Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
André Steiner

Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs mit der west- und gesamtdeutschen Statistik

Historische Vergleiche von BRD und DDR mithilfe von Statistiken sind heikel, haben aber durchaus ihre Berechtigung. Es gilt die Qualität, Validität und Vergleichbarkeit im Einzelfall zu prüfen – vor allem, wenn es um die Einbindung in eine gesamtdeutsche Statistik geht.

Wegen dieser Probleme stößt auch die Einordnung der DDR-Daten in die langfristige statistische Darstellung sowie der synchrone Vergleich mit der Statistik der Bundesrepublik auf kardinale Schwierigkeiten vielfältiger Natur, die nur partiell zu lösen sind. An erster Stelle müssen Statistiken zu Fragestellungen, die als politisch sensibel angesehen wurden, wie Kriminalität oder soziale Entwicklungen, anhand der Erhebungsgrundlagen und Primärdaten besonders kritisch überprüft werden. Dieser Bereich ist im Fall der DDR eher weit als zu eng zu ziehen.

Darüber hinaus beschränken nicht nur die angeführten grundlegenden methodischen Probleme der DDR-Statistik deren Vergleichbarkeit. Produktionswerte und daraus resultierende Größen, wie die Arbeitsproduktivität, sowie die aus ihnen errechneten Indizes und Zuwächse können nicht per se mit Angaben aus westlichen Statistiken in eine Reihe gestellt werden, weil die produzierten Güter im westlichen Fall auf dem Markt durch die Abnehmer als verwendbar und nützlich anerkannt werden mussten, damit sie in die Sozialproduktsrechnung eingehen konnten. Im östlichen Fall bestimmten dagegen die Planungsbehörden, welche Güter die entsprechende Anerkennung erfuhren. Auch im sozialpolitischen Bereich lagen erhebliche Unterschiede in der Systemgestaltung vor. Viele Leistungen wurden in der DDR über den Staatshaushalt finanziert. Das wirft auch für die statistische Darstellung verschiedene Probleme auf. So erhebt sich im Zusammenhang mit der "gesellschaftlichen Konsumtion", also der kostenlosen Bereitstellung von Dienstleistungen sowie der nicht unerheblichen Subventionierung von Gütern und Leistungen durch den Staat, die Frage, wie diese in einer Aufbringungs-, Verwendungs- und Einkommensrechnung nach westlicher Struktur zugeordnet werden kann.

Alles in allem liegen nur begrenzt Angaben aus der amtlichen Statistik der DDR vor, die sich Langzeitreihen für Deutschland zugrunde legen lassen. Dazu stehen im Wesentlichen drei Quellen zur Verfügung: das Statistische Jahrbuch der DDR in seiner letzten Ausgabe von 1990, eine in den 1990er Jahren vom Statistischen Bundesamt veröffentlichte Sonderreihe zur DDR und die Primärunterlagen der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR, die im Bundesarchiv aufbewahrt werden. In der letzten Ausgabe des Statistischen Jahrbuchs der DDR wurden vom in den Umbruchsmonaten umbenannten Statistischen Amt der DDR die bei den früher veröffentlichten Daten aufgetretenen Verfälschungen stillschweigend korrigiert. Darüber hinaus publizierte die DDR-Statistik hier erstmals ausgewählte Angaben (beispielsweise zum Bruttoinlandsprodukt und der Bruttowertschöpfung) entsprechend westlichen Konzepten. Frühere Ausgaben des Statistischen Jahrbuchs können unter Berücksichtigung der politischen Sensibilität des Erfassungsgebiets und der zugrunde liegenden Konzepte mit Vorsicht ergänzend herangezogen werden.

Das Statistische Bundesamt hat in den 1990er Jahren verfügbare DDR-Primärdaten erschlossen und versucht, diese in eine mit der Bundesstatistik vergleichbare Form zu bringen. Die Ergebnisse wurden in einer "Sonderreihe mit Beiträgen für das Gebiet der ehemaligen DDR" mit insgesamt 34 Heften veröffentlicht und darin jeweils die Methoden der Rückrechnung und zur Herstellung der Vergleichbarkeit erläutert. Thematisch liegen damit umfangreiche statistische Angaben zur Entwicklung der Bevölkerung, Erwerbstätigkeit und der Wirtschaft in ihren einzelnen Sektoren, zum Staatshaushalt, zu den privaten Haushalten, zu Bildungswesen und Kultur, zum Gesundheits- und Sozialwesen sowie zur Rechtspflege vor. Darüber hinaus wurden in dieser Reihe die Resultate eines externen Forschungsprojektes zur Entstehung und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts (nach westlichen Abgrenzungen) publiziert, auf das noch zurückzukommen sein wird. Diese statistischen Daten liegen jedoch in der Regel nur für ausgewählte Jahre vor, da der Aufwand für das letztlich unvollendete Gesamtprojekt begrenzt werden musste. Allerdings erwies es sich auch bei dieser Form der Umrechnung als schwierig, alle Besonderheiten des DDR-Systems adäquat in das Raster der Bundesstatistik zu übertragen.[1] Außerdem widmet sich das letzte Heft der Reihe den methodischen Grundlagen, Kennzifferdefinitionen und der Organisation der amtlichen DDR-Statistik, was für deren Nutzung erforderlich und hilfreich ist.

Die im Bundesarchiv befindlichen Unterlagen der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik bestehen inhaltlich aus zwei verschiedenen Teilen. Zum einen handelt es sich um die "reine" statistische Berichterstattung, die in mehr oder weniger aggregierter Form vorliegt. Zum anderen finden sich Analysen der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik zu ausgewählten Problemen, die diese in erster Linie für die SED-Spitze und die Regierung zu erstellen hatte. Diese zumeist nur einem ausgewählten Personenkreis zugänglichen Untersuchungen wurden durch die vorgegebene Aufgabenstellung und/oder die "Schere im Kopf" bei den Bearbeitern beeinflusst. Deshalb sind sie für die hier interessierenden Langzeitreihen in der Regel eher irrelevant.

Über die angeführten Quellen der amtlichen Statistik hinaus liegen zu einzelnen Themenbereichen Arbeiten aus Forschungsprojekten vor, bei denen Vergleichbarkeit mit westlichen statistischen Daten angestrebt wurde, von denen hier exemplarisch die Untersuchung der Deutschen Bundesbank zur Zahlungsbilanz der DDR erwähnt sei.[2] Besonderer Aufmerksamkeit erfreute sich bisher die Schätzung der gesamtwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der DDR im Vergleich zur Bundesrepublik, worauf im Folgenden exemplarisch eingegangen werden soll.

Den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen lagen in West und Ost verschiedene Konzepte zugrunde. Statt des im Westen gängigen System of National Account (SNA-Konzept) kam in den Ostblockstaaten das sich an Marx‘schen Kategorien orientierende Material Product System (MPS) zur Anwendung. Beim MPS stand die Produktion von Sachgütern im Mittelpunkt, die zusammen mit den ihr verbundenen Dienstleistungen, wie Reparaturen, Transport und Handel, im Gesellschaftlichen Gesamtprodukt erfasst wurde. Dies ist wiederum eine Brutto-Brutto-Größe, das heißt, hier sind die unter Umständen doppelt gezählten Vorleistungen ebenso wie die Abschreibungen enthalten. Nach Abzug des Produktionsverbrauches (Vorleistungen und Abschreibungen) ergab sich das produzierte Nationaleinkommen. Ob damit sämtliche Vorleistungen tatsächlich eliminiert werden konnten, ist fraglich. Gleichwohl ist dies als Nettogröße – etwas vereinfacht – mit dem Nettoinlandsprodukt nach der Entstehung im westlichen SNA-Konzept vergleichbar. Allerdings waren dabei die Leistungen der staatlichen Einrichtungen und gesellschaftlichen Organisationen, des Kredit-, Versicherungs-, Wohnungs-, Erziehungs- und Gesundheitswesens sowie der direkten Konsumdienstleistungen nicht enthalten. Also wurde im Unterschied zum SNA-Konzept, welches das gesamte Spektrum der wirtschaftlichen Tätigkeit zu erfassen sucht, ein großer Teil der öffentlichen und privaten Dienstleistungen nicht berücksichtigt.

Schon aufgrund dieser unterschiedlichen Erfassungskonzepte verbietet es sich, die Indikatoren gesamtwirtschaftlicher Leistung, wie das Bruttoinlandsprodukt und das Nationaleinkommen, direkt miteinander zu vergleichen. Auch als Indexreihen, Zuwachsraten und andere Relativmaße sollte man sie nicht gegenüberstellen, da nicht davon ausgegangen werden kann, dass die Differenz zwischen beiden, nämlich eben jene "unproduktiven" Dienstleistungen, einen konstanten Anteil am Bruttoinlandsprodukt insgesamt (bzw. am Nationaleinkommen in "entgangener" Form) einnahm. Da dieser Anteil in der Bundesrepublik tendenziell anstieg, während dies für die DDR nicht im gleichen Maß anzunehmen ist, wären die Ergebnisse einer solchen Gegenüberstellung verfälscht. Darüber hinaus ist bei einem Vergleich der gesamtwirtschaftlichen Leistung ebenso wie bei allen anderen Wertkennziffern die Wechselkursproblematik zu berücksichtigen. Es erscheint im Grunde unmöglich, im Nachhinein einen Wechselkurs der DDR-Mark zu bestimmen, wie er sich unter Marktverhältnissen herausgebildet hätte. Es existieren dazu lediglich Hilfskonstruktionen mit Ersatzindikatoren, die alle mit problematischen Unvollkommenheiten belastet sind. Diese Probleme wollten verschiedene Vorhaben lösen:

Ein Forschungsprojekt des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin hatte sich zum Ziel gesetzt, die gesamtwirtschaftliche Leistung der DDR als Entstehung und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts nach westlicher Methodik auf Basis der Primärunterlagen der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik zu bestimmen. Die Rückrechnung der Sozialproduktsdaten wurde für die Jahre 1970, 1972 und 1975 sowie 1978 bis 1989 vorgelegt. Doch konnten weder das Preisproblem noch das Wechselkursproblem einer befriedigenden Lösung zugeführt werden, weshalb alle Daten in laufenden Preisen in DDR-Mark vorgelegt wurden. Deshalb sind diese Angaben lediglich für Strukturanalysen verwendbar.[3]

Bereits früher unternahmen Wilma Merkel und Stefanie Wahl einen ersten Versuch, das Bruttoinlandsprodukt für die DDR im Zeitraum von 1950 bis 1989 nach westlicher Methodik zu ermitteln.[4] Unter vereinfachten Annahmen und auf nicht in allen Details belegten Grundlagen bestimmten sie das Bruttoinlandsprodukt in DDR-Mark. Jedoch blieb bei ihnen die Basis für den von ihnen errechneten Umrechnungskoeffizienten zur D-Mark – außer den allgemein gehaltenen, berücksichtigten Faktoren – unklar. Er scheint letztlich nicht plausibel.

Deshalb haben Albrecht Ritschl und Mark Spoerer in einem umfassenderen Aufsatz die Ergebnisse von Merkel/Wahl für das Sozialprodukt der DDR so weit übernommen, wie diese deren gesamtwirtschaftliche Leistung, ausgehend von den vorliegenden DDR-Ziffern unter Berücksichtigung eines geschätzten Dienstleistungsanteils, geschätzt hatten. Für die Umrechnung von DDR-Mark in D-Mark zogen sie allerdings den im Außenhandel der DDR als Korrekturfaktor des offiziellen Währungskurses genutzten Richtungskoeffizienten bzw. den Umrechnungskoeffizienten des Rentenüberleitungsgesetzes heran, die – auf unterschiedlicher Basis entstanden – recht gut übereinstimmen.[5] Der Richtungskoeffizient kann infolge seiner Konstruktion und der Art der Entstehung faktisch als ein kommerzieller Wechselkurs zwischen der DDR-Mark und der D-Mark betrachtet werden. Daher sind die Angaben von Ritschl/Spoerer für einen rohen Vergleich der gesamtwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der DDR mit der der Bundesrepublik durchaus geeignet.

Außerdem legte Jaap Sleifer eine Schätzung vor, die allerdings aufgrund ihrer Datengrundlage problematisch ist.[6] Sie beruht auf den physischen Produktionsangaben, die von der DDR im Statistischen Jahrbuch veröffentlicht wurden. Da Reihen mit negativ angesehener Entwicklung in der Regel nicht mehr publiziert wurden, weist dieses Sample einen systematischen Fehler auf, und die darauf basierende Schätzung fällt tendenziell zu positiv aus.

Nicht zuletzt hat Gerhard Heske auf Basis der internen Unterlagen der DDR-Statistik die Entwicklung des ostdeutschen Bruttoinlandsproduktes in D-Mark berechnet.[7] Auch er war gezwungen, seiner Schätzung bestimmte Annahmen zugrunde zu legen, die nicht alle hinreichend mit Archivalien belegt werden (können).

Alle diese Arbeiten haben methodisch jeweils ihre Vor- und Nachteile und weisen Unzulänglichkeiten auf, sodass man sich je nach dem Untersuchungsziel entscheiden muss, welche man heranzieht. Gleichwohl erlauben sie grundsätzlich Aussagen zur Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der DDR. Dieser Befund gilt aber nicht allein für die DDR, denn auch für das 19. Jahrhundert stößt die Bestimmung der gesamtwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit an Grenzen der Quellen und Methodik.

Insgesamt lässt sich resümieren, dass sich die DDR prinzipiell in die Langzeitreihen für Deutschland einordnen lässt, jedoch aufgrund der Qualität, Validität und Vergleichbarkeit im Einzelfall geprüft werden muss, inwieweit eine Einbindung in eine gesamtdeutsche Statistik möglich ist.

Fußnoten

1.
Die Umrechnung der Erwerbstätigen aus der DDR-Statistik auf die Wirtschaftszweigsystematik der Bundesstatistik hinterlässt beispielsweise offene Fragen (vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Erwerbstätige 1950 bis 1989 (Sonderreihe mit Beiträgen für das Gebiet der ehemaligen DDR, Heft 14), Wiesbaden 1994). Laut Auskunft des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg wurden die Beschäftigten in staatlichen Einrichtungen des Gesundheits- und Veterinärwesens, was entsprechend den Eigentumsstrukturen in der DDR die große Mehrheit in diesem Sektor darstellte, den Gebietskörperschaften und damit dem Staat zugerechnet. Nach dieser Logik hätte das auch bei großen Teilen anderer Sektoren geschehen müssen. Zudem erschwert dies Aussagen darüber, was unter dem steigenden Staatsanteil an den Erwerbstätigen konkret zu verstehen ist, da das Statistische Bundesamt nicht im Einzelnen ausgewiesen hat, was darunter subsumiert wurde.
2.
Deutsche Bundesbank: Die Zahlungsbilanz der ehemaligen DDR 1975 bis 1989, Frankfurt a. M. 1999.
3.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Sonderreihe mit Beiträgen für das Gebiet der ehemaligen DDR, Heft 33: Entstehung und Verwendung des Bruttoinlandsprodukts 1970 bis 1989. Ergebnis eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsvorhabens, Wiesbaden 2000.
4.
Vgl. Wilma Merkel/Stefanie Wahl: Das geplünderte Deutschland. Die wirtschaftliche Entwicklung im östlichen Teil Deutschlands von 1949 bis 1989, Bonn 1991.
5.
Vgl. Albrecht Ritschl/Mark Spoerer: Das Bruttosozialprodukt in Deutschland nach den amtlichen Volkseinkommens- und Sozialproduktsstatistiken 1901–1995, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1997/2, S. 27– 54.
6.
Jaap Sleifer: Planning Ahead and Falling Behind. The East German Economy in Comparison with West Germany 1936-2002, Berlin 2006.
7.
Gerhard Heske: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung DDR 1950 –1989. Daten, Methoden, Vergleiche (HSR-Supplement No. 21), Köln 2009.
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