Tâlibân

T. (arab., pers. „Suchende“ bzw. „Studenten der islam. Wissenschaften“, sing. tâlib, tâlib al-´ilm = „Sucher des Wissens“). Viele Medresen in Afghanistan und den Grenzprovinzen Pakistans mobilisierten seit den 1980er Jahren ihre “. zum Krieg gegen die sowjet. Besatzer Afghanistans. Meist unterstellten die “. sich einer der afghan. Widerstandsparteien, v. a. der harakat–i Inqilâb–i Islâmî-yi Afghânistân („Bewegung des islam. Umsturzes in Afghanistan“), die von Muhammad Nabî Muhammadî geführt wurde. Das Auftreten von “. als eigene „Front“ (jabha) ist schon früher belegt, aber erst Ende 1994 wurde als Reaktion auf Anarchie und „Unsittlichkeit“ eine Sammelbewegung ehemaliger “. und Mudschahidin unter der Führung von Mullâh Umar ins Leben gerufen. Nach Angaben von Mitgliedern waren es etwa 60 Mullâhs aus verschiedenen paschtun. Stämmen. Militär. wurden die “. durch den Geheimdienst des pakistan. Innenministeriums gefestigt; in ihrem Kampf gegen korrupte lokale Kriegsherren waren sie von der allgemeinen Unterstützung der afghan. Bevölkerung getragen. So konnten sie im November 1994 die Stadt Qandahar einnehmen. Ihre drakon. Maßnahmen gegen Kriminalität und „Unsittlichkeit“, ausgeführt durch das „Amt für Förderung der Tugend und Vernichtung des Lasters“ (amr bi l-marûf wa nahî an al-munkar), verschafften ihnen Sympathien in der Bevölkerung. Bis März 1995 konnten sie die paschtun. Region des südlichen Afghanistan erobern. Ihr Angriff auf Kabul scheiterte am Widerstand der Truppen Ahmad Schah Massouds, Herat wurde durch Ismail Khan gehalten. Die ethnische Bindung der “.-Milizen an die paschtun. Bevölkerung Afghanistans (ca. 38%) wurde hier erstmals offenbar, da andere ethnisch oder regional definierte Solidaritätsgruppen sich nicht unter die Herrschaft der paschtun. dominierten Bewegung begeben wollten. Auch konnten oder wollten die “. ihre Bewegung nur sehr schwer für nicht-paschtun. Gruppen öffnen. Seit Mitte 1995 stattete der pakistan. Zentralgeheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) mit saudischer Finanzhilfe die “. mit schweren Waffen, Luftunterstützung und einem funktionierenden Nachschubsystem aus. Erst dadurch konnten die “.-Milizen im September 1995 Herat und nach einer Blitzkampagne in Ostafghanistan im September 1996 Jalalabad und Kabul erobern. Zusätzlich zu den “. nahmen von nun an verstärkt pakistan. Berater, Offiziere, Truppen und Irreguläre an den Feldzügen teil. – Waren die “. anfangs noch mit dem Versprechen angetreten, die afghan. Monarchie und die paschtun. Hegemonie wiederherzustellen, wandelte sich diese Position mit dem verstärkten Einsatz ausländ. Helfer und Sympathisanten: Im April 1996 ließ sich Mullâh Umar, angetan mit dem Mantel des Propheten (khirqa), von einer Anzahl paschtun. Gelehrter in Qandahar zum amîr al-mu'minîn („Herrscher der Gläubigen“) ausrufen. Damit nahm er den Titel Muhammads und der Kalifen an. Der Titel war bereits zuvor in Afghanistan von den paschtun. Herrschern des 19. Jh. gebraucht worden, um über die paschtun. Stämme hinausgehende Herrschaftsambitionen anzumelden. Die Annahme des Titels markierte den Beginn der „Internationalisierung“ der “. Arab. und pakistan.-indische Fundamentalisten, die Anfang der 1990er Jahre in Afghanistan Unterschlupf gefunden hatten, sahen nun unter den “. eine Gelegenheit, ihre Position zu festigen und einen islam. Idealstaat zu errichten. Als Sturmtruppen trugen sie entscheidend zum Zusammenhalt der “.-Bewegung und zum Überleben Mullâh Umars an der Spitze des „Islam. Emirats Afghanistan“ bei. – Wichtige Mächte der Region (Iran, Rußland, Indien) erkannten die von Pakistan abhängigen “. nicht als neue Machthaber an. Die UN und die westliche Welt wurden durch die sozial-polit. Ausrichtung des islam. Emirats (Diskriminierung von Frauen, Einführung einer repressiven Sozialordnung, ein mittelalterliches Rechtssystem mit brutalen körperlichen Strafen, Massaker an religiösen und ethnischen Minderheiten, Blockade der Wirtschaftsentwicklung) von einer formalen, diplomat. Anerkennung abgeschreckt. Nur Pakistan, Saudi Arabien und die Vereinigten Arab. Emirate vollzogen diesen Schritt, nachdem die “. mit der Einnahme von Mazâr-i Sharîf und Nordafghanistan im Mai 1997 kurzzeitig fast das ganze Land unter ihre Kontrolle bringen konnten. Bald hatten die “. die Mehrzahl ihrer Gewinne wieder verloren, konnten aber im August 1998 nach neuen Nachschublieferungen und mit Heerscharen pakistan. Freiwilliger Zentral- und Nordafghanistan erobern. Doch die zahlreichen Feldzüge in den Jahren 1998 bis 2001 vermochten den Widerstand der Usbeken, Tadschiken und Hasara im bergigen Nordosten Afghanistans sowie in einigen Berggebieten Zentralafghanistans nicht zu brechen. 2001 zeichnete sich eine Wende ab, als immer mehr Gebiete zur offenen Rebellion gegen die “. übergingen. Die Anschläge auf die USA am 11. 9. 2001 und die Weigerung Mullâh Umars, ihren vermutlichen Urheber, Usâma b. Lâdin, an die USA auszuliefern, besiegelten das Ende der “. als Staatsmacht. In einem dreimonatigen Feldzug konnte die 1996 vor den “. geflüchtete Regierung Rabbani v. a. mit US-Hilfe die Kontrolle über das gesamte Land wiedererlangen. Allerdings sind auch unter der derzeitigen Regierung von Hamid Karzai weiterhin “.-Verbände im Land aktiv.

Literatur:
Goodson, L. P.: Afghanistan’s Endless War. State Failure, Regional Politics and the Rise of the Taliban, 2001. – Griffin, M.: Reaping the Whirlwind. The Taliban Movement in Afghanistan, 2001. – Matinuddin, K.: The Taliban Phenomenon. Afghanistan 1994–1997, 1999. – Shakib, S.: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen, 2001.

Autor/Autorinnen:
Eckart Schiewek, Dr., United Nations Assistance Mission to Afghanistan, Kabul


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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