Ethik

. Theoret. islam. E. befasst sich mit der rationalen Begründung der Erkenntnis von Gut und Böse im menschlichen Handeln. Sie überschneidet sich zum Teil mit der Theologie, wobei in der Frühzeit oft die Frage diskutiert wurde, ob das Gute durch den Mensch erkannt werden kann oder erst durch die Offenbarung bekannt gemacht wird. Auch die Vorherbestimmungslehre und die Frage nach Gottes Verantwortung für das menschliche Handeln waren Teil theolog. Reflexion. In der Philosophie wurde versucht, ethische Fragen auch ohne Rekurs auf die Offenbarung zu diskutieren. Die normative E. ist Gegenstand einer großen Zahl an Sammlungen von Vorschriften und Maximen im Bereich von Recht und Moral. Beiträge zur Begründung der E. leisten sowohl – für den arab. Bereich – die beduin. vorislam. Tradition als auch der Koran und die Traditionen (sunna) des Propheten. Die Traditionssammlungen können als ein Kompendium islam. normativer E. bezeichnet werden und bilden auch die wichtigste Basis des islam. Rechts. Die antike griechische Tradition steuerte unter anderen Weisheitslehren (Gnomik) bei, während aus persischen Quellen viele Fürstenspiegel stammen. Normen aus verschiedenen Ursprün­gen, oft spezielle Verhaltensregeln für Fürsten, Schreiber u. a. meist beruflich definierte Bevölkerungsgruppen, versammelt der umfangreiche Kanon der «adab»-Werke. E. bildet auch einen zen­tralen Bestandteil der islam. Mystik. Sie will die Seele mittels ­Askese auf einer Folge von Stufen bzw. Seelenzuständen (arab. ­maqāmāt) auf die Begegnung bzw. die Vereinigung mit Gott vorbereiten. Die für alle Muslime geltenden Lehren über das moral. richtige Verhalten gebieten unter anderen Gottesfurcht und -verehrung, Demut, Gutes zu tun und Böses abzuwehren, Gerechtigkeit zu üben, Solidarität zwischen den Muslimen walten zu lassen, Bedürftigen Hilfe zu gewähren, Pietät gegenüber Eltern zu wahren und Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft nachzukommen. Sie fordern Gastfreundschaft und formulieren Grundsätze einer ­Sexualmoral. Neben traditionellen Institutionen der Vermittlung ethischer Normen wie Schule und Moschee entstanden in den letzten fünfzig Jahren moderne Foren der Diskussion ethischer Maßstäbe: Wichtig sind z. B. Fernsehdiskussionen mit angesehenen Rechtsgelehrten über moral. Themen und deren Fatwās (Rechtsgutachten), die in der Presse verbreitet werden.

Literatur:
Khoury, A. T.: Der Islam. Sein Glauben. Seine Lebensordnung. Sein Anspruch, 1999. – Johanson, B.: Contingency in a Sacred Law. Legal and Ethical Norms in the Muslim Fiqh, 1999. – Chiabotti, F. u. a. (Hg.): Ethics and spiritu­ality in Islam. Sufi adab, 2017.

Autor/Autorinnen:
Christian Szyska, M. A., Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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