Jerusalem

J. (arab. al-Quds, „Die Heilige“). Von den 590 000 Einwohnern sind etwa 75% Juden und 25% Palästinenser. West-J. zählt allein 450 000 in der Mehrzahl jüd. Einwohner, während die palästinens. Bevölkerung im sehr viel kleineren Ostteil der Stadt lebt, der mit der Altstadt die wichtigen religiösen Stätten beherbergt. Die islam. Eroberer trafen im Jahre 638 in der Stadt ein. 1099 eroberten die Kreuzfahrer J. Sie herrschten bis 1187 und erneut von 1228 bis 1244. 1517 nahmen die Osmanen Palästina und damit auch J. ein und herrschten bis auf eine kurze Unterbrechung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Danach gehörte J. zum britischen Mandat über Palästina. Ebenso wie für den jüdischen und den christlichen Glauben hat J. auch für die islam. Welt eine besondere religiöse Bedeutung. Vor Mekka war die Gebetsrichtung der Muslime nach Jerusalem ausgerichtet, was der aktuellen islam. Rhetorik als eine der Begründungen des muslim. Anspruchs auf die Stadt dient. Der J. Tempelberg war nach islam. Auffassung Ausgangspunkt der Himmelsreise des Propheten Muhammad. An dem Ort wurde später der Felsendom errichtet. J. gilt nach Mekka und Medina als drittwichtigste heilige Stätte des Islams. Im ersten arab.-israel. Krieg von 1948 wurde Ost-J. von arab. Truppen besetzt und gehörte fortan zu Jordanien. Die Klagemauer war für jüd. Gläubige in dieser Zeit nicht zugänglich. West-J. wurde von Israel bereits 1950 annektiert und zur Hauptstadt ernannt. Im Junikrieg von 1967 eroberte die israel. Armee auch den Ostteil der Stadt, und 1980 wurde das nunmehr vereinigte J. zur „ewigen und unteilbaren Hauptstadt Israels“ erklärt. Ebenso wie die israel. Seite erheben auch die Palästinenser einen Besitzanspruch auf die Stadt, die sie zur Hauptstadt eines palästinens. Staates machen wollen. J. wie auch Palästina im allgemeinen besitzt für die islam. Welt einen ganz besonderen Status, der sich nicht mehr nur auf die religiöse Bedeutung der Stadt gründet, sondern gleichsam eine Schlüsselrolle für das Verständnis des arab.-jüd. Konflikts einnimmt.

Literatur:
Amiran, D.: Urban Geography of Jerusalem. A Companion Volume to the Atlas of Jerusalem, 1973. – Levine, L. I.: Jerusalem. Its Sanctity and Centrality to Judaism, Christianity, and Islam, 1999.

Autor/Autorinnen:
Renate Dieterich, Dr., Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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