Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

Bevölkerung, Einkommen und Krisen


28.1.2016
Wie stehen Geburt, Tod und Einkommen in einem Zusammenhang? Demographische Langzeitstudien zeigen aufschlussreiche Verbindungen und Wechselwirkungen auf.

Tabelle 1: BevölkerungTabelle 1: Bevölkerung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Wie der Begründer der Demografie, Thomas Robert Malthus, im Grunde richtig erkannte, hatten vormoderne Gesellschaften – nicht nur die deutsche – das Problem, dass Einkommen, Geburten und Todesfälle in einer sehr ungünstigen Weise aufeinander einwirkten. Einerseits führte eine wachsende Bevölkerung regelmäßig zu fallenden Einkommen (in der Ökonomie spricht man hier vom "fallenden Grenzertrag“), andererseits hatten Einkommensveränderungen deutliche demografische Folgen, und zwar so, dass eine Zunahme des Einkommens weniger Tote, mehr Kinder und damit insgesamt auch eine steigende Bevölkerung bedeutete. Aus diesem Kreislauf kam man lange Zeit nicht heraus. Um 1840 – entgegen den düsteren Prognosen von Malthus und seiner großen pessimistischen Anhängerschaft auch in Deutschland – galt das aber im Grunde schon nicht mehr.[1] Abbildung 1 zeigt in langfristiger Sicht die absolute Bevölkerungszahl einerseits, Reallohn und Getreideproduktion als Indikatoren für das Einkommen bzw. die Ernährungsmöglichkeiten andererseits. Man sieht sehr deutlich, dass bereits zu Beginn unserer Zeit die Nahrungs- und Einkommensgrundlage pro Kopf trotz wachsender Bevölkerung ungefähr auf demselben Niveau blieb, und dass spätestens seit Beginn des Kaiserreichs die Einkommen der Bevölkerung davonliefen – und nicht umgekehrt. Das ist ein ganz anderes Bild, als es sich für das 16. oder 17. Jahrhundert zeigt.

Abbildung 1: Reallohn, Getreideproduktion und Bevölkerung in DeutschlandAbbildung 1: Reallohn, Getreideproduktion und Bevölkerung in Deutschland Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Durch langfristige Betrachtungen ist nicht erkennbar, wie sich bessere und schlechtere Einkommenslagen auf Geburt und Tod auswirkten. Hierfür müssen Reihen, wie sie in Abbildung 1 und 2 dargestellt sind, gewissermaßen mit der Lupe betrachtet werden, also für einzelne Krisenzeiten die Reallöhne einerseits und die Geburten- und Sterberaten andererseits. Für die Vormoderne, etwa das 17. und 18. Jahrhundert, ist das oft getan worden.[2] In "Subsistenzkrisen“ folgten auf einen Anstieg der Getreidepreise und einen sich daraus ergebenden Rückgang der Reallöhne zahlreiche Todesfälle (crise de type ancien) oder deutlich weniger Heiraten und Geburten (crise larvée). Kausal war dafür weniger ein direktes Verhungern der Menschen oder (bei den Geburten) ein hungerbedingtes Ausbleiben der Menstruation (Hunger-Amenorrhö), sondern eher die Ausbreitung von Krankheiten, die mit Mangelernährung und Kälte in einer Wechselbeziehung standen (zum Beispiel der sogenannte Hungertyphus sowie Krankheiten des Verdauungssystems) oder die epidemiologischen Auswirkungen von erhöhter Arbeits- und Bettlermobilität. Das gilt auch noch für Krisen im späten 18. Jahrhundert (etwa 1771) oder kurz vor Einsetzen unserer Reihen (das Jahr ohne Sommer 1816, nach dem die Realeinkommen um ein Drittel einbrachen). Nach 1834 waren Reallohneinbußen nur noch selten so heftig wie im 18. Jahrhundert; die letzten mehr als zehnprozentigen Einkommensrückgänge finden wir in den 1850er Jahren. Wenn man sich die Mühe macht, über "histat“ die Reallöhne, Geburten- und Sterberaten für die Jahre um die 1848er Revolution zu beschaffen (der 1846 eine Kartoffelmissernte vorausgegangen war), dann sieht man nur noch mit Mühe (klarer bei den Geburten, kaum bei der Sterblichkeit) eine demografische Reaktion. Man kann argumentieren, dass Missernten sich zu dieser Zeit in Deutschland zwar auf die Gesundheit und die Lebensqualität auswirkten, aber nicht mehr tödlich wirkten.[3] Im 20. Jahrhundert, etwa nach der Konjunkturkrise von 1967, sind die demografischen Auswirkungen von Einkommenskrisen – sichtbar allenfalls als leichtes Abflachen der Reallohnzuwächse – nicht mehr evident und werden von den längeren Trends des Sterblichkeits- und vor allem Geburtenrückgangs überlagert. Deutlich wird damit, dass im 18. Jahrhundert Einkommensschwankungen durchaus noch den von Malthus behaupteten Einfluss auf die Geburten (die sogenannten präventiven Hemmnisse) sowie auf die Sterblichkeit hatten (die positiven Hemmnisse). Schon zu Beginn der in diesem Beitrag erfassten Zeit, geschweige denn im späten 20. Jahrhundert, galt das nicht mehr eindeutig. Das kann nicht daran liegen, dass im 19. Jahrhundert gewerbliche Einkommensquellen allmählich wichtiger wurden – das war erst im Kaiserreich der Fall. Entscheidend war vielmehr die Herausbildung von Agrarmärkten, die dafür sorgten, dass lokale Missernten durch überlokalen Handel ausgeglichen wurden und Einkommen deshalb nicht mehr massiv von Ernteschwankungen beeinflusst wurden (vgl. den Beitrag von Michael Kopsidis). (siehe Tab 1, Abb 1, Abb 2)


Fußnoten

1.
John Komlos: Ein Überblick über die Konzeptionen der Industriellen Revolution, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 84 (1997), S. 461– 511.
2.
Arthur E. Imhof: Einführung in die Historische Demographie, München 1977, S. 48; David Weir: Life Under Pressure: France and England, 1670 –1870, in: Journal of Economic History, 44 (1984), S. 27– 47.
3.
Ulf Christian Ewert: Die "Kleinen Leute" in Sachsens Frühindustrialisierung: Zum sinkenden Lebensstandard einer wachsenden Bevölkerung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Jahrbuch für Regionalgeschichte, 25 (2007), S. 45 – 70.
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