Re-Islamisierung

In den 1970er Jahren kehrten in vielen Ländern der islam. Welt Schleier und eine islam. Kleidung in das öffentliche Leben zurück. Frömmigkeit wurde immer öfter zur Schau getragen, und die in den Medien geführten Diskussionen über islam. Themen nahmen ebenso zu wie islam. Publikationen aller Art. In Ägypten – aber auch anderswo – erfreuten sich so unterschiedliche Fernsehprediger wie Mustafâ Mahmûd (geb. 1921) oder der blinde Scheich Abd al-³amîd Kishk (geb. 1933) großer Beliebtheit. Hervorstechendes Zeichen dieses neuen Lebensgefühls waren aber v. a. die große Zahl islam. Wohlfahrtsorganisationen, nicht-offizieller Moscheen und durch islam. Fonds unterstützter Privatschulen. Wichtig ist ferner der sprunghafte Anstieg von „islam.“ Kliniken, die normalerweise an Moscheen gekoppelt sind und mittels privatem, meist aus reformist. orientierten Kreisen stammendem Geld arbeiten. Heutzutage zählen sie zu den am häufigsten in Anspruch genommenen sozialen Institutionen reformist. Gruppierungen, da sie die Mängel des staatlichen Gesundheitswesens teilweise ausgleichen (Medizin). Das Phänomen der Re-Islamisierung wurde verstärkt durch die weitverbreitete Überzeugung, der Westen und die westlichen Ideologien hätten „versagt“. Die einstige militär. Überlegenheit der westlichen Industrieländer war in den Augen vieler Muslime durch die Niederlagen der Franzosen in Algerien und im Kongo, die erfolglose englisch-französ. Intervention 1956 in Ägypten und die amerikan. Katastrophe in Vietnam in Mißkredit geraten. Der als Sieg gefeierte Ausgang des Oktoberkrieges zwischen Israel und seinen arab. Nachbarn von 1973 und die erfolgreiche Iran. Revolution von 1979 taten ein übriges, um dieses Gefühl noch zu steigern. Die Skepsis gegenüber den Errungenschaften der westlichen Welt nahm weiter zu. Man empfand den fortgesetzten westlichen „Kulturimperialismus“ als bedrohlich für die eigene Gesellschaft und begann, als Gegenmodell eine eigene arab.-islam. Identität zu formulieren. „Authentizität“ und „Kulturerbe“ sind zu den wichtigsten Schlagworten in der innermuslim. Diskussion um eine wiederzuerlangende muslim. Identität geworden. Durch die Ölkrise Mitte der 1970er Jahre schien plötzlich die Dominanz der westlichen Welt auch auf dem wirtschaftlichen Sektor in Frage gestellt zu sein. Hinzu kam, daß im Westen selbst die linearen Wachstumstheorien hinterfragt und angesichts der nicht mehr zu übersehenden katastrophalen ökolog. und sozialen Begleiterscheinungen die ideolog. Grundlagen der westlichen Ökonomie in Frage gestellt wurden. Infolge dieser „neuen Unübersichtlichkeit“ (J. Habermas) im Westen entstand ein ideolog. Vakuum, das für viele Muslime einen geistigen Freiraum schuf, der äußerlich und innerlich mit neuen islam. Konzepten gefüllt werden konnte.

Literatur:
Hunter, S. T. (Hg.) : The Politics of Islamic Revivalism, 1988. – Kepel, G.: Jihad, expansion et déclin de l’islamisme, 2000. – Roy, O.: L’Echec de l’islam politique, 1992.

Autor/Autorinnen:
Stephan Conermann, Prof. Dr., Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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