Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
André Steiner

Strukturen der Informationsgewinnung und Qualität der Zahlen

Statistik spielte in der DDR eine große Rolle, besonders für die Erstellung von Wirtschaftsplänen war sie essentiell. Außerdem hatte sie eine politische Funktion, denn sie sollte auch den Erfolg des Staatssozialismus dokumentieren. Damit einher ging die Gefahr der Verfälschung.

Qualität und Validität von statistischen Angaben können nur bewertet werden, wenn die Subjekte, der Zweck und der Kontext der jeweiligen Informationsgewinnung bekannt sind. Die Akteure der Datenerfassung waren aber zugleich auch deren Objekte. In der DDR versuchte die SED-Spitze, die Wirtschaft ebenso wie andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens mit Planungsabläufen und damit auch Informationsströmen von den zentralen Instanzen bis zu den unteren Einheiten über eine Hierarchie zu lenken. Die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik war als dem Ministerrat nachgeordnete Querschnittsinstanz für die Organisation, Durchführung und Kontrolle des Systems der Rechnungsführung und Statistik verantwortlich. Ihr hatten die nachgeordneten Instanzen im Rahmen der vorgegebenen Pflichten zu berichten. Zugleich mussten sie aber bei ihren übergeordneten Fachinstanzen Bericht erstatten. Alle diese Berichte standen letztlich dem Ministerrat und der SED-Spitze zur Verfügung. Die verschiedenen Formen der Berichterstattung sollten inhaltlich übereinstimmen. Praktisch war dies jedoch nicht immer der Fall, schon weil die den Erfassungen zugrunde liegenden Definitionen und Abgrenzungen nicht immer identisch waren. Dieser Umstand bot den nachgeordneten Einheiten wiederum Spielräume, die geforderten Angaben entsprechend ihren Interessen günstiger darzustellen.

Da die auf den verschiedenen Leitungsebenen gewonnenen Informationen nicht nur die Lenkung ermöglichen, sondern auch die Kontrolle der Entwicklungsprozesse und des Verhaltens der Akteure gewährleisten sollten, waren besonders die oberen (teilweise anders als die unteren) Ebenen daran interessiert, eine möglichst realitätsnahe Abbildung der gesellschaftlichen Prozesse und Gegebenheiten zu erhalten. In dem zur Informationsgewinnung genutzten bürokratisch-administrativen und hierarchisch angeordneten System unterschieden sich naturgemäß die Interessen der über- und nachgeordneten Ebenen. Die untersten Instanzen verfügten innerhalb bestimmter Grenzen über vollständige (oder wenigstens doch die umfassendsten) Informationen. Da die untersten Instanzen aber wiederum in ihren Leistungen anhand der abgeforderten Informationen beurteilt bzw. belohnt wurden, hatten sie ein Interesse an entsprechenden Manipulationen.

Um diesen zu begegnen, erließ die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik strenge Vorschriften für die einheitliche Abrechnung und kontrollierte deren Einhaltung. Mit Querrechnungen wurde zudem die Plausibilität der Angaben der Betriebe und der daraus resultierenden Aggregationen auf den folgenden Hierarchieebenen überprüft. Damit blieben die Möglichkeiten zur Manipulation seitens der unteren Instanzen auf das Maß begrenzt, von dem man dort glauben konnte, dass es nicht auffiel. Deshalb sind die entsprechenden statistischen Daten nicht vollkommen unrealistisch. Kontrollen konnten diese Abweichungen nicht vollständig ausschließen. Allerdings war die Neigung zum "Schönen" der statistischen Berichterstattung in allen gesellschaftlichen Bereichen verbreitet. Deshalb kann von einem homogenen -systematischen Fehler ausgegangen werden, der für eine Betrachtung und Analyse der Daten innerhalb des Systems vernachlässigt werden kann. Für die Einordnung in übergeordnete Zusammenhänge stellt er allerdings ein gravierendes Problem dar.

Nicht zu unterschätzen ist außerdem die politische Funktion der Statistik: Sie hatte die Erfolge des sich als Alternative zum marktwirtschaftlich-liberalen System des Westens verstehenden Staatssozialismus zu dokumentieren und öffentlich zu propagieren. Dabei führte politische Opportunität dazu, dass Unliebsames, wie zurückbleibende Produktionsentwicklungen, seltener unmittelbar gefälscht als eher geheim gehalten wurde. Ebenso versuchte man, Entwicklungen und Sachverhalte dadurch günstiger darzustellen, indem den Datenabbildungen von internationalen Normen abweichende Definitionen statistischer Tatbestände zugrunde gelegt und damit die (veröffentlichten) Angaben indirekt verfälscht wurden.

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