Nigeria

N., westafrikan. Land, 923 768 qkm, 117,9 Mio. Einwohner, davon ca. 45% Muslime; die Hauptstadt ist Abuja. Die Muslime N., die im Norden des Landes im 19. Jh. weitgehend polit. geeint waren, wurden in der Kolonialzeit Teil eines Herrschaftssystems, in welchem sie zwar noch über regionale Autonomie verfügten, aber nicht mehr eine dominierende polit. Rolle spielten. Seit der Unabhängigkeit bemühten sich insbesondere die Politiker des Nordens darum, die regionale Vormachtstellung des Nordens in ganz N. durchzusetzen, was jedoch zu einem massiven nationalen Konflikt führte (Biafra-Krieg 1966-1969). Dieser Konflikt konnte nach 1969 weder durch die zahlreichen Militärregierungen noch in den kurzen Phasen ziviler Herrschaft überwunden werden. Vielmehr verschärften sich seit den 1970er Jahren die innernigerian. Auseinandersetzungen noch: Zum einen begann die von Abubakar Gumi geführte islam. Reformbewegung der Jamâat Izâlat al-Bidaa wa-Iqâmat as-Sunna (arab. "Organisation zur Reinigung von unislam. Neuerungen und zur Errichtung der Sunna"; Hausa 'Yan Izâla, "Söhne der Reinigung") einen erbitterten Kampf gegen die Sûfî-Bruderschaften. Zum anderen konnten sich auch christl. Missionsbewegungen in Nordnigeria etablieren. Das Vordringen christl. Missionsorganisationen in den "muslim." Norden des Landes und der drohende Machtverlust der Muslime im Gesamtstaat bildete den Hintergrund gewalttätiger Auseinandersetzungen in Nordnigeria in den 1980er und 1990er Jahren. Die anhaltenden Streitigkeiten zwischen den beiden großen Sûfî-Bruderschaften der Qâdirîya und der Tijânîya einerseits und der islam. Reformbewegung der 'Yan Izâla andererseits verhinderten eine dauerhafte polit. Einigung der Muslime. Der Wahlsieg des aus dem Süden stammenden Ex-Generals Obasanjo im Jahre 1999 und die damit scheinbar verbundene Machtübernahme des "christl." Südens in der Gesamtföderation führte zu erneuten Auseinandersetzungen.

Literatur:
Loimeier, R.: Islamic Reform and Political Change in Northern Nigeria, 1997.

Autor/Autorinnen:
Roman Loimeier, PD Dr., Universität Bayreuth, Islamwissenschaft


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: Beck 2001. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2002.