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Tunesien

T., Staat im Maghreb, 163 610 qkm, ca. 9,8 Mio. Einwohner (2002). Die Hauptstadt Tunis ist Namensgeberin des Landes. Die Bevölkerung ist mehrheitlich arab.-berber. Ursprungs. Neben der offiziellen Landessprache Arab. hat Französ. als Bildungssprache einen hohen Stellenwert. Die weitaus meisten Tunesier sind sunnit. Muslime. Abgesehen von den Minder heiten der ³anafiten und der ibâdît. Muslime auf der Insel Djerba gehören die Tunesier mehrheitlich der mâlikit. Rechtsschule an. Es leben heute noch etwa 20 000 Juden in T. – Die Islamisierung der Bevölkerung setzte mit der Eroberung des Landes durch arab. Truppen im 7. Jh. ein. Muslim. Dynastien wie die Aghlabiden (9. Jh.), die Fâtimiden (10. Jh.) oder die ³afsiden (13. bis 16. Jh.) machten das Gebiet des heutigen T. zum Mittelpunkt ihrer teils weitläufigen Reiche. Doch erst mit der osman. Eroberung (1574) konnte die Region den Weg zu einer polit. Einheit verfolgen. Hervorgegangen aus den in T. stationierten osman. Truppen, regierten die ³usainiden-Herrscher seit dem Beginn des 18. Jh. bis zur Ausrufung der Republik im Jahre 1957 gewissermaßen als eine nationale Dynastie. Wie in anderen Teilen der islam. Welt konnten die im 19. Jh. von der staatlichen Führung initiierten Reformmaßnahmen den zunehmenden Einfluß europäischer Mächte nicht vereiteln, und 1881 wurde T. als Protektorat dem französ. Kolonialreich eingegliedert. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg entstand eine gegen Frankreich gerichtete nationale Protestbewegung. Sie radikalisierte sich in den 1930er Jahren, und unter der Führung Habib Bourguibas (³abîb Abû Ruqaiba, 1903–2000) konnte T. 1956 seine staatliche Unabhängigkeit zurückerlangen. 1957 setzte die verfassunggebende Versammlung den letzten ³usainiden-Bey ab und proklamierte die Republik. Unter der Präsidentschaft Bourguibas (1959–1987) fanden eine Reihe sozialer und wirtschaftlicher Reformen statt, die u. a. auf eine Schwächung des religiösen Establishments abzielten. Erachtete die nationalist. Bewegung die islam. Traditionen des Landes noch als Teil der nationalen Identität T. und setzte sie religiöse Elemente gezielt in ihrem Kampf gegen die französ. Fremdherrschaft ein, so betrachtete das betont progressive Regime nach 1956 bestimmte Elemente des Islams als hinderlich für die Entwicklung des Landes. So rief Bourguiba 1960 wenige Wochen vor dem Ramadân die tunes. Arbeiter dazu auf, im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes der religiösen Pflicht des Fastens nicht nachzukommen. Die islam. Stiftungen wurden unmittelbar nach der Unabhängigkeit entweder in die Staatsdomäne überführt oder aufgelöst. Der Unterhalt muslim. Kultusgebäude und die Besoldung des Personals oblagen nunmehr dem Staat. Die Zaitûna-Moschee-Universität, bedeutendste religiöse Stätte islam. Gelehrsamkeit in T., wurde in die staatliche Universität eingegliedert, die Koranschulen wurden verstaatlicht. Durch die Abschaffung religiöser Gerichtshöfe schränkte der Staat den Kompetenzbereich der Gelehrten weiter ein, und von 1957 an galt für alle tunes. Bürger ein einheitliches Recht. Unter formaler Respektierung der Scharia reformierte der Gesetzgeber die Personenstandsgesetze. Neben der Zuerkennung des allgemeinen Wahlrechts profitierten die tunes. Frauen v. a. vom neuen Scheidungs- und Erbrecht. Bourguibas erfolglose Wirtschaftspolitik schwankte zwischen sozialist. Experimenten und freier Wirtschaft und führte schließlich 1983/84 landesweit zu blutigen Unruhen. Bis zu seiner Entmachtung im November 1987 durch Zine al-Abidine Ben Ali (Zain al-Âbidîn ibn Alî) war die fast uneingeschränkte Machtfülle des „Präsidenten auf Lebenszeit“ Bourguiba v. a. durch eine starke islamist. Bewegung in Frage gestellt worden. Prominentester Vertreter des polit. Islams in T. ist der 1987 zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilte Philosophielehrer Rached Ghannouchi (Rashîd al-Gannûshî). Seit den 1970er Jahren propagierte er mit seinen Gesinnungsgenossen und mit Unterstützung des Regimes eine Rückkehr zu islam. Werten in der tunes. Gesellschaft. Auf die Gründung seiner „Bewegung der islam. Orientierung“ (arab. ³arakat al-ittijâh al-islâmî) reagierte der Staat repressiv und förderte letztendlich radikale Tendenzen innerhalb der islamist. Bewegungen T. Nach der Machtübernahme Ben Alis – Ghannouchi wurde 1988 amnestiert – lavierte das Regime gegenüber islamist. Strömungen zwischen Toleranz und Repression. Letztlich hatten jedoch moderate Islamisten keine Möglichkeiten, sich längerfristig öffentlich zu artikulieren oder gar Regierungsverantwortung zu übernehmen. Die bürgerkriegsähnlichen Entwicklungen im Nachbarland Algerien während der 1990er Jahre förderten in T. die Herausbildung eines allmächtigen, mit strenger Zensur und Polizeigewalt herrschenden Staates. Trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklung seit den 1990er Jahren, der Existenz von legalen Oppositionsparteien und zivilgesellschaftlichen Strukturen weist T. nach wie vor eine negative Menschenrechtsbilanz auf. Die autoritären Strukturen konnten nicht verhindern, daß am 11. 4. 2002 auf der Ferieninsel Djerba zahlreiche Touristen Opfer eines terrorist. Anschlags mit islamist. Hintergrund wurden. Die Staatsführung T. kooperierte daraufhin auf dem Gebiet der Bekämpfung von Terrorismus und illegaler Migration noch enger mit westlichen Staaten.

Literatur:
Camau, M./Geisser, V.: Le Syndrome autoritaire. Politique en Tunisie de Bourguiba à Ben Ali, 2003. – Wöhler-Khalfallah, Kh. K.: Der islamische Fundamentalismus, der Islam und die Demokratie. Algerien und Tunesien: Das Scheitern postkolonialer „Entwicklungsmodelle“ und das Streben nach einem ethischen Leitfaden für Politik und Gesellschaft, 2004.

Autor/Autorinnen:
Franz Kogelmann, Dr., Universität Bayreuth, Islamwissenschaft


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2008.




 

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