Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

Historische Entwicklungslinien


28.1.2016
Wohnen hat in der historischen Betrachtung einen Wandel durchlaufen. Im 19. Jahrhundert waren Wohnverhältnisse noch liberal geprägt, was u.a. zu Bodenspekulationen führte. Auch wenn es diese in gewissem Maße noch heute gibt, hat sich das Bild doch geändert.

Die Wohnverhältnisse im 19. Jahrhundert waren weitgehend liberal geprägt.[1] Die öffentliche Hand beschränkte sich im Wesentlichen auf Vorgaben für Bausicherheit und Feuerschutz (siehe das preußische Fluchtliniengesetz von 1875) und griff sozialpolitisch kaum ein. Aufgrund des starken Wachstums der Bevölkerung sowie ihrer Zusammenballung in gewerblich-industriellen Zentren kam es zu einem Bauboom, es entstanden Bodenspekulation, Armutsviertel und Elendswohnungen. Das führte dazu, dass die Armen- und Arbeiterfrage im Gefolge der Industrialisierung zugleich auch zur Wohnungsfrage wurde. In den rasch wachsenden Industriezentren kam es zu fortschreitender Segregation: auf der einen Seite adeliges und großbürgerliches Wohnen – Stichworte sind Stadtpalais und bürgerliche Villa mit Vorbildwirkung, auch bezüglich Aufteilung und Ausstattung im Inneren mit Repräsentationsräumen und "gutbürgerlichem" Wohnzimmer –, auf der anderen Seite Wohnungselend, wie es sich insbesondere in überalterten, heruntergekommenen Stadtvierteln zeigte, aber auch in der Mietskaserne. Beispiele sind der Berliner Wedding und das Hamburger "Gängeviertel". In den Brennpunkten entwickelten sich spezifische proletarische Wohnformen ("Schlafgängerwesen", halboffene Gesellschaft). Angesichts fehlender sozialer Sicherheit ("Kahlpfändung") entzogen sich Mieter nicht selten durch raschen Umzug der Mietzahlung. An den Problemen entzündete sich Sozialkritik, beispielsweise von Armenärzten, die Untersuchungen über die Wohnverhältnisse in sozialen Brennpunkten initiierten. Ferner führten die Missstände zur Formierung der Bodenreformbewegung mit dem Ziel, den Boden umzuverteilen und "unverdienten" Bodenwertgewinn abzuschöpfen, sowie zur Gartenstadt-[2] und zur Wohnreformbewegung[3].

Die Situation änderte sich mit dem Ende der Monarchie in Deutschland und dem Übergang zur demokratischen Massengesellschaft am Ende des Ersten Weltkriegs, als etwa eine Million Wohnungen aufgrund von Mangel und Baustillstand im Weltkrieg fehlten und die Wohnungsfrage zu einem kardinalen Thema der Gesellschaftspolitik wurde: für den Staat ein Mittel zur gesellschaftlichen Stabilisierung, für die Parteien ein Instrument der Klientelbindung.[4] Die Weimarer Zeit wurde zum Wendepunkt hinsichtlich von Interventionen ins Wohnungswesen. Nun griff der Staat einerseits in Fortsetzung kriegswirtschaftlicher Maßnahmen stark lenkend ein, mit verschärftem Mieterschutz, massiver Mietpreisbegrenzung und fortgeführter, wenngleich gelockerter öffentlicher Wohnraumbewirtschaftung. Andererseits finanzierte er umfangreich den Neubau nach der Währungsreform 1923 mithilfe einer "Geldentwertungsausgleichssteuer auf die bebauten Grundstücke" (in Preußen: "Hauszinssteuer"). Diese Mittel flossen in erheblichem Umfang an gewerkschaftliche, verbandliche und kommunale Träger. Der Werkswohnungsbau hingegen wurde ausgeschlossen. Mit diesen Mitteln kam es zu umfangreicher Neubautätigkeit, bei der die jeweiligen Träger die ihnen politisch angemessen erscheinenden Siedlungsformen realisierten. Beispielsweise errichtete die Linke vornehmlich Siedlungen des Neuen Bauens, mit den Merkmalen Einheitlichkeit, Gleichheit, Kubus und Flachdach; nationale und konservative Kräfte hingegen konzentrierten sich auf konventionelle Formen: architektonische Unterschiedlichkeit, Satteldach und Sprossenfenster. Politische Programmatik verband sich mit konzeptionell-ästhetischem Ausdruck.

In der Weltwirtschaftskrise brach der Wohnungsbau stark ein. Die öffentliche Förderung kam zum Erliegen, es dominierten Selbst- und Nachbarschaftshilfe. Der Nationalsozialismus benutzte den Wohnungsbau für seine Ziele, entwickelte freilich keine grundlegend neuen Konzepte.[5] Er griff Vorstellungen der ländlichen Siedlung auf, wie sie schon in der Weimarer Zeit erprobt worden waren, und förderte sie besonders, desgleichen den Bau von Einfamilienhäusern und Kleinsiedlungen. Er stellte das Wohnungswesen in den Dienst agrarromantischer (Kleinsiedlung, Ostsiedlung) und großstadtfeindlicher Vorstellungen, war aber zwischen Agrarromantik und industriellem Massenwohnungsbau gespalten. Im Rahmen von Kriegsvorbereitung und Ressourcenverknappung intensivierte der nationalsozialistische Staat die öffentliche Wohnraumbewirtschaftung bzw. Wohnungszwangswirtschaft. 1936 fror er die Wohnungsmieten ein.[6]

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Wohnungsnot größer als je zuvor. 1950 gab es in der Bundesrepublik 15,4 Millionen Haushalte, doch nur 10,1 Millionen Wohnungen. Die Jahre 1945 bis 1949 waren ein Schwebezustand: gravierende Unterversorgung mit Wohnraum, vor allem in den Städten und industriellen Zentren; umfangreiche Wanderungen bzw. Bevölkerungsverschiebungen; starke Bewirtschaftung; Instandsetzungen, doch noch kaum Neubau; Unsicherheit, wie lange die Wohnungsnot andauern würde und mit welchen Leitbildern und Mitteln sie zu überwinden sei.[7]

Tabelle 2: Wohnungsbestand, WohnungsbauTabelle 2: Wohnungsbestand, Wohnungsbau Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Seit 1949 gingen die beiden deutschen Staaten getrennte Wege. In der Bundesrepublik setzte die bürgerliche Koalition aus CDU/CSU, FDP und DP auf Mobilisierung aller Kräfte unter staatlicher Rahmengebung und Förderung: Dies umfasste erstens den öffentlich geförderten Sozialen Wohnungsbau mit Einsatz staatlicher Mittel, Beschränkung der Wohnungsgröße auf 32 bis 64 Quadratmeter und der Miethöhe auf maximal 1,10 D-Mark/Quadratmeter (= 0,56 Euro; in Großstädten) sowie der Vergabe an Mieter unterhalb bestimmter Einkommensgrenzen. Zweitens den steuerbegünstigten Wohnungsbau, der Steuervergünstigungen, aber keine öffentlichen Förderungsmittel erhielt; die Wohnungen durften 80 bis – für Kinderreiche – 120 Quadratmeter groß sein; es galt die Kostenmiete. Drittens den freifinanzierten Wohnungsbau ohne öffentliche Mittel und Beschränkungen.[8] Man setzte auf Objektförderung, bei der sich die Subventionierung nur an der Einhaltung politischer Vorgaben wie der Beschränkung der Wohnfläche und der Miethöhe orientierte, nicht aber an der finanziellen Lage der Bauherren. Allmählich wurde dies ergänzt durch Subjektförderung in Form von Mietbeihilfen bzw. Wohngeld, um nicht marktfähige Nachfrage marktfähig zu machen.

In der DDR setzte die sozialistische Regierung immer stärker auf den Wohnungsbau von Genossenschaften und Staatsbetrieben mit niedrigen Mieten und öffentlicher Bewirtschaftung sowie auf Vergesellschaftung des Wohnraums ("Dieses Haus gehört dem Volke"). Die eingefrorenen Mietpreise bestanden von der nationalsozialistischen Zeit bis zum Zusammenbruch der DDR fort. Das System nicht kostendeckender Mieten erstickte den gewerblichen Wohnungsbau und zog den Verfall des Wohnungsbestandes nach sich. Im Wohnungsbau überlebte, wenn man es typisiert, neben dem staatlichen und genossenschaftlichen Wohnungsbau nur derjenige für die Selbstversorgung.

Abbildung 1: Fertiggestellte Wohnungen in Wohn- und NichtwohngebäudenAbbildung 1: Fertiggestellte Wohnungen in Wohn- und Nichtwohngebäuden Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Beide deutsche Staaten erlebten seit ihrer Gründung einen Bauboom[9] – in der DDR staatlich induziert, in der Bundesrepublik durch die Mobilisierung aller wirtschaftlich-gesellschaftlichen Kräfte mit Förderung durch die öffentliche Hand. Am Höhepunkt des Booms im Jahr 1964 wurden etwa 624 000 Wohnungen (brutto) errichtet und damit mehr als je zuvor in der deutschen Geschichte – in den besten Jahren der Weimarer Republik waren es für Gesamtdeutschland etwa 338 802 gewesen (1929).[10] Auch bezogen auf die Einwohnerzahl stiegen die Fertigstellungen und erreichten in der Bundesrepublik Spitzenwerte. (siehe Tab 2, Abb 1)

Parallel zur Überwindung der Unterversorgung reduzierte die Bundesrepublik die staatlichen Eingriffe ins Wohnungswesen. Das Erste Wohnungsbaugesetz von 1950 war ein additiver Kompromiss, der, um die Wohnungsnot zu überwinden, allen Bauherrengruppen Anreize bzw. Entfaltungsmöglichkeit bot. Das Zweite Wohnungsbaugesetz von 1956 ("Wohnungsbau- und Familienheimgesetz") war der Versuch, das Eigen- bzw. Familienheim aus politisch-weltanschaulichen Gründen gegen den Mietwohnungsbau stärker durchzusetzen. Das "Gesetz über den Abbau der Wohnungszwangswirtschaft und über ein soziales Miet- und Wohnrecht" 1960 überführte das Wohnungswesen in die Marktwirtschaft unter gleichzeitiger Einbindung in Sozialrechtsklauseln (Kündigungsschutz; Kündigung nur bei Eigenbedarf). Parallel zu der frühen, vornehmlich auf privat­wirtschaftliche Anreize setzenden Politik vollzogen sich Entwicklungen wie der Bedeutungsgewinn der gewerkschaftlichen "Neuen Heimat", die von der Wohnungspolitik profitierte, ohne dass diese Konzentration von der Regierung intendiert war. Die Wohnungsgemeinnützigkeit – und damit der erwünschte Verzicht auf kapitalistische Rendite bzw. Spekulationsgewinn – gewann an Bedeutung, damit zugleich aber auch die – unerwünschte – Akkumulation von Wohnungsbeständen in Händen einzelner Anbieter. Im Falle der gewerkschaftlichen "Neuen Heimat" wirkten mehrere Faktoren zusammen,[11] nach ihrem spektakulären Zusammenbruch kam es 1988 zum Ende der Wohnungsgemeinnützigkeit.

Abbildung 2: WohnungsbestandAbbildung 2: Wohnungsbestand Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Eine weitere Entwicklungsphase war die verstärkte Einbindung des Wohnungswesens in die Stadtplanung unter den Gesichtspunkten der Gliederung nach Funktionen (wohnen, arbeiten, sich erholen, sich bewegen) gemäß dem Leitbild der "Charta von Athen" (1933). Diese wurde in Deutschland nach der unmittelbaren Wiederaufbauzeit (1945/48 bis etwa 1955) unter dem Leitbild der "gegliederten und aufgelockerten Stadt" rezipiert (1955 bis etwa 1970).[12] Es folgten die dezidierte Städtebauförderung und die Propagierung der "verkehrsgerechten Stadt". Nach dem Ende des Baubooms gewannen die Erhaltung und Sanierung des Bestandes immer mehr an Bedeutung, ferner Gesichtspunkte der Umwelt-, Alters-, Familiengerechtigkeit und zuletzt der Energieeinsparung. Der Versorgungsgrad der Bevölkerung mit Wohnungen ist inzwischen hoch, derjenige einkommensschwacher Nachfrager freilich nach wie vor unbefriedigend. (siehe Abb 2)

Abbildung 3: Bewohnte WohnungenAbbildung 3: Bewohnte Wohnungen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Tabelle 3: Haushalte und WohnsituationTabelle 3: Haushalte und Wohnsituation Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Obwohl die Ausgaben für Miete und Nebenkosten gestiegen sind, verfügen die Deutschen derzeit über mehr Wohnfläche pro Person als je zuvor. Ursachen sind neben gewachsenen Ansprüchen an die Wohnqualität und gestiegenem Wohlstand auch der Rückgang der Kinderzahl und zunehmende Überalterung. (siehe Tab 3, Abb 3)


Fußnoten

1.
Siehe dazu Hans Jürgen Teuteberg/Clemens Wischermann: Wohnalltag in Deutschland 1850 –1914. Bilder-Daten-Dokumente, Münster 1985.
2.
Kristiana Hartmann: Deutsche Gartenstadtbewegung. Kulturpolitik und Gesellschaftsreform, München 1976.
3.
Clemens Zimmermann: Von der Wohnungsfrage zur Wohnungspolitik. Die Reformbewegung in Deutschland 1845 –1914, Göttingen 1991.
4.
Hauptentwicklungen bei Günther Schulz: Kontinuitäten und Brüche in der Wohnungspolitik von der Weimarer Zeit bis zur Bundesrepublik, in: Hans Jürgen Teuteberg (Hrsg.): Stadtwachstum, Industrialisierung, Sozialer Wandel. Beiträge zur Erforschung der Urbanisierung im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin 1986, S. 135 –173.
5.
Für die NS-Nachkriegsplanungen siehe Tilman Harlander/Gerhard Fehl (Hrsg.): Hitlers Sozialer Wohnungsbau 1940 –1945. Wohnungspolitik, Baugestaltung und Siedlungsplanung, Hamburg 1986.
6.
Zur NS-Wohnungspolitik siehe Ute Peltz-Dreckmann: Nationalsozialistischer Siedlungsbau. Versuch einer Analyse der die Siedlungspolitik bestimmenden Faktoren am Beispiel des Nationalsozialismus, München 1978; Joachim Petsch: Baukunst und Stadtplanung im Dritten Reich. Herleitung, Bestandsaufnahme, Entwicklung, Nachfolge, München/Wien 1976; Marie-Luise Recker: Nationalsozialistische Sozialpolitik im Zweiten Weltkrieg, München 1985.
7.
Günther Schulz: Wiederaufbau in Deutschland. Die Wohnungsbaupolitik in den Westzonen und der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis 1957, Düsseldorf 1994, S. 31– 45, insbes. S. 40 (dort erfasst als "Normalwohnungen").
8.
Ebd., S. 240.
9.
Siehe Klaus von Beyme: Der Wiederaufbau. Architektur und Städtebaupolitik in beiden deutschen Staaten, München 1987.
10.
Peter-Christian Witt: Inflation, Wohnungszwangswirtschaft und Hauszinssteuer. Zur Regelung von Wohnungsbau und Wohnungsmarkt in der Weimarer Republik, in: Lutz Niethammer (Hrsg.): Wohnen im Wandel. Beiträge zur Geschichte des Alltags in der bürgerlichen Gesellschaft, Wuppertal 1979, S. 385 – 407, hier S. 400.
11.
Siehe Peter Kamper: Neue Heimat. Unternehmenspolitik und Unternehmensentwicklung im gewerkschaftlichen Wohnungs- und Städtebau 1950 –1982, Stuttgart 2008.
12.
Siehe Johannes Göderitz/Roland Rainer/Hubert Hoffmann: Die gegliederte und aufgelockerte Stadt, Tübingen 1957.
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