Balkan

B., geograph. Region Südosteuropas mit 505 000 qkm und ca. 50 Mio. Einwohnern. Das Wort ist turksprachiger Herkunft und bedeutet soviel wie „Gebirge“, „Gebirgskette“. Ursprünglich bezeichnete es das bulgar. Mittelgebirge „Stara planina“ („Altes Gebirge“), das südlich der Donau in Ost-West-Richtung verläuft und zum Schwarzen Meer hin abfällt. Heute wird der Name B. als Synonym für die gesamte südosteurop. Halbinsel verwendet, die sich im Zuge der Nationalstaatenbewegung des 19. Jh. allmählich dem Einflußbereich des Osman. Reichs entzogen hatte. Im engeren geograph. Sinn gehören zum B. allerdings nur diejenigen Länder, die südlich der Flüsse Donau und Save liegen, d. h. Kroatien (außer Slawonien), Bosnien-Hercegovina, Serbien-Montenegro (d. h. Serbien außer der Vojvodina, jedoch einschließlich des Kosovo sowie Montenegro), Albanien, die Republik Makedonien, Griechenland, Bulgarien, ein Teil Rumäniens (die südlich der Donaumündung gelegene Dobrudza) und schließlich der europ. Teil der Türkei. Schon seit ältester Zeit besiedelten Menschen die fruchtbaren Flußtäler des B.gebirges und seiner Ausläufer. Die besondere geograph. Lage als Verbindung zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer machte diese Region zur Drehscheibe zwischen dem europ. und dem asiat. Kontinent und damit zum polit. Zentrum verschiedener Großreiche. Auf die bedeutsame Epoche der altgriech. Zivilisation folgte ab dem 4. Jh. n. Chr. für ca. 1000 Jahre das Oström. Reich mit dem griechisch-orthodoxen Christentum als Staatsreligion und ab dem 14. Jh. für ca. 500 Jahre das Osman. Reich. Die Osmanenherrschaft verlangte zwar von den Balkanvölkern eine Unterordnung unter die islam. Rechts- und Gesellschaftsordnung. Doch entgegen vielen Geschichtsdarstellungen der Nationalstaaten Südosteuropas behielten nichtmuslim. Religionsgemeinschaften zahlreiche Sonderrechte. Der Übertritt zum Islam geschah überwiegend freiwillig, um z. B. der Steuer für Nichtmuslime (arab. jizya) zu entgehen oder einen Zugang zu den polit. Machtzentren des Reichs zu erhalten. Das Zusammenleben unterschiedlichster Sprachgemeinschaften (z. B. südslav. und roman. Sprachen, des Griechischen, Osman.-Türkischen und Alban.) und Religionen (Islam, Christentum, Judentum u. a.) wurde durch die Bildung moderner Nationalstaaten empfindlich gestört. Denn die einzelnen Nationen auf dem B. verstehen sich weniger als polit. Interessengemeinschaften, sondern legitimieren ihren alleinigen Herrschaftsanspruch mit dem Hinweis auf ihre jeweilige Sprache, Herkunft, Geschichte oder Religion. Trauriger Höhepunkt ethnischer Auseinandersetzungen war der Kosovo-Krieg im Frühjahr 1999, der nicht nur die Vertreibung von ca. 1 Mio. Menschen nach sich zog, sondern die gesamte Region in ihrer sozioökonom. Entwicklung zurückwarf. Der Stabilitätspakt für Südosteuropa, den die Europäische Union nach dem Ende des Kosovo-Krieges im Juni 1999 auf den Weg brachte, sollte die B.region aus dieser Krise hinausführen. Doch der Abschluß von Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen (SAA) führte zu unterschiedlichen Resultaten. Während Kroatien über diesen Weg bereits zu einem Beitrittskandidaten der Europäischen Union geworden ist, konnte die gewaltsame Eskalation der ethnischen Konflikte in der Republik Makedonien nicht verhindert werden. Die EU-Mitgliedschaft allein wird daher als Anreiz zur Stabilisierung der Region nicht ausreichen. Entscheidend ist vor allem die Bereitschaft der einzelnen Länder, die nationalen Feindbilder zu überwinden und zukünftig enger polit. und wirtschaftlich zusammenzuarbeiten.

Literatur:
Hatschikjan, M./Troebst, S. (Hg.): Südosteuropa. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. Ein Handbuch, 1999. – Hösch, E.: Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, 1999. – Hösch, E./Nehring, K./Sundhaussen, H. (Hg.): Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, 2004. – Riedel, S.: Die Erfindung der Balkanvölker. Identitätspolitik zwischen Konflikt und Integration, 2005.

Autor/Autorinnen:
Sabine Riedel, Dr., Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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