Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Volker Müller-Benedict

Das Wachstum des Hochschulbereichs

Die deutsche Universitäts- und Hochschullandschaft ist vielfältig und das Ergebnis einer langen Entwicklungsgeschichte. Dieses Kapitel zeigt die wichtigsten Stationen dieser Geschichte in Zahlen und Fakten.

Die Zahl der Studierenden an allen wissenschaftlichen Hochschulen Deutschlands hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts beständig erhöht, außer in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Um 1830 begann die Entwicklung mit 16 049 Studierenden und verminderte sich zunächst in den 1830er Jahren, um nach einer Stagnationsphase ab 1885 bis zum Ende des Kaiserreichs 1919 um das Zehnfache zu steigen. In den 1920er Jahren verlangsamte sich das Wachstum, unter den Nationalsozialisten reduzierte sich die Zahl der Studierenden um die Hälfte. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Zahl auf dem Niveau von Anfang der 1930er Jahre und stieg mit einer kurzen Verlangsamung in den 1990er Jahren bis heute um das Siebzehnfache im Vergleich zur Nachkriegszeit. (siehe Tab 3)

Tabelle 4: Anteil weiblicher und ausländischer Studierender sowie im Verhältnis zur Alterkohorte und nach sozialer HerkunftTabelle 4: Anteil weiblicher und ausländischer Studierender sowie im Verhältnis zur Alterkohorte und nach sozialer Herkunft Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In den drei Phasen, in denen das Wachstum stagnierte oder zurückging, wurde politisch gegengesteuert: In der Restauration der 1830er Jahre galten die Universitäten als Verbreiter gefährlichen aufklärerischen Gedankenguts, in der Phase der ersten größeren Akademikerarbeitslosigkeit im Kaiserreich wurde mit der Gefahr eines "akademischen Proletariats" argumentiert, und die Nationalsozialisten wollten den "übersteigerten Bildungstrieb" wieder auf einen durch "Naturgrenzen" beschränkten "kulturfähigen Volksteil" zurückführen.[1] Die Argumentationsfigur ist ähnlich: Es gibt zu viele Akademiker, so viele kann die Gesellschaft nicht integrieren, sie werden destabilisierend wirken und deshalb eine Gefahr sein. Dieses Argument wird durch das tatsächliche Wachstum glatt widerlegt: Innerhalb von 150 Jahren ist ihre Zahl zwar um das Zweihundertfache gestiegen, sie haben aber immer noch die besten Karriereaussichten und waren an radikalen politischen Veränderungen nicht überproportional beteiligt. Die politischen Steuerungsversuche wirkten denn auch eher gegenteilig, denn nach diesen Phasen der Einschränkung des Hochschulzugangs entwickelten sich besonders starke Wachstumsschübe, vor allem in den ersten Jahrzehnten des Deutschen Reichs nach 1870 und seit Mitte der 1950er Jahre in der Bundesrepublik.

Abbildung 4: Studierende - in Prozent ihrer AlterskohorteAbbildung 4: Studierende - in Prozent ihrer Alterskohorte Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Dass das Bevölkerungswachstum, speziell der Personen im Studentenalter, nur zum Teil (etwa die Hälfte) der Grund für das Wachstum ist, zeigen die Zahlen der Studierendenquote. Sie zeigen in etwa denselben Wachstumsverlauf wie die absoluten Zahlen. Diese Quote kann auch für die Studienanfänger berechnet werden und ergibt im Jahr 2003 die höchste Zahl: 37 Prozent der Personen der Altersjahrgänge 19 bis 23 Jahre sind Erstsemester.[2] Trotz dieser erheblichen langfristigen Steigerung der Studierendenzahlen sind jedoch die deutschen Erstsemesterquoten im Vergleich zu anderen europäischen Staaten eher gering.[3] (siehe Tab 4, Abb 4)

Das Wachstum wurde angetrieben durch die Öffnung des Studiums für Frauen, durch die Gründung weiterer Universitäten und Hochschulen anderen Typs und durch die Erweiterung der Möglichkeiten, die Hochschulberechtigung auf anderen Wegen zu erwerben als durch ein Abitur an einem Gymnasium. Frauen durften im größten deutschen Teilstaat Preußen erst 1908 studieren. Ihre Beteiligung blieb aber in der Weimarer Republik noch gering und wurde unter der NS-Herrschaft drastisch durch Quotierungen beschränkt. Erst in der Phase der Bildungsexpansion erlangten sie innerhalb weniger Jahre eine fast gleiche, also ihrem Bevölkerungsanteil entsprechende Beteiligung. (siehe Tab 4)

Tabelle 5: Studierende nach FachgruppenTabelle 5: Studierende nach Fachgruppen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Den Universitäten als Hochschultypen gleichgestellt wurden 1899 die Technischen Universitäten. Als weitere Hochschultypen wurden 1970 die Ingenieurakademien und höheren Fachschulen zu Fachhochschulen erhoben, Pädagogische Hochschulen eingeführt (1967), Gesamthochschulen (1971) als Mischform von Fachhochschulen und Universitäten gegründet und zudem eine Reihe weiterer auf bestimmte Fächer spezialisierter Typen wie Kunst- und Musikhochschulen den Universitäten gleichgestellt. Stellten die Studierenden an Universitäten 1864 noch 87,6 Prozent aller Studierenden, sind 2001 nur noch 51 Prozent an diesem traditionellen Typ eingeschrieben. (siehe Tab 3)

Die Studienberechtigung, auch Hochschulreife genannt, konnte lange Zeit nur über das Abitur an einem Gymnasium erworben werden. Eine erste Öffnung erfolgte im Kaiserreich, als das Abitur an den sogenannten Realgymnasien, in denen man es auch ohne Latein und Griechisch bestehen konnte, im Jahr 1900 als allgemeine Studienberechtigung anerkannt wurde. Heute erwerben immer noch knapp 80 Prozent der Abiturienten ihren Abschluss an einem Gymnasium, aber es gibt weitere Wege: Fachgymnasien, integrierte Gesamtschulen, viele Kollegschulen sowie weitere Möglichkeiten, ohne Abitur unter bestimmten Bedingungen mit einem beruflichen Abschluss wie etwa einer Meisterprüfung zu studieren. Vor allem die Fachhochschulreife wird zum weit überwiegenden Teil an Berufsfachschulen und Fachoberschulen erworben und nur zu 8,4 Prozent an Gymnasien.

Abbildung 5: Fächerprofil der StudierendenAbbildung 5: Fächerprofil der Studierenden Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Während der Phase der Bildungsexpansion wurde die Ungleichheit der sozialen Herkunft in der höheren Bildung abgemildert, seit den 1980er Jahren stagniert die Verteilung auf beruflichen Herkunftsgruppen jedoch wieder. Allerdings hat sich auch die soziale Schichtung insgesamt, unter anderem auch durch den ständig steigenden durchschnittlichen Bildungsstand, stark verändert: Waren im Kaiserreich noch ungefähr ein Drittel aller Berufstätigen einfache Arbeiter, so sind es heute nur noch etwa 13 Prozent. (siehe Tab 4)

Die Zahlen der ersten berufsbefähigenden Abschlüsse – meist Diplom, Magister, heute Bachelor – und der Promotionen spiegeln zum einen die Effizienz des Studiums wider, zum anderen auch Kriegs- oder Arbeitsmarkteinflüsse, wegen denen Abschlüsse aufgeschoben oder aufgegeben werden. Durch die Einführung des Bachelors, der die Studienzeit stark verkürzt, ist aktuell sogar eine Verdoppelung der gesamten Hochschulabschlüsse zwischen 2002 und 2012 eingetreten. Dadurch wird die Akademikerquote stark erhöht, ohne dass dahinter eine gestiegene Bildungsbeteiligung steht. Die Zahl der Promotionen zeigt im Vergleich zu den Studierenden insgesamt den Anteil, der zur wissenschaftlichen Forschung beiträgt. Dieser Anteil hat sich vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute halbiert, das Studium dient heute fast nur der Berufsvorbereitung. (siehe Tab 3)

Tabelle 6: Personal an HochschulenTabelle 6: Personal an Hochschulen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die prozentuale Verteilung der Studierenden auf die großen Fächergruppen zeigt den gesellschaftlichen Wandel von einer agrarisch geprägten über die Industrie- zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft. Der Anteil der klassischen Fakultäten Theologie, Jura, Medizin und Lehramt an den Universitäten ging von 80,3 Prozent 1900 auf 45,5 Prozent 2000 zurück, demgegenüber wuchs der Anteil der Wirtschaftsberufe auf 32,4 Prozent. Neben dem verschieden großen Wachstum in den Fächergruppen gibt es jedoch in jedem Fach zyklisch wiederkehrende Überfüllungs- und Mangelphasen, die sogenannten Akademikerzyklen, deren Länge je nach akademischem Beruf unterschiedlich ist.[4] Im Lehramt beispielsweise ist die Länge mehr von den Altersstrukturwellen dominiert, die mehr als 35 Jahre dauern, in den Wirtschaftsberufen, wie dem des Ingenieurs, eher von der Ausbildungslänge, die zu etwa 12 bis 16 Jahre langen Zyklen führt.[5] (siehe Tab 5, Abb 5)

Die stark gestiegene Anzahl an Studierenden hat nicht in allen Bereichen zu einer entsprechenden Steigerung der Zahl der Professorinnen und Professoren geführt. Die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter und die der nebenberuflich, zum Beispiel über Lehraufträge, als Dozentin oder Dozent tätigen Mitarbeiter ist seit den 1980er Jahren stärker gestiegen als die der hauptamtlichen Professoren. Das zeigt, dass die Ausbildungsfunktion bei allen Hochschulen zusammen stärker geworden ist im Vergleich zur Forschungsfunktion. Frauen haben dabei zunächst vor allem im Bereich der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen ihren Anteil steigern können, erst weniger bei den Habilitationen; dazu wird aber auch längere Zeit benötigt, da ja erst in jüngster Zeit annähernd so viele Frauen studieren wie Männer. (siehe Tab 6)

Abbildung 6: Personal an HochschulenAbbildung 6: Personal an Hochschulen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Trotz des Wachstums der Studentenzahlen ist die Betreuungsrelation nicht in allen Fächergruppen schlechter geworden, in der Medizin etwa hat sie sich kontinuierlich verbessert. Die wichtigste Zäsur beim Personal der Hochschulen stellt die Reform von 1976 dar, in der die alte "Ordinarienuniversität", in der nur die "ordentlichen Professoren" den Ton angaben, zur "Gruppenuniversität" umgestaltet wurde, in der die Professoren nur mehr eine, wenn auch privilegierte, von vier Gruppen (neben wissenschaftlichem Mittelbau, Studierenden und technischem und Verwaltungspersonal) bilden. Mit der Reform von 2002 wurden endlich auch den Promovierten, die eine professorale Dauerstelle anstreben, auf den Stellen von "Juniorprofessoren" vergleichbare Forschungsrechte eingeräumt wie den habilitierten Professoren. (siehe Abb 6)

Die vergangenen 150 Jahre der Entwicklung von Bildung und Wissenschaft, und im Besonderen die letzten 60 Jahre, lassen sich insgesamt unter zwei Gesichtspunkten zusammenfassen. Sie stellen eine Erfolgsgeschichte dar, weil das allgemeine Bildungsniveau sehr stark gestiegen ist, mit den positiven Folgen, die Bildung für die Individuen und die Gesellschaft hat: mehr Selbstverantwortung, mehr Wohlstand, mehr Toleranz, mehr Friedfertigkeit. Sie zeigen aber auch, dass trotzdem die soziale Schichtung in Bezug auf die Bildungsabschlüsse hartnäckig stabil geblieben ist, das Wachstum also nicht in gleichem Ausmaß zu besseren Chancen für Bildungsaufstiege geführt hat.

Fußnoten

1.
Hartmut Titze: Der Akademikerzyklus, Göttingen 1990, S. 284.
2.
Kai Maaz: Soziale Herkunft und Hochschulzugang. Effekte institutioneller Öffnung im Bildungssystem, Wiesbaden 2006, S. 35.
3.
OECD – Organisation for Economic Cooperation and Development (Hrsg.): Bildung auf einen Blick, Paris 2003.
4.
Vgl. Titze (Anm. 6).
5.
Vgl. Volker Müller-Benedict: Akademikerprognosen und die Dynamik des Hochschulsystems. Eine statistisch-historische Untersuchung, Frankfurt a. M. 1991.
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