Marokko

M., der westlichste Staat des Maghreb, 458 730 qkm, ca. 30 Mio. Einwohner. Die Hauptstadt ist Rabat. „M.“ ist eine Verballhornung des Städtenamens „Marrâkush“ (Marrakesch). Die Bevölkerung besteht etwa zu 60% aus Arabisch-Sprechern, der Rest spricht meist Berber-Sprachen. Das Französ. sowie das Spanische in den nördlichen Landesteilen werden als Verkehrssprachen benutzt. Die große Mehrheit der Marokkaner sind mâlikit. Muslime (Rechtsschulen). Eine Minderheit von Juden ist seit Jahrhunderten im Lande ansässig (gegenwärtig 7000). Die christliche Bevölkerung (etwa 69 000) besteht v. a. aus seit Beginn des 20. Jh. eingewanderten Europäern. Das Gebiet des heutigen M. kam Ende des 7. Jh. unter die Herrschaft der Dynastie der Umayyaden, wurde aber bald darauf von weitgehend unabhängigen lokalen Dynastien regiert. Seit Mitte des 17. Jh. sind die Alawiden an der Macht, die auch die französ. und spanische Protektoratsherrschaft 1912–1956 (Kolonialismus) überdauerten. Der bis heute in M. als Nationalheld verehrte Muhammad V. (reg. 1927–1961) stellte sich an die Spitze der nationalist. Bewegung, welche die Unabhängigkeit des Landes erlangte. Ihm folgten ³asan II. (gest. 1999) und der aktuelle König Muhammad VI. Die Alawidenherrscher verstehen sich nicht nur als polit., sondern auch als oberste religiöse Führer des Landes. Eine Basis ihrer Legitimation besteht darin, daß sie als Scharifen, Nachkommen des Propheten Muhammad, anerkannt werden. Ist das heutige M. formal eine konstitutionelle Monarchie mit einem gewählten Parlament, so herrscht de facto der König weitgehend unbeschränkt. Ansätze zu polit. Opposition wurden immer wieder mit teilweise rigiden Mitteln unterdrückt. Anzeichen eines oppositionellen islam. Fundamentalismus zeigten sich in den 1970er und 1980er Jahren, konnten aber keinen großen Einfluß im Land gewinnen, das innenpolit. weitgehend stabil ist. Wie in anderen arab. Staaten auch bestehen aber gravierende ökonom. Probleme, die durch die hohen Kosten der Besetzung der Westsahara noch vermehrt werden. Versuche zu wirtschaftlichen Reformen und eine Öffnung für den Weltmarkt haben den breiten Schichten bisher wenig Wohlstand gebracht. Europäisch geprägte Gesetze gelten in den Bereichen Wirtschaft und im Strafrecht. Islam. Recht mâlikit. Prägung bestimmt hingegen das Personenstandsrecht, das im Jahre 1958 in der „Mudawwana“ kodifiziert wurde. Die seither vorgenommenen begrenzten Reformen dieses Gesetzeswerkes gehen vielen Kritikern nicht weit genug. Eine aktive Frauenbewegung (Mernissi) mahnt z. B. eine deutliche Verbesserung der Stellung der Frau an. Gewisse Hoffnung auf eine Demokratisierung und Stärkung der Zivilgesellschaft verbanden sich mit dem Amtsantritt von Muhammad VI., der von vielen Beobachtern einer neuen, liberal gesinnten Generation von arab. Monarchen zugerechnet wird. Er versucht in der Tat, mit einigen marokkan. Herrschaftstraditionen zu brechen, und setzte z. B. eine Kommission ein, welche unter seinem Vater ³asan II. begangene Menschenrechtsverletzungen untersuchen soll. Problemat. ist weiterhin die wirtschaftliche Lage des Landes, die zum Erstarken islam.-aktivist. Tendenzen beiträgt. Verheerende Bombenanschläge in Casablanca (Mai 2003) wurden von Tätern aus dem sozial benachteiligten Milieu marokkan. Vorstädte verübt.

Literatur:
Krauter, K.-G.: Marokko. Ein orientalisches Land in der Entwicklung, 2004. – Munson, H.: Religion and Power in Morocco, 1993.

Autor/Autorinnen:
Ralf Elger, PD Dr., Universität Bamberg, Arabistik und Islamkunde


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

Lexika-Suche

Dossier

Islamismus

Seit 9/11 hat ein Wort Hochkonjunktur: Islamismus. Wer sind seine Wortführer? Welche Ziele verfolgen sie? Das Dossier führt ein in Vergangenheit und Gegenwart der extremistischen Herrschaftstheorie, die die Welt des 21. Jahrhunderts vor große Herausforderungen stellt. Weiter... 

Newsletter

Jugendkultur, Islam und Demokratie

Wofür stehen Koranverse auf dem T-Shirt? Welche Medien nutzen junge Migranten? Und warum ist für viele muslimische Jugendliche in Deutschland der Nahost-Konflikt so wichtig? Weiter...