Muslimbruderschaft

M. (arab. Jamîyat al-ikhwân al-muslimîn), 1928 von ³asan al-Bannâ (1906–1949) in Ägypten gegründete und bis heute aktive Organisation. Zu Beginn war die M. eine religiöse und philanthrop. Gesellschaft, die im Umfeld säkularist. Tendenzen und hegemonialer Ansprüche der Briten islam. Moralvorstellungen verbreiten und wohltätige Aktionen unterstützen wollte. Bereits in den 1930er Jahren wurden die Aktivitäten der Gruppe jedoch zunehmend gesellschaftspolit. In dieser Zeit begann ³asan al-Bannâ, der lange Zeit als Lehrer arbeitete und als Redner eine charismat., massenwirksame Ausstrahlung besaß, einen allumfassenden und revolutionären Islam zu predigen und seinen Zuhörern die Zukunftsvision eines wahren Islam. Staates näherzubringen. Dazu sei allerdings – so al-Bannâ – erst einmal eine moral. Reform notwendig. Bis 1938 nahmen die Muslimbrüder die Form einer polit. Gruppierung mit streng hierarch. Strukturen an. Es gelang ihnen, einen Staat im Staate aufzubauen, indem sie ihre eigenen Firmen gründeten, Fabriken, Schulen und Krankenhäuser unterhielten und innerhalb der Armee und den Gewerkschaften Posten und Ämter besetzten. Ende der 1950er Jahre schätzte man die Mitgliederzahl der Muslimbrüder auf etwa 500 000. In dieser Zeit nahmen die Spannungen zwischen den Anhängern der M. und der Regierung ständig zu. Schließlich kam es zur Eskalation: Erst wurde 1948 der Premierminister Mahmûd Fahmî an-Nuqrâshî ermordet, dann fiel ³asan al-Bannâ selbst einem Anschlag zum Opfer. Zum neuen Führer wurde ³asan al-Hudaibî (bis 1972) ernannt. Auch die Machtübernahme durch die „Freien Offiziere“ im Juli 1952 führte nicht zur Entschärfung der Lage. Obgleich früher gute Kontakte bestanden, kam es – auch aufgrund ideolog. Differenzen – Mitte der 1950er Jahre zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Das Verbot der M. und die sich daran anschließenden zahlreichen Verhaftungen führten in der Folgezeit zu einer theoret. Richtungsänderung der Bewegung durch Sayyid Qutb: Auch muslim. Gesellschaften könnten sich im Zustand der (vorislam.) „Unwissenheit und Ignoranz“ (jâhilîya) befinden und dürften daher von aufrichtigen Muslimen (unter Umständen auch auf gewaltsame Weise) gestürzt werden. Folgen müsse dann die Errichtung einer islam. Gesellschaftsordnung, deren oberster Souverän nur Gott allein sein könnte. Verhängnisvoll für die M. war es, daß in den 1970er und 1980er Jahren eine Reihe von militanten Gruppierungen ihre Aktionen unter Bezugnahme auf die Schriften Sayyid Qutbs legitimieren wollten. Dies führte dazu, daß die ägypt. Regierung seit Mitte der 1980er Jahre keinen Unterschied mehr zwischen den gemäßigten reformist. Muslimbrüdern und den gewalttätigen Gruppen macht. Diese polit. Linie verfolgt sie ungeachtet der Tatsache, daß sich Umar at-Tilimsânî, der Nachfolger ³asan al-Hudaibîs (bis 1986; dann bis 1996 Muhammad ³âmid Abû Nasr), gegen einen Einsatz von Waffen ausgesprochen hatte und die Muslimbrüder mehrmals bei Wahlen als polit. Partei antreten wollten. Somit stehen die letzten Jahre (Berichtsstand: 2000) im Zeichen eines überaus harten Vorgehens der Behörden und Ordnungsmächte gegen die seit Anfang 1996 von Mustafâ Mashhûr geführte Organisation. (Reformislam, Fundamentalismus, Revolution, Jamaat)

Literatur:
Mitchell, R. P.: The Society of the Muslim Brothers, 1969. – Ayubi, N.: Political Islam. Religion and Politics in the Arab World, 1991. – Carré, O./ Michaud, G.: Les frères musulmans, 1928–1982, 1983.

Autor/Autorinnen:
Stephan Conermann, Prof. Dr., Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: Beck 2001. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2002.




 

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