Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

Haushalte und Familien


28.1.2016
Familien sind immer noch die Kernform gesellschaftlichen Zusammenlebens. Was aber unter 'der Familie' zu verstehen ist, hat sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten deutlich geändert.

Abbildung 5a: Wiederverheiratungsrate geschiedener MännerAbbildung 5a: Wiederverheiratungsrate geschiedener Männer Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Im Bereich Haushalt und Familie war der Haupttrend seit dem 19. Jahrhundert die Auflösung des vorindustriellen, um die Kernfamilie herum organisierten, diese aber personell überschreitenden Familienhaushalts. Unter Kernfamilie wird in der Soziologie die biologisch-abstammungsmäßige Kleingruppe mit den Rollen Vater, Mutter, Sohn und Tochter verstanden. In der historischen Realität gab es folgende wichtige "Anlagerungen" an die Kernfamilie: Zunächst wohnten häufig laterale und vertikale Blutsverwandte mit im Haushalt. Eine andere Art der "Anlagerung" waren sogenannte "familienfremde" Personen, welche in der vorindustriellen Landwirtschaft, in Handwerk und Handel benötigt wurden: einerseits Mägde und Knechte, andererseits Lehrlinge und Gesellen. Zu diesen Arten von wirtschaftlich bedingten familienfremden Personen kommen noch solche, welche aus verschiedenen anderen Gründen den Familienhaushalten angegliedert wurden, wie Dienstboten für die häuslichen Bequemlichkeiten, Zimmermieter und Schlafgänger als Einkommensquelle, vorübergehender Besuch, einquartierte Soldaten und anderes mehr. Echte komplexe Haushalte, bestehend aus mehreren Kernfamilien, waren in Deutschland selten. Die Norm war der erweiterte Familienhaushalt, allerdings in der empirischen Realität weniger häufig anzufinden als die Kernfamilie.[1]

Abbildung 5b: Wiederverheiratungsrate verwitweter FrauenAbbildung 5b: Wiederverheiratungsrate verwitweter Frauen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Auflösung des vorindustriellen Familienhaushalts, also die Aufspaltung in seine wesentlichen Bestandteile, führte zur Herausbildung der modernen Kernfamilie, welche nunmehr lediglich aus den sozialen Positionen Vater, Mutter, Tochter und Sohn besteht. Zur statistischen Abbildung dieser langfristigen Prozesse liefert uns die amtliche Statistik nur indirekte Angaben. Die Verringerung der durchschnittlichen Privathaushaltsgröße seit dem 19. Jahrhundert – in Preußen lebten 1846 im Durchschnitt fünf Personen pro Privathaushalt, in Deutschland im Jahre 2011 dagegen zwei – verweist auf diesen Prozess der Entdifferenzierung, aber auch auf den säkularen Geburtenrückgang. Die durchschnittliche Privathaushaltsgröße ist ein zusammenfassendes Maß für den zugrundeliegenden Prozess der Abnahme der großen und der Zunahme der kleinen Haushalte. Wenn wir große Haushalte als solche mit fünf und mehr Personen bezeichnen, so zeigen uns die Daten einen drastischen Rückgang: von 44 Prozent im Jahr 1900 im Deutschen Reich auf 3 Prozent in Deutschland in 2011. (siehe Tab 4)

Auf der anderen Seite haben die Einpersonenhaushalte am stärksten zugenommen: von 6 Prozent im Deutschen Reich 1871 auf 40 Prozent in Deutschland 2011. Gerade dieser Indikator verdeutlicht den Auflösungsprozess des vorindustriellen Haushalts am besten: Kinder verlassen den elterlichen Haushalt heute ebenso wie damals, gliedern sich aber nicht als Lehrlinge, Dienstpersonal etc. einem fremden Haushalt an, sondern haben eine eigene Wohnung und bilden somit einen Einpersonenhaushalt. Dasselbe gilt für Geschiedene und Personen am anderen Ende der Altersskala: Nicht mehr Erwerbstätige höheren Alters leben überwiegend nicht mehr im Haushalt ihrer Kinder, sondern in eigenen Wohnungen.

Auf der Haushaltsebene lässt sich dieser Auflösungsprozess des vorindustriellen Haushalts durch die Entwicklung der Haushalte mit Familienfremden einerseits und der Haushalte mit drei Generationen andererseits demonstrieren. 1910 waren im Deutschen Reich 26 Prozent aller Haushalte solche mit Familienfremden; bis 1970 hatte sich in der Bundesrepublik dieser Anteil auf 1,5 Prozent vermindert. Haushalte mit drei Generationen machten dort 1957 noch 8 Prozent aller Haushalte aus und 1989 noch 2 Prozent; im vereinigten Deutschland waren es 1999 noch 1,3 Prozent.

Tabelle 4: Haushalte und FamilieTabelle 4: Haushalte und Familie Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Konzentriert man sich auf die Kernfamilie und damit auf die Zeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs, so fallen einige zentrale Trends ins Auge. Seit den späten 1950er Jahren zeigt sich eine tendenzielle Abnahme der Kernfamilien mit Kindern (Bundesrepublik 1957: 57 Prozent, Deutschland 2011: 45 Prozent). Dahinter verbirgt sich überwiegend die Zunahme der Kinderlosigkeit von Ehepaaren. Zum geringeren Teil wird der Trend durch ein früheres Verlassen des Elternhauses beeinflusst. Der Anteil unvollständiger Familien, statistisch gemessen als alleinerziehende Personen, hat nur leicht zugenommen: In der Bundesrepublik gab es 1980 9,3 Prozent und in Deutschland 2010 10,2 Prozent alleinerziehende Familien. Bis in die 1960er Jahre war der Wert höher, eine Spätfolge des Zweiten Weltkriegs. Die überwiegende Mehrzahl aller alleinerziehenden Familien wird von Frauen mit Kindern gebildet (Bundesrepublik 1957 90 Prozent; Deutschland 2011 86 Prozent). (siehe Tab 4)


Fußnoten

1.
Mitterauer/Siedler (Anm. 6); Andreas Gestrich/Jens-Uwe Krause/Michael Mitterauer: Geschichte der Familie, Stuttgart 2003; Franz Rothenbacher: Historische Haushalts- und Familienstatistik (Anm. 6); Franz Rothenbacher: The European Population 1850 – 1945, Basingstoke/New York 2002; Franz Rothenbacher: The European Population Since 1945, Basingstoke/New York 2005.
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