Ägypten
Ä., 1 Mio. qkm, 67 Mio. Einwohner. Die Hauptstadt ist Kairo. Ä. ist das bevölkerungsreichste und kulturell sowie wirtschaftlich bedeutendste arab.-islam. Land. Landessprache ist Arabisch, auch bei den Kopten, die etwa 10% der Bevölkerung ausmachen. Die Bevölkerung konzentriert sich auf das enge Niltal und das Nildelta, so daß trotz der Größe des Landes dort eine hohe Bevölkerungsdichte herrscht, die durch Landflucht (besonders nach Kairo) und stetigen Bevölkerungszuwachs noch zunimmt. Die Geschichte Ä. in der islam. Zeit ist wesentlich die Geschichte Kairos, obwohl auch andere Städte (Alexandria, Damiette, Qûs), in verschiedenen Epochen, einen großen Beitrag zur kulturellen und wirtschaftlichen Blüte Ä. leisteten. Die islam. Geschichte Ä. beginnt mit der Ankunft der Araber 640 und der Gründung von Fustât (heute Altkairo). Die größte Blütezeit des Landes begann unter den Ayyûbiden (1171-1250) und fand ihre Fortsetzung unter den Mamlûken (1250-1517), bevor Ä. als Provinz in das Osman. Reich eingegliedert wurde. Die Besetzung Ä. erst durch die Franzosen (Expedition Napoleons), dann durch die Engländer (1798-1807) leitete eine neue Zeit ein, die besonders durch das Regime von Muhammad Alî (1805-1849) gekennzeichnet war, der eine Politik der Modernisierung und Verwestlichung betrieb. Unter seinen Nachfolgern, den Khediven (1849-1914), geriet das Land in zunehmende finanzielle und polit. Abhängigkeit von westlichen Mächten (Kolonialismus). Im Jahre 1882 setzte eine nationalist. Bewegung unter Führung des Armeeoffiziers Urâbî Pasha gegen das Khediven-Regime die Einführung einer konstitutionellen Regierung durch. Noch im gleichen Jahr schlugen britische Truppen diese "Revolution" nieder. Die Briten blieben in Ä. stationiert, bis das Land 1914 zum britischen Protektorat erklärt wurde. Zwischen 1914 und 1936 stand Ä. unter britischer Verwaltung. Der Unabhängigkeitsvertrag von 1936 brachte die Einführung der Monarchie, die bis zur Gründung der Republik unter Jamâl Abd an-Nâssir (Nasser) im Jahre 1953 Bestand hatte. In der Außenpolitik dominierte nach 1945 die Auseinandersetzung mit Israel (1967, 1973), die mit dem Friedensvertrag von 1979 (Camp David) und der Rückgabe der Sinai-Halbinsel an Ä. (1982) beendet wurde. Die Anlehnung an die Sowjetunion unter Nasser (Errichtung des Assuan-Staudammes 1960-1964) endete 1970. Innenpolit. war die Nachkriegszeit zunächst geprägt durch die Ära Nassers ("arab. Sozialismus", 1956-1970) und den gescheiterten Versuch einer Vereinigung des Landes mit Syrien (Vereinigte Arab. Republik, 1958-1961), in jüngster Zeit durch den islam. Fundamentalismus (Ermordung des Präsidenten Anwar as-Sâdât 1981) und den Terrorismus der 1990er Jahre, der den wichtigsten Wirtschaftsfaktor Ä., den Tourismus, schwer getroffen hat. In der Amtszeit von Staatspräsident Muhammad Husnî Mubârak (seit 1981) steuert das Land einen Kurs vorsichtiger wirtschaftlicher und polit. Liberalisierung, der jedoch immer wieder durch die schweren innenpolit. Auseinandersetzungen, an denen islamist. Gruppen maßgeblich beteiligt sind (AbûZaid, Muslimbruderschaft), aufgehalten oder gebremst wird. Die wirtschaftliche Öffnung des Landes brachte nur wenigen den erhofften Wohlstand, und die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander. In der arab. Kultur des 20. Jh. spielten die ägypt. Literatur (Mahfûs), die Musik (Umm Kulthûm) und nicht zuletzt auch die Filmindustrie (Kino), die drittgrößte in der Welt, eine wichtige Rolle. Dank der Azhar-Universität sowie vieler anderer Institutionen ist Ä. bis heute auch das geistige Zentrum der sunnit.-islam. Welt geblieben.
Literatur:
Daly, M. W./Petry, C. F. (Hg.): The Cambridge History of Egypt., 2 Bde., 1998.
Autor/Autorinnen:
Marco Schöller, Dr., Universität zu Köln, Orientalistik
Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: Beck 2001. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2002.
