Musik

Der aus dem Griechischen stammende arab. Begriff mūsīqā bezeichnete bis zu Anfang des 20. Jh. vornehmlich die spekulative Musiktheorie. Für die Musikpraxis verwendete man arab. Begriffe wie z. B. ghināʾ («Gesang»), samāʿ («Hören») oder ṭarab («durch M. hervorgerufener transformativer Status»). Das vorderoriental. Tonsystem kennt im Gegensatz zum temperierten europäischen System neben Ganz- und Halbtonschritten auch Intervalle, die kleiner als ein Halbton sind und mit ihm zusammen die für diese M. typischen Dreivierteltonschritte ergeben. Die tonräumliche Organisation wird durch maqāmāt (sg. maqām) geregelt; maqāmāt bezeichnen die oriental. Modi, die sich hinsichtlich ihrer Tonstruktur und dem ihnen zugeschriebenen emotionalen Gehalt voneinander unterscheiden. Ein maqām ist durch die Kombination von verschieden großen Sekundschritten und durch die unterschiedliche Rolle, die Töne innerhalb der musikal. Ausgestaltung einnehmen, gekennzeichnet. Analog zur griechischen Affektenlehre sollen maqāmāt verschiedene Gefühlszustände hervorrufen. Heute sind etwa dreißig maqāmāt in Gebrauch, weitaus mehr sind theoret. bekannt. Jedes Musikstück steht in einem bestimmten Grundmaqām, doch können innerhalb des Stücks beliebig viele Modulationen auftreten. Ein guter Musiker vermag durch geschickte Melodieführung und hohe Improvisationskunst, die Spannungsverhältnisse zwischen Tönen zutage treten zu lassen und seine Zuhörer zu emotionalen Reaktionen zu bewegen. Dies kann durch ein Soloinstrument – v. a. Laute, Flöte, Geige, Zither – oder vokal geschehen und wird me­trisch frei ausgeführt. In vielen musikal. Genres heute wird maqām oft nur als Vorrat an Gebrauchstönen begriffen und unter Einfluss europäischer Musiktheorie als Skala von sieben Tönen in jeweils unterschiedlichen Intervallen dargestellt. Die zeitliche Organisation der M. geschieht durch rhythm. Pattern, die aus einer wiederkehrenden Abfolge von betonten und unbetonten Schlägen sowie Pausen bestehen. – Der Islam bedient sich musikal. Klangs zur Überhöhung religiöser Texte, doch wird in der Begriffsbildung streng unterschieden zwischen M. im weltlichen und religiösen Kontext. Letztere wird nicht als M. verstanden, obwohl strukturell kaum Unterschiede bestehen: Koranrezitation, Gebetsruf und viele rezitativ vorgetragene Gebete folgen den Regeln der maqām-­Darstellung. Der maqām ist dabei frei wählbar, die Rezitationen werden metrisch frei und ohne begleitende Instrumente vorgetragen. Zur M. im religiösen Kontext zählen weiterhin Genres innerhalb religiöser Riten und Lieder mit religiösem Inhalt (nasheed/nashīd). Die Diskussion um die Zulässigkeit von M. setzt beim bloßen Hören von M. (arab. samāʿ) an. An der sog. samāʿ-Polemik beteiligten sich nicht nur Rechtsgelehrte und Theologen, sondern auch Literaten, Mystiker und selbsternannte Hüter von Ordnung und Moral. Die Positionen reichen von absoluter Verwerfung von M. bis zu ihrer Inkorporation in religiöse Praktiken. Beim Dhikr als mystischem Ritual spielen Text, M. und Bewegung (Tanz) eine Rolle. Vokal- und Instrumentalstücke entsprechen dabei weitgehend den musikal. Erscheinungsformen der praktizierten Kunstmusik des jeweiligen Landes. Der Einsatz von Musikinstrumenten hängt vom Orden und dem Ort der Zeremonie ab. Im einfachsten Fall werden nur Rahmentrommeln benutzt, einige Orden verwenden Längsflöte und Pauken, dazu können zusätzlich Kniegeige, Laute, Beckenpaare, heute auch Akkordeon oder Klavier kommen, wie in einigen Gemeinden in den Vereinigten Staaten. – Der maqām als zentrales Element der Kunstmusik ist vom arab. Raum über Zentralasien bis Westchina zu finden. Dabei bezeichnet maqām bzw. seine sprachlichen Varianten sowohl modales Ordnungsprinzip als auch eine zyklische Aufführungsform verschiedener instrumentaler und vokaler Genres. Die traditionelle Kunstmusik ist modal ausgerichtet und damit primär melod. Sie wird heterophon begleitet, d. h. die Instrumente umspielen die melod. Linie, verzieren sie und wiederholen einzelne Phrasen, so dass nicht nur eine Mehrstimmigkeit, sondern auch ein filigranes Gewebe um einzelne Töne und melod. Linien herum entsteht. Typisch für die Melo­dieführung sind kleine Tonschritte auf engem Raum und wenig Sprünge. Die Volksmusik der verschiedenen Regionen ist weitaus heterogener. Geographisch weit verbreitet ist der Epengesang, oft ausgeführt von einem sog. Dichtermusiker, welcher für die poet. wie musikal. Gestaltung zuständig ist und sich selbst auf einem Saiteninstrument begleitet. – Bis auf einzelne Ausnahmen hat keine der oriental. Musikkulturen vor dem 19. Jh. eine Notation besessen. Nur die komplexe Theorie wurde schriftlich niedergelegt, die M. selbst sowie das Regelwerk ihrer Ausführung dagegen wurden mündlich tradiert. Europäische Einflüsse, nach denen die Anerkennung einer musikal. Tradition im Wesentlichen in ihrer unverän­derbaren schriftlichen Niederlegung bestand, waren die haupt­sächliche Motivation für die Entwicklung von Notationssystemen. Daneben spielte die Angst vor Verlusten durch soziale Veränderungen eine Rolle. Seit Ende des 19. Jh. haben viele Musikkulturen eine nach ihren jeweiligen Bedürfnissen leicht modifizierte europäische Notenschrift übernommen. In fast allen Staaten existiert heute formaler Musikunterricht an Schulen und Konservatorien, wo neben der eigenen M. auch europäische M. gelehrt wird. – Kulturelle Kontakte, Massenmedien und Veränderungen im sozialen Leben haben einen Wandel im ästhet. Empfinden sowie der sozialen Funktionen von M. bewirkt. Sie führten gleichzeitig zur Herausbildung neuer Stile und Genres, sowohl in der sog. klassischen wie auch in der populären M., die nebeneinander genutzt werden. Mit der Welle der sog. «Weltmusik» sind regionale Stile wie Rai internationalisiert worden oder Fusionen mit anderen Richtungen wie Jazz ein­gegangen. Auch in der Bundesrepublik Deutschland sind viele der beschriebenen Musikformen vertreten, von der M. innerhalb religiöser Praktiken über traditionelle Formen bis zur Popmusik. Ausgeprägt transkulturell sind die Musikstile einiger Jugendkulturen ausgerichtet (Techno, Rap), wo durch die Technik des Sampling verschiedene musikal. Versatzstücke neu zusammengesetzt werden.

Literatur:
V./S. Marcus/D. Reynolds (Hg.): The Garland Encyclopedia of World Music, vol. 6, The Middle East, 2002. – Fariborz, A.: Rock the Kasbah. Popmusik und Moderne im Orient, 2010.

Autor/Autorinnen:
Stefan Winkler, M. A., Goethe-­Institut, Pakistan


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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