Libyen

L., Staat im Maghreb, 1 759 540 qkm, ca. 5,4 Mio. Libyer (2001) sowie bis zu 2 Mio. Ausländer; die Hauptstadt ist Tripolis. L. gliedert sich in die drei geograph. Regionen Tripolitanien im Westen, Cyrenaika im Osten und Fezzan im Südwesten. Mit der Vereinigung der Landesteile durch Italien zu einer Kolonie (1934) ist der ursprünglich griechische Begriff „L.“ erstmals seit der Antike wieder Bezeichnung des Landes. Die Bevölkerung ist mehrheitlich arab.-berber. Ursprungs. Neben der offiziellen Landessprache Arab. sind Italien. und Englisch als Verkehrssprachen verbreitet. Ca. 97% der Libyer sind sunnit. Muslime. Abgesehen von den Minderheiten der ³anafiten osman. Ursprungs und der ibâdît. Muslime, gehören die Libyer überwiegend der mâlikit. Rechtsschule an. Bevor die jüdische Minderheit (1948: ca. 30.000) nach dem 2. Weltkrieg massenhaft auswanderte, spielte sie im wirtschaftlichen Leben des Landes eine bedeutende Rolle. – Die Islamisierung L. begann 642/3 mit einem Feldzug muslim. Truppen nach Tripolitanien. Nachhaltiger auf die Verankerung des Islams in der Bevölkerung wirkte sich im 11. Jh. der Einfall der nomad. Stämme Banû Hilâl und Banû Sulaim in den Maghreb aus. Jahrhundertelang standen die tribal geprägten Küstenregionen des heutigen L. jeweils nur zeitweise unter nomineller Herrschaft überregionaler Machtzentren. Erst im Laufe der ersten osman. Herrschaft (1551–1711) kann von der allmählichen Entwicklung einer eigenständigen polit. Identität L. gesprochen werden. Der Fezzan stand selbst nach der Etablierung der Qaramânlî-Dynastie (1711–1835) in Tripolis weitgehend unter der Kontrolle des zentralsaharan. Kanem-Bornu-Reiches. Die zweite osman. Herrschaft (1835–1911) mündete in die Okkupation durch italien. Truppen. Hauptträger des antikolonialen Kampfes war die reformorientierte »ûfî-Bruderschaft der Sanûsîya. Die Kolonialherrschaft Italiens endete offiziell 1947, nachdem das Land bereits seit 1943 von britischen und französ. Truppen besetzt war. 1951 erlangte das vereinigte L. seine staatliche Unabhängigkeit unter dem später zum König proklamierten Oberhaupt der Sanûsîya Idrîs as-Sanûsî. Die im Laufe der 1960er Jahre begonnene Vermarktung der Erdölvorräte veränderte das soziale Gefüge des Landes grundlegend. Urbanisierung, erste Ansätze einer Industrialisierung sowie ein hoher Bedarf an ausländ. Arbeitskräften waren Folgen des Ölbooms. Die Monarchie konnte die krisenhafte Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft nicht aufhalten. Schließlich putschte sich am 1. 9. 1969 der „Bund der Freien Offiziere“ an die Macht, und ein Revolutionärer Kommandorat rief die Libysche Arab. Republik aus. Der gesellschaftliche und polit. Umbau des Landes erfolgte in mehreren Stufen. 1973 markiert den Beginn der Volksrevolution. Ideolog. Grundlage L. wurde die im Grünen Buch niedergelegte „Dritte Universaltheorie“. Erste hierarch. gegliederte Volkskomitees und Volkskongresse wurden ins Leben gerufen, und 1977 erfolgte die Gründung des „Staates der Volksmassen“ (arab. Jamâhîrîya). Im gleichen Jahr entstand parallel zu den bereits bestehenden Herrschafts- und Kontrollorganen das erste Revolutionskomitee. In den folgenden Jahren erlangten diese Komitees weitreichende Kontrolle über das Bildungswesen, die Medien und die innere Sicherheit. Allen vermeintlich basisdemokrat. Experimenten – unter Ausschaltung jeglicher Opposition – zum Trotz ist jedoch bis heute die bestimmende Person innerhalb der libyschen Staatsführung Colonel Muammar al-Qadhdhâfî (Gaddafi). Die außenpolit. Haltung L. seit 1969 zeichnet sich zum einen durch eine radikale Ablehnung Israels aus, zum anderen durch das Streben nach Arab. Einheit (Panarabismus), die allerdings nach zahlreichen gescheiterten Föderationen – z. B. mit Ägypten und Syrien (1971), mit Tunesien (1974) und mit Syrien (1980) – keine konkreten Formen annahm. Militär. Konflikte mit Ägypten (1977) sowie mit der US-Flotte im Mittelmeer (1981 und 1986) und die Invasionen im Tschad (1973, 1980 und 1983) trugen ebenso zu einer zeitweisen polit. Isolierung L. bei wie der Vorwurf, L. unterstütze terrorist. Bewegungen. Nach einem Anschlag auf eine von US-amerikan. Soldaten frequentierte Diskothek in Berlin griffen am 15. 4. 1986 US-Kampfbomber Tripolis und Bengasi an. Die einseitige Ausrichtung auf Erdöl- und Erdgasexporte – bei dem Mangel an anderen Rohstoffen oder Industrieprodukten stellen sie ca. 99,5% aller Ausfuhren dar – machte das Land stark von den Weltmarktpreisen für Rohstoffe abhängig. So ermöglichten zwar die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft zahlreiche polit., gesellschaftliche und wirtschaftliche Experimente, die staatlichen Entwicklungspläne konnten aber selten vollständig realisiert werden. Auf den Verfall der Rohölpreise während der 1980er Jahre mußte der libysche Staat mit Sparmaßnahmen reagieren. Für die Bevölkerung gravierend waren zudem die zwischen 1992 und 1999 von den Vereinten Nationen gegen L. verhängten Sanktionen. Grund des internationalen Boykotts war die Weigerung der libyschen Führung, die mutmaßlichen Drahtzieher der Sprengung eines Pan-Am-Jumbojets über dem schottischen Lockerbie (1988) auszuliefern. Nachdem die libysche Staatsführung ihre Verwicklung in eine Reihe terroristischer Anschläge eingestanden und sich dazu bereit erklärt hatte, Entschädigungszahlungen an die Opfer zu leisten, hoben die Vereinten Nationen 2003 die Sanktionen auf. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 erklärte sich L. zu einer engen sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit westlichen Staaten bereit. Zudem stoppte L. Programme für nukleare und chemische Waffensysteme. Die außenpolit. Isolation L.s fand ein Ende, als im Juli 2007 die im sogenannten HIV-Prozeß Beschuldigten nach Bulgarien ausreisen konnten. Im Gegensatz zu König Idrîs, der Oberhaupt der Sanûsîya »ûfî-Bruderschaft war, stand der Revolutionäre Kommandorat unter dem Druck, seine Herrschaftsansprüche islam. zu legitimieren und gleichzeitig seine potentiellen Konkurrenten auch in religiösen Bereichen auszuschalten. Die Niederlassungen der Sanûsîya wurden geschlossen, und mit der Reform der islam. Stiftungen – traditionell eine bedeutende Quelle der Unabhängigkeit islam. Gelehrter gegenüber dem Staat – konnten die neuen Machthaber die Gelehrten unter direkte staatliche Kontrolle und Abhängigkeit stellen. Auch die Bemühungen, das Rechtswesen in Übereinstimmung mit dem islam. Recht zu bringen, sind Versuche der Staatsführung, alle Bereiche des religiösen Lebens zu zentralisieren und ihr eigenes Islamverständnis zu propagieren. Diese Politik blieb nicht unwidersprochen, und seit den 1980er Jahren ist das Regime mit einer Opposition konfrontiert, die sich in ihrer Argumentation religiöser Terminologie bedient. Diese Formen islamist. Opposition werden gleich allen anderen polit. Widersachern mit rigiden Mitteln bekämpft. Selbst wenn seit 1969 in vielen Bereichen Fortschritte erzielt worden sind, eine polit. Liberalisierung oder gar die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen, wie sie in einigen arab. Ländern zu beobachten sind, sind in L. kaum zu verzeichnen.

Literatur:
Martinez, L.: The Libyan Paradox, 2007. – Vandewalle, D. (Hg.): Qadhafi’s Libya. 1969–1994, 1995.

Autor/Autorinnen:
Franz Kogelmann, Dr., Universität Bayreuth, Islamwissenschaft


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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