Algerien

A., Staat im Maghreb, mit 2 382 741 qkm zweitgrößter Staat Afrikas, ca. 31,3 Mio. Einwohner (2003). Hauptstadt ist Algier. Die Bevölkerung A. ist mehrheitlich arab.-berber. Ursprungs. Muttersprache von etwa 30% ist eine Berber-Sprache, offizielle Landessprache ist neben Arab. seit 2002 auch Berber (tamazight). Trotz intensiver Arabisierungsbemühungen seit der Unabhängigkeit besitzt Französ. als Handels- und Bildungssprache weiterhin eine hohe Bedeutung. Die große Mehrheit der Algerier sind sunnit. Muslime, die überwiegend der mâlikit. Rechtsschule angehören. Eine Ausnahme bilden die Minderheiten der ³anafiten – sie sind osman. Ursprungs und waren Teil der Herrscherelite – und der ibâdît. Muslime (Ibâdîten) in den Oasen des Mzab. Die ehemals große jüdische Gemeinde A. (1950 ca. 140 000 Mitglieder) ist infolge von Auswanderung stark geschrumpft. Mit dem Ende der Kolonialzeit (1962) sank auch der einst hohe Bevölkerungsanteil europäischer Christen (1948 ca. 10%). – Die Islamisierung A. setzte mit der Eroberung des Landes durch arab. Truppen im 7. Jh. ein. Im 8. Jh. bekannten sich auf dem Gebiet des heutigen A. bedeutende Teile der einheim. Berberbevölkerung zur kharîjit. Glaubensrichtung des Islams. Einheim. Dynastien waren meist nur von lokaler Bedeutung. Im Westen standen sie unter starkem Einfluß der Herrschergeschlechter Marokkos; im Osten waren sie durch Dynastien beeinflußt, die das heutige Tunesien zum Mittelpunkt ihrer Reiche gemacht hatten. Die osman. Ära A. begann mit der Eroberung einiger Städte durch die Brüder Arûj und Khair ad-Dîn Barbarossa (ab 1516). Der osman. Sultan übte bis zur französ. Okkupation Algiers (1830) mittels seiner Repräsentanten eine gewisse Macht über weite Teile des heutigen alger. Staatsgebiets aus. In der französ. Kolonialzeit (1830–1962) strebte Frankreich schon früh eine vollständige Kontrolle über das Leben der kolonisierten Muslime an. Ein Großteil der islam. Stiftungen wurde konfisziert und in die Staatsdomäne eingegliedert. Seit den 1920er Jahren mahnten alger. Nationalisten, die stark von den Lehren der Salafîya-Reformbewegung inspiriert waren, staatliche Reformen zugunsten der muslim. Bevölkerungsmehrheit an und forderten die Trennung von Staat und Religion. Ihr Ende fand die Kolonialzeit in A. in einem acht Jahre währenden, von beiden Seiten mit aller Härte geführten Unabhängigkeitskrieg. Während dieses Krieges wurde die Religion zum bedeutenden Bestandteil der alger. Identität; nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit versuchten dann Teile des sich neu konstituierenden religiösen Establishments, der Religion im alger. Staat eine größere Bedeutung zu verschaffen. Auf Kosten der »ûfî-Bruderschaften, die in der alger. Gesellschaft lange Zeit über eine herausragende Stellung verfügten, wollte das neue Establishment seine eigene Interpretation des Islams durchsetzen. Diese Bestrebungen waren nur teilweise erfolgreich. Im Anschluß an das kurze sozialist. Experiment unter der Führung von Ahmed Ben Bella (1963–1965) setzte während der Präsidentschaft Houari Boumédiennes (1965–1978) eine Konsolidierung des alger. Staates unter islam. und sozialist. Vorzeichen ein. Sein Nachfolger Chadli Bendjedid (1979–1992) war mit der Zuspitzung von ökonom. und sozialen Problemen des vom Erdgas- und Erdöl-Export weitestgehend abhängigen Landes konfrontiert. 1982 brachen in A. erstmals islamist. motivierte Gewalttätigkeiten aus. Nach landesweiten Unruhen im Oktober 1988 ordnete die Staatsführung eine Demokratisierung des polit. Lebens an. Doch als sich während der Parlamentswahlen im Januar 1992 ein Sieg der Islam. Heilsfront (FIS) abzeichnete, griff die Armee ein und erklärte die Wahlen für ungültig. Tausende Islamisten wurden inhaftiert, die Islam. Heilsfront verboten und Präsident Chadli Bendjedid abgesetzt. Der Staatsrat machte Mohamed Boudiaf, einen der „Väter der Unabhängigkeit“, zum Staatsoberhaupt. Er wurde im Juli 1992 unter ungeklärten Umständen ermordet. Seine Nachfolger versuchten den nunmehr mit ungeheurer Brutalität entbrannten Bürgerkrieg zwischen militanten Islamisten und den Sicherheitskräften für sich zu entscheiden. Da sich abzeichnete, daß keine Seite den Sieg davontragen konnte, bemüht sich der seit April 1999 amtierende Präsident Abdelaziz Bouteflika um einen Ausgleich mit den Islamisten. Durch die Politik der „Nationalen Eintracht“ sollte der innere Frieden wiederhergestellt werden. Für reuige islamist. Terroristen sah sie eine weitgehende Straffreiheit sowie die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vor. Nachdem die alger. Wähler Bouteflika 2004 in seinem Amt bestätigt hatten, kündigte er im Zuge der „Nationalen Aussöhnung“ eine umfassende Generalamnestie an. Moderate islamist. Parteien haben jetzt die Möglichkeit, ihre Vertreter ins Parlament zu entsenden. Eine Islamisierung von Bereichen des öffentlichen Lebens ist bereits seit dem Ende der 1980er Jahre zu beobachten.

Literatur:
Hasel, T.: Machtkonflikt in Algerien, 2002. – Martinez, L. : La guerre civile en Algérie, 1999. – Rouadjia, A.: Les frères et la mosquée. Enquête sur le mouvement islamiste en Algérie, 1990. – Ruedy, J.: Modern Algeria. The Origins and Development of a Nation, 1992.

Autor/Autorinnen:
Franz Kogelmann, Dr., Universität Bayreuth, Islamwissenschaft


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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