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Moschee

(arab. masjid, «Ort, an dem man zum Gebet niederfällt»). Das täglich fünfmalige Gebet ist obligator. für jeden erwachsenen Muslim, ebenso die Teilnahme am gemeinsamen Freitagsgebet. Demgemäß gibt es Freitags- oder Versammlungsmoscheen und kleine M. für das tägliche Gebet. In der Freitagsmoschee wird die Predigt gehalten, die bis heute nicht nur religiösen, sondern auch polit. Charakter hat, weshalb die Freitagsmoscheen oft der Ausgangspunkt für Revolutionen waren. Ursprünglich leitete der Kalif das Freitagsgebet, delegierte dies aber bereits im 10. Jh. an einen Imam. Der Bau einer Freitagsmoschee beinhaltet demgemäß stets eine polit. Absicht, die sich im Laufe der Geschichte in der Architektur ausdrückte. Eine M. ist ein Versammlungsraum ohne spezifisch sakralen Charakter, der sich zudem durch den Akt des Schuhe-­Ablegens der reinen Profanität entzieht. Die Mihrabnische hat schon im Laufe der Zeit einen sakralen Charakter angenommen und wird als bedeutsamer Ort des Raumes empfunden. Als weitere Innenausstattung finden sich in einer Freitagsmoschee ein Minbar und eine Dikka, eine Art Plattform, auf welcher der Muezzin zum gemeinsamen Gebet am Freitag den Gebetsruf vollzieht. Mit der M. verbunden sind stets Waschanlagen, die die rituelle Reinheit für das Gebet gewährleisten (Unreinheit). In der Frühzeit des Islams befanden sich diese Waschanlagen stets außerhalb der eigentlichen M., eine Sitte, zu der man heute wieder zurückkehrt. Der Brunnen im Hof oder das Wasserbecken dienten früher nicht den Waschungen, sie enthielten reines Trinkwasser. Das Minarett ist für eine Moscheeanlage nicht obligator., meist aber mit einer Freitagsmoschee verbunden. Bereits zur Zeit Mu­ḥammads gab es M., deren Architektur wir jedoch nicht kennen. Typisch für die Frühzeit des Islams sind einfache Gebetshallen mit vielen Stützen, Marmor- oder Holzsäulen (hypostyle M.), denen ein Hof vorgelagert sein konnte. Gebetsraum und Hof bildeten eine Einheit, zumal der Hof oft von Arkadengängen eingefasst war. Eine zusätzliche Schutzzone (arab. ziyāda) umgab häufig eine M., die mit einer großen Zahl von Türen ringsum offen stand. Diese Bauweise breitete sich mit den Eroberungszügen der Muslime in den verschiedenen Ländern aus. Der Bau und die Konstruktionstechnik unterscheiden sich gemäß der Bautradition der unterschiedlichen islam. Länder mit ihren jeweiligen Werkstoffen wie Backstein, Lehmziegel, Stampflehm und Stein. In den Ländern des Vorderen Orients gibt es Stützenmoscheen mit und ohne Hof, Kuppelmoscheen mit einem großen Kuppelraum oder solche mit mehreren Kuppeljochen. Im persischen Gebiet sind Iwanmoscheen verbreitet (ein Iwan ist ein dreiseitig geschlossener tonnenüberwölbter Raum, der sich zum Hof hin öffnet). Vier-­Iwanmoscheen, bei denen Iwane die vier Seiten des Hofes begrenzen oder nur zwei Iwane einander gegenüberstehen, sowie Kuppelmoscheen sind für den persischen Raum verbindlich. In den von Osmanen beherrschten Gebieten findet sich v. a. die Kuppelmoschee. In der modernen Architektur werden häufig traditionelle Formen übernommen und in eine moderne Sprache übersetzt, z. B. die al-­Ghadir-­M. in Teheran (1977 – 1987) oder die M. von Neu-­Gurna/Luxor (1948).

Literatur:
Frishman, M. (Hg.): Die Moscheen der Welt, 1995. – Hillenbrand, R.: Islamic Architecture, 1994. – Holod, R.: The Mosque and the Modern World. Architects, Portraits and Designs since the 1950 s, 1997. – Kuban, D.: Muslim Religious Architecture Bd. 1, 1971, Bd. 2, 1985. –Korn, L.: Die Moschee, 2012.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Barbara Finster, Universität Bamberg, Islamische Kunst und Archäologie


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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