Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

Weitere umweltstatistische Erfassungsversuche: Wald, Emissionen, Abfall, Energieverbrauch, Erdbeben und Biomobilität


28.1.2016
Umweltstatistiken sind eine der wichtigsten Quellen für Umwelthistoriker. Enorm heterogenes Datenmaterial erschwert die Forschung aber sehr.

Ein Kernthema der Umweltgeschichte ist auch die Veränderung der Landnutzung, ob zu agrarischen oder forstlichen Zwecken. Die jeweiligen Datenreihen dazu finden sich in dem Beitrag von Michael Kopsidis, hier sollen dazu nur einige ergänzende Bemerkungen aus umwelthistorischer Perspektive gemacht werden. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche nahm zwischen 1878 und 1995 rasant ab, während die Waldfläche in Deutschland seit Mitte des 19. Jahrhunderts nach dem mittelalterlichen Raubbau und der extensiven Waldnutzung im 17. und 18. Jahrhundert langsam wieder zunahm. Die Bedeutung des Waldes in der Frühen Neuzeit als Spender von Brenn- und Bauholz sowie als Ort der Waldweide änderte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts als Folge der Substituierung von Holz als Energiequelle durch die Steinkohle grundlegend. Die Debatte um eine Ressourcenkrise (Holznot) wurde von einer zunehmenden Vermarktung und Kapitalisierung als Folge der Durchsetzung der staatlichen Waldnutzungsinteressen und entsprechender Flankierung durch Forstwissenschaft bzw. Forstökonomie abgelöst. Gleichzeitig drangen neue Ansprüche an die Waldnutzung wie Schutz vor Naturgefahren, Erholung und Freizeit sowie Naturschutz in den Vordergrund. Periodische Waldinventuren mit entsprechenden Datenkatalogen zur Holzproduktion, zum Holzeinschlag und zur Qualität und Struktur der Waldressourcen (Indikatoren des "Waldsterbens"), in denen diese Veränderungen abgebildet werden, haben in Europa eine lange Tradition. Aber erst zwischen den 1950er und 1990er Jahren vollzog sich noch einmal ein neuer Paradigmenwechsel in der Waldbewirtschaftung, ausgerichtet auf die Prinzipien von Dauerwald, naturnaher Waldwirtschaft und stabiler Mischwaldbestände.

So heterogen wie Umwelt, Klima und Natur als historische Phänomene sind, so heterogen ist auch das zugrundeliegende Gerüst aus zahllosen, zumeist erst in jüngster Zeit einsetzenden umweltstatistischen Datenreihen. Es gibt viele weitere wichtige Indikatoren zum Thema Umwelt, Klima und Natur, allen voran die vor allem durch den Menschen verursachten Emissionen verschiedener Stoffe wie CO2. (Vgl. hierzu auch den Beitrag Jörg Baten und ­Herman de Jong). Der klimarelevante Kohlendioxidausstoß stammt dabei zum einen aus der Nutzung fossiler Energieträger für Industrie und Verkehr, zum anderen aus der Landwirtschaft, insbesondere der Viehzucht. Die entsprechende Konzentration in der Atmosphäre ist dabei in den letzten 150 Jahren weitgehend proportional zum Verbrauch fossiler Brennstoffe angestiegen, wobei der eigentliche rasante Anstieg vor allem seit den 1950er Jahren erfolgt ist. Die Rekonstruktion der CO2-Konzentration lässt sich inzwischen mit Hilfe von Untersuchungen eingeschlossener Luftblasen in arktischen und antarktischen Eisbohrkernen bis zum Jahr 1000 und davor zurückverfolgen, jedoch können hieraus keine nationalen Daten erstellt werden. Erst ab 1990 gibt es allein auf Deutschland bezogene Erhebungen zu diesem Treibhausgas, während für andere Industrieemissionen wie Stickstoffoxide, Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid die Statistiken immerhin bis 1970 zurückreichen. Man könnte diese allgemeinen Emissionsdaten auch durch zahlreiche, ebenfalls ab etwa den 1960er Jahren einsetzende Zeitreihen zum Ausstoß von einzelnen umweltrelevanten prekären Stoffen und chemischen Verbindungen in die Luft oder als Abwasser ergänzen, wie etwa Isocyanat, Fluorkohlenwasserstoff-Verbindungen (FCKW) sowie lösungsmittel- und chlorhaltige Stoffe. Dies führt zu Abfallstatistiken. Für einzelne Regionen und Kommunen in Deutschland lassen sich zum Teil bis ins 19. Jahrhundert zurück Daten zu Gesamtabfallaufkommen, Haus- und Industriemüllanfall, zu Klärschlammentsorgung und Verpackungsabfällen gewinnen. Wasserverbrauch und Wasserverschmutzung und nicht zuletzt Datenreihen zu Energieverbrauch und Energieproduktion (und die damit korrespondierenden Energiepreise) stellen ebenfalls wichtige quantitative wie qualitative Indikatoren der Umweltgeschichte dar. Der Langzeitblick auf Umfang und Struktur der Stromproduktion zeigt, welche Akteure wann und aus welchen Gründen auf Wasserkraft oder auf den Atomstrom setzten. Der Energieverbrauch in Deutschland ist zwischen 1840 und 2000 nicht linear gestiegen, sondern mit Brüchen und Beschleunigungs- wie Verlangsamungsphasen. Auffallend ist dennoch die enge Parallelität in der Beschleunigung der Wachstumsraten bei der Energieverwendung und der Umweltbelastung seit den 1950er Jahren. Statt nationaler Daten lassen sich aber gleichfalls eher mithilfe regionaler Statistiken, etwa zu Kohleproduktion, differenziertere und weiter zurückreichende Vorstellungen der jeweiligen Entwicklungen gewinnen.

Ein Teilbereich der Umweltgeschichte befasst sich mit der Zuspitzung auf eine Geschichte von Naturgefahren und Naturkatastrophen, auch hier gibt es relevante Datensätze, etwa zu den Erdbebenaufzeichnungen, die in Deutschland bis ins Jahr 800 zurückverfolgt und rekonstruiert werden können.[1] Ob der weltweite Trend der Zunahme von Zahl und Heftigkeit der Erdbeben auch auf die seismischen Aktivitäten in Deutschland zurückwirkt, ist dabei noch völlig unklar. Dafür wird sich mittelbar eine andere statistisch messbare Entwicklung im Zusammenhang mit Naturkatastrophen auswirken: der steigende Umfang von Flucht- und Wanderungsbewegungen tausender Menschen weltweit im Zusammenhang mit Umweltkrisen und -katastrophen, Überschwemmungen, Bodenerosion, versiegenden Brunnen und versalzenen Böden und der damit verbundenen wachsenden Ungleichheit der Verteilung von umweltbezogenen Lebensgrundlagen. Die Geschichte der Mobilität der Menschen, die durch Klimawandel und Umweltkatastrophen zu Migrationsbewegungen gezwungen wurden (vgl. hierzu auch den Beitrag von Jochen Oltmer), korrespondiert dabei mit jener von Pflanzen und Tieren (Biomobilität) im Kontext von europäischer Expansion, Kolonialisierung und "kolumbianischem Austausch".[2] Auch hier ist die Wissenschaft erst dabei, spezifische Indikatoren und Datenerhebungsmethoden zu entwickeln.

Für die Zeit ab 1970 gibt es immerhin historische Zeitreihen zu Artenvielfalt und Landschaftsqualität in Deutschland. Im Kontext der Aktivitäten der OECD werden zudem zahlreiche weitere und neue quantitative und komplex zusammengesetzte Indikatoren zu Nachhaltigkeit und Biodiversität in Deutschland entwickelt, darunter etwa die nutzbare Feldkapazität, die die Menge des im Boden vorhandenen Wassers, das den Pflanzen zur Verfügung steht, misst (Bodenfeuchte und ihre Rückwirkungen auf die Pflanze in Form von Wasserstress bzw. Übersättigung).[3]

Die große Ära der Umweltstatistik beginnt eigentlich erst in jüngster Zeit. Das gilt insbesondere und abschließend für die Entwicklung und Berechnung umweltökonomischer Gesamtrechnungen. Mithilfe komplexer Material- und Energieflussrechnungen wird dem engen Zusammenhang von Wachstum und Ressourcenverbrauch nachgegangen; in jüngster Zeit gibt es aber auch den Versuch, die Entkoppelung beider Größen erstmals nicht nur als eine Phrase, sondern als ein tatsächliches ökonomisches wie gesellschaftspolitisches Ziel voranzutreiben. Dies alles wird aber zugleich durch ein allenthalben für die unterschiedlichsten Interessen instrumentalisiertes "Nachhaltigkeits-Paradigma" mehr vernebelt, als dass es (auf)klärend wirkt. Es ist daher umso wichtiger, dass künftig sehr viel mehr und weit differenzierteres umweltstatistisches Material für die historische Forschung zur Verfügung stehen wird, um damit die vielfach noch unerforschten komplexen Wechselspiele, Interdependenzen und selbstverstärkenden Effekte der vielen umweltrelevanten Indikatoren in historischer Perspektive weiter zu untersuchen.


Fußnoten

1.
Vgl. dazu die Datenerhebungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sowie hier vor allem Günter Leydecker: Erdbebenkatalog für Deutschland mit Randgebieten für die Jahre 800 bis 2008, Hannover 2011.
2.
Der auf Forschungsarbeiten des US-amerikanischen Historikers Alfred W. Crosby zurückgehende Ausdruck Columbian Exchange (englisch für Kolumbianischer Austausch) wird seit den 1970er Jahren verwendet, um die enorme Verbreitung und Wechselwirkung von für die jeweiligen Kontinente zunächst neuartigen landwirtschaftlichen Waren und Produkten aus Flora und Fauna zwischen der östlichen und westlichen Hemisphäre zu bezeichnen.
3.
Vgl. dazu den Indikatorenbericht 2010 zur Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, hrgg. vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU), Berlin 2011 sowie Statistisches Bundesamt, Test des OECD-Indikatorensets Green Growth in Deutschland, Berlin 2012
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