Hamâs

H. (arab. „Eifer, Engagement“, gleichzeitig Abkürzung für ³arakat al-muqâwama al-islâmîya, arab. „Bewegung des islam. Widerstandes“). Die ³. wurde im Dezember 1987 als „militär. Arm“ der palästinens. Muslimbruderschaft gegründet. Bis zu diesem Zeitpunkt spielte der Islam als Identifikationsgegenstand im palästinens. Befreiungskampf im Gegensatz zum arab.-palästinens. Nationalismus kaum eine Rolle. Erst mit der allgemeinen Re-Islamisierung der arab. Gesellschaften nach der Niederlage Ägyptens im Sechstagekrieg von 1967 forderten die palästinens. Aktivisten in Einklang mit ihren Gesinnungsgenossen in Ägypten und Jordanien eine islam. Reformierung der Gesellschaft. Das Verhältnis zur PLO war anfänglich sehr gut, doch kam es nach der Etablierung der Autonomen Palästinenserbehörde im November 1988 zum Bruch zwischen den beiden Organisationen. 1993 sympathisierten etwa 30–40% der palästinens. Bevölkerung mit der ³., die in den 1990er Jahren immer wieder durch blutige Selbstmordanschläge in Israel von sich reden machte und mit ihren Aktionen den Friedensprozeß im Nahen Osten behindern wollte. Die israel. Seite reagierte mit Ausgangssperren und Schließung der Grenzen für die zahlreichen palästinens. Pendler. Wie ambivalent die Haltung der ³. hinsichtlich der Bemühungen um einen friedlichen Interessenausgleich zwischen Israel und seinen Nachbarn ist, zeigen die Äußerungen ihres Führers, Scheich Ahmad Yasîn, der im Oktober 1997 aus israel. Haft entlassen wurde. Einerseits verurteilte er wiederholt die Ermordung von Israelis durch terrorist. Unternehmungen der Mitglieder seiner Gruppe, anderseits rief er zum Heiligen Krieg gegen den „Judenstaat“ auf. Am 22. März 2004 wurde Ahmad Yasîn von israelischen Spezialeinheiten auf Befehl von Ariel Sharon ermordet. Sein Nachfolger Abd al-Azîz ar-Rantîsî erlitt am 17. April das gleiche Schicksal. Die ³amâs änderte daraufhin ihre Strategie und nahm am 25. Januar 2006 an den Wahlen zum palästinensischen Parlament teil. Auf Anhieb erhielt sie mit 74 der 132 Abgeordnetensitze die absolute Mehrheit der Mandate. Mehrere Versuche, zusammen mit der Fatah eine nationale Einheitsregierung zu bilden, scheiterten. Es kam im Gazastreifen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die im Juni 2007 in einen bürgerkriegsähnlichen Konflikt mündeten. (Reformislam, Fundamentalismus, Revolution)

Literatur:
Baumgarten, H.: Hamas. Der politische Islam in Palästina, 2006. – Croituru, J.: Hamas. Der islamische Kampf um Palästina, 2007. – Mishal, S. / Sela, A.: The Palestinian Hamas. Vision, Violence, and Coexistence, 2006.

Autor/Autorinnen:
Stephan Conermann, Prof. Dr., Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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