale Autorität des "Führers" bezog und ohne Mitwirkung der Mitglieder auf der Grundlage von Befehl und Gehorsam von oben nach unten vollzog. Innerparteiliche Gruppierungen organisierten sich nicht gegen Hitler, sondern suchten seine Unterstützung im Machtkampf mit anderen Gruppierungen der Partei zu gewinnen. Hitler duldete und förderte zeitweise solche Gruppenbildungen, die seine Rolle als oberste Schiedsinstanz erst sicherten. Erst wenn seine oberste Autorität in Frage gestellt war, griff er in die zahlreichen innerparteilichen Richtungskämpfe ein. Die politischen Erfolge der NSDAP blieben in den Jahren der (Schein-)Stabilisierung der Weimarer Republik beschränkt. Bei den Reichstagswahlen 1928 erhielt die NSDAP 2,6% der Stimmen und 12 Abgeordnete. Erfolgreicher war die Partei bei der Verdrängung aller völkischen Konkurrenten.
Auf die Phase des Neuaufbaus folgte ab 1929/30 vor dem Hintergrund der Weltwirtschafts- und der dt. Staatskrise die Phase des Aufstiegs zur Massenpartei. Die Partei wurde seit den Reichstagswahlen vom 14.9.1930, bei der sie 6,4 Mio., d.h. 18,3% der Stimmen und 107 Abgeordnetensitze erhielt, zu einem grossen politischen Machtfaktor, dessen radikale Agitation die politische Endkrise der Weimarer Republik noch beschleunigte. Bei den Reichspräsidentenwahlen im März/April 1932 entfielen 36,8% der Stimmen auf Hitler, bei den Preußenwahlen am 12.4.1932 37,8%. Ihren Höhepunkt erreichte die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 31.7.32 mit 37,8% der Stimmen.
Die neue Massenbewegung veränderte die politische Landschaft fundamental und zog vor allem die Wähler und Mitglieder der bürgerlichen Parteien an sich. Gegen diesen Sog konnten sich nur das katholische Milieu mit dem Zentrum sowie der Stamm der sozialdemokratischen und kommunistischen Wähler behaupten, die bis 1933 ein festes Bollwerk bildeten. Ferner gelang es der NSDAP in großem Maße, bisherige Nichtwähler für sich zu mobilisieren. Die Zahl der Parteimitglieder wuchs von 27.000 Ende 1925 über 150.000 im September 1930 auf 1,4 Mio. im Januar 1933. Die NSDAP war eine "junge" Partei. 1930 waren fast 70% der Mitglieder jünger als 40 Jahre, 37% jünger als 30 Jahre. Von den Parteifunktionären waren 65% unter 40 Jahre, 26% unter 30. Die soziale Basis der Massenbewegung rekrutierte sich vor allem aus dem breiten Spektrum des evangelischen bäuerlichen und bürgerlichen Mittelstandes. Selbständige aus den freien Berufen, aus Handwerk und Gewerbe, Angestellte und Beamte waren - gemessen am Anteil der jeweiligen Gruppe an der Zahl aller Berufstätigen - in der NSDAP überrepräsentiert. Zugleich aber bildeten die Arbeiter zahlenmäßig die stärkste soziale Gruppe innerhalb der Parteimitgliedschaft, auch wenn sie, gemessen am Anteil an der gesamten Erwerbsbevölkerung, in der NSDAP unterrepräsentiert waren. Nach 1930 bekannten sich auch Honoratioren zur NSDAP. Sie entwickelte sich darum zu einer tendenziell alle sozialen Schichten erfassenden "nationalistischen Volkspartei", deren soziales Profil sich im Laufe der Parteigeschichte immer wieder veränderte.
Die Integration der verschiedenen von der NSDAP und ihren Gliederungen bzw. Nebenorganisationen angesprochenen Interessen machte Hitler als Führer- und Integrationsfigur unentbehrlich. Die Attraktivität der Hitler-Partei lag nicht in konkreten sozialen und politischen Programmen, sondern in dem Kult um Hitler, der als Retter und Erneuerer erwartet und bejubelt wurde. Mit der massenwirksamen Volksgemeinschaftsparole wurden die vielfältigsten Erwartungen nach Aufhebung aller Standes- und Klassenschranken wie nach Statusbewahrung ebenso angesprochen wie die Hoffnung anderer Gruppen auf soziale Mobilität.
Auf keinen Fall kann die Dynamik der nationalsozialistischen Glaubens- und Protestbewegung mit materiellen Unterstützungen der Großindustrie erklärt werden. Die Finanzierung der gewaltigen Propagandakampagnen der NSDAP erfolgte in erster Linie durch die Mitglieder und ihre Beiträge sowie durch Eintrittsgelder, dann durch Hilfe von Sympathisanten vor allem mit kleineren und mittleren Betrieben. Es liegen keine Belege für eine kontinuierliche finanzielle Förderung der NSDAP durch die Großindustrie vor. Zudem war das Verhalten der Großindustrie gegenüber der NSDAP und Hitlers Regierungsbeteiligung 1932/33 sehr uneinheitlich; nur eine kleine Fraktion unterstützte Hitler. Wichtiger war die Rolle der Großwirtschaft und anderer traditioneller Machteliten bei der Zerstörung der parlamentarischen Demokratie zugunsten einer autoritären Staatsform, die sich am Ende vor dem Ansturm der NSDAP nicht behaupten konnte.
Seit dem Erdrutsch der Septemberwahlen von 1930 versuchte Hitler durch seine Doppelstrategie des Ausbaus einer eigenen, ungeteilt verfügbaren Massenbewegung einerseits und taktischer Bündnisse mit den traditionellen Machtgruppen in Politik, Bürokratie, Militär und Wirtschaft andererseits, an die politische Macht zu kommen. Diese Taktik war in der NSDAP nicht unumstritten und erfuhr immer wieder Rückschläge; entweder durch terroristische Ausbrüche der SA oder durch Zurückweisungen seitens der erhofften konservativen Bündnispartner. Während die nationalkonservativen Kräfte, die ihr eigenes Anhängerpotential seit 1929/30 an die NSDAP verloren hatten, sich vom Bündnis mit der wählerstärksten Massenbewegung eine Massenbasis und plebiszitäre Legitimation ihres autoritären politischen und gesellschaftlichen Programms erhofften und darauf vertrauten, dass sie im Besitz von Reichswehr und Bürokratie den "Trommler" und seine radikale Massenbewegung "zähmen" könnten, brauchte Hitler umgekehrt ihre Unterstützung, um die Kluft schließen zu können, die seine nichtetablierte Protestpartei trotz ihrer Wahlerfolge noch immer von der Macht trennte.
Die Machtübertragung wurde möglich in einem Moment des politischen Machtvakuums einerseits und deutlicher Verschleißerscheinungen bei der NSDAP andererseits. Sie wurde eingeleitet durch ein Geflecht von politischen Fehleinschätzungen und Intrigen, die ihrerseits Produkt der Auflösung der demokratischen Verfassungsorgane waren. In der unübersichtlichen Situation des Januar 1933 bewirkte die direkte Einflussnahme von Hitlers Partnern aus der "nationalen Front" auf den Reichspräsidenten, dass dieser schließlich am 30.1.1933 doch der Ernennung Hitlers zum Kanzler eines Präsidialkabinetts zustimmte, in dem die Nationalkonservativen die drei Nationalsozialisten sicher eingerahmt glaubten.
Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Aufl. Opladen: Leske+Budrich 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003.
