Gülen, Fethullah

geb. 1938, populärer Prediger und Begründer einer von der Türkei ausgehenden, weltweit agierenden islamischen Bildungsbewegung. Geboren wurde G. in einem Dorf bei Erzurum im Osten Anatoliens, wo er abseits des säkularen staatlichen Bildungssystems eine islamische Ausbildung erhielt. 1957 trat er der Nurcu Cemaati bei, deren Streben nach einer Verbindung von Islam, Wissenschaft und Moderne sowie Organisationsweise sein weiteres Wirken stark beeinflussten. G. arbeitete seit dem Ende der 50er bis Anfang der 90er Jahre als staatlicher Prediger und genoss große Popularität. Über die Frage der richtigen Umsetzung der Ideen Said Nursis und seiner eigenen entzweite er sich mit den Nurcus. Er propagierte die Unterteilung der Bewegung in eine nach innen sehr geschlossene Kernanhängerschaft (die sogenannte cemaat) und in einen eher öffentlichen Teil, der unter Zurückstellung seiner eigenen Gruppenidentität Möglichkeiten zur Zusammenarbeit nach außen suchen sollte. Als er diese Pläne dann in einer Abspaltung von den Nurcus umsetzte, konnte er seine Aktivitäten stark ausweiten. In den 80er und 90er Jahren wurden zahlreiche Medien, u. a. die Tageszeitung Zaman und der Fernsehsender Samanyolu TV, gegründet. Anfang der 90er Jahre stilisierte das säkulare türkische Establishment G. als frommen und republikanischen „Vorzeigemuslim“. 1999 wurde er jedoch Ziel einer Kampagne staatlicher Sicherheitskreise, die ihn nun als islamistische Gefahr darstellten. Mittlerweile sind diese Anschuldigungen verklungen. Kurz vor der Kampagne war Fethullah Gülen in die USA übergesiedelt, wo er sich seitdem jenseits der türkischen Tagespolitik um die Weiterentwicklung seiner religiösen Ideen und seiner Anhängerschaft kümmert. Neben dem Mediensektor sind seine Anhänger weltweit auch im Bildungswesen tätig. G. strebt, anders als allgemein unter muslimischen Gruppen üblich, nicht nach dem Bau von Moscheen und der Einrichtung von Korankursen, sondern setzt sich für die Förderung säkularer Bildungsstätten mit religiös motivierten Lehrern ein. Ziel der Ausbildung ist die Schaffung einer weltlich gebildeten muslimischen Elite, die die Moderne gestaltet und sie mit religiösen Werten füllt. In den letzten 30 Jahren haben seine Anhänger ein umfangreiches Netz von Bildungsstätten in der Türkei und im Ausland (in über 50 Ländern) aufgebaut. In der Türkei betreiben sie hunderte von Privatschulen, „dersanes“ (Zentren, die auf den Aufnahmetest für die Universitäten vorbereiten) und Wohnheime für Schüler und Studenten. Außerhalb der Türkei entstanden mit Unterstützung des türkischen Außenministeriums über 150 private Schulen in den USA, den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion und auf dem Balkan bis nach Kambodscha. In Westeuropa und den USA arbeiten die Anhänger G.s unabhängig vom türkischen Staat. In Deutschland ist die Bewegung mit Nachhilfezentren in nahezu jeder größeren Stadt aktiv und hat bereits sechs private Gymnasien eröffnet. Wie überall versucht man auch in Deutschland, den Eindruck einer zentral koordinierten Organisation zu vermeiden. Die einzelnen Bildungseinrichtungen sind formal voneinander unabhängig organisiert, doch bleiben sie über ein Netzwerk der höheren Funktionsträger in der Anhängerschaft G.s untereinander verbunden. Begleitet werden die Bildungsaktivitäten von Initiativen im interkulturellen und interreligiösen Dialog. Die Bewegung ist weitgehend unbemerkt ein sehr wichtiger Akteur des Islams in Deutschland geworden.

Literatur:
Agai, B.: Zwischen Diskurs und Netzwerk. Das Bildungsnetzwerk um Fethullah Gülen, 2004. – Yavuz, H. M. / Esposito, J. L. (Hg.): Turkish Islam and the Secular State. The Gülen Movement, 2003.

Autor/Autorinnen:
Bekim Agai, Dr., Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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