Riḍā Rashīd

(1865 – 1935), einer der einflussreichsten arab. Vertreter des Reformislams. Das Licht der Welt erblickte R. in einem Dorf bei Tripoli/Libanon. Zuerst besuchte er eine örtliche Koranschule, kam dann jedoch auf die von dem reformist. orientierten Scheich Ḥusain al-­Jisr (1845 – 1909) im Jahre 1879 gegründete ma­drasa waṭanīya. Al-­Jisr glaubte, dass sich die muslim. Gemeinde in erster Linie durch eine Synthese von religiöser Erziehung und westlichen Wissenschaften reformieren, weiterentwickeln und von den verderblichen sufischen Praktiken befreien könne. Mit diesen Vorstellungen stellte al-­Jisr sich in eine Reihe mit Muḥammad ʿAbduh und Jamāl ad-­Dīn alAfghānī. Auf R. übte auch die von diesen beiden 1884 publizierte Zeitschrift alʿUrwa al-­wuthqā («Das stärkste Band») einen großen Einfluss aus. Als er 1897 nach Ägypten kam, wurde er innerhalb kurzer Zeit zu Muḥammad ʿAbduhs Vertrauten und Schüler. Bereits ein Jahr später begann er mit der Herausgabe eines eigenen Magazines, das er al-­Manār («Der Leuchtturm») nannte. Diese Zeitschrift sollte zum maßgeb­lichen Organ reformist. Gedankengutes in der arab. Welt werden. 1911 rief R. eine eigene Schule ins Leben, doch musste der Unterricht nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges eingestellt werden. Von der Jungtürken-­Bewegung im Osman. Reich enttäuscht, verfocht er zunehmend panislam. Ideen (Panislamismus). Als Vorsitzender einer geheimen Gesellschaft verfügte er über gute Kontakte zu vielen polit. Führern im Nahen Osten. Auch begrüßte er die wahhabit.-saudische Machtübernahme in Arabien und die Vertreibung der Hashimiten aus der Region in den Jahren 1924 – 1926. Im Gegensatz zu seiner früheren Einschätzung hielt R. nun die Wahhabiten für die wahren – wenn auch oftmals zu rigoros vorgehenden – Verfechter eines reinen Islams. Ihm schwebte neben der Einheit aller Muslime eine organ. Verbindung von Moderne und muslim. Gesellschaftsentwürfen vor, wobei die Basis der inneren Reform zur Überwindung der, wie er meinte, unerträglichen Stagnation die unbedingte Berufung auf Koran, Sunna und den Konsens der muslim. Gelehrten sein müsse. Der Niedergang der muslim. Welt hänge mit dem Verfall des Gelehrtentums und der ­Tyrannei der Herrscher zusammen. Insgesamt gesehen sind R. und al-­Manār wichtige Katalysatoren reformist. Gedankengutes in der islam. Welt gewesen.

Literatur:
Enayat, H.: Modern Islamic Political Thought, 1982. – Hourani, A.: Arabic Thought in the Liberal Age, 1798 – 1939, 1970. – Kerr, M. H.: Islamic Reform. The Political and Legal Theories of Muhammad ʿAbduh and Rashid Rida, 1966.

Autor/Autorinnen:
Prof. Dr. Stephan Conermann, Universität Bonn, Orientalistik


Quelle: Elger, Ralf/Friederike Stolleis (Hg.): Kleines Islam-Lexikon. Geschichte - Alltag - Kultur. München: 6., aktualisierte und erweiterte Auflage 2018.



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