Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Dietrich Oberwittler

Das System der deutschen Kriminalstatistik

Vollständige Kriminalstatistiken sind nahezu unmöglich zu erstellen, da viele Delikte erst gar nicht zur Anzeige kommen. Bevölkerungsbefragungen sollen helfen dieses "Dunkelfeld" zu begrenzen.

Das System der staatlichen Sozialkontrolle besteht aus mehreren Stufen, auf denen die zuständigen Organe Statistiken über ihre Tätigkeit produzieren. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bildete die justizielle Statistik über von Strafgerichten verurteilte Personen das alleinige Rückgrat der Kriminalstatistik in Deutschland. Dass die Verurteilung beinahe am Ende der Strafverfolgung steht und auf den vorherigen Stufen bereits sehr viele Fälle und Tatverdächtige ausgefiltert werden, wurde von den zeitgenössischen Experten in Kauf genommen, da man die richterliche Entscheidung als verlässlichste Grundlage eines "objektiven Tatbestandes" schätzte.[1]

Im 20. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Auffassung durch, dass die polizeiliche Kriminalstatistik, die in Deutschland seit 1953 veröffentlicht wird, die beste Annäherung an das Kriminalitätsgeschehen darstellt, weil sie am Beginn des Ausfilterungsprozesses steht. Aber auch die Polizei registriert nur die Straftaten, die von den Opfern angezeigt oder durch eigene Kontrolltätigkeiten entdeckt werden. Heute gelten daher Bevölkerungsbefragungen zum "Dunkelfeld" der Kriminalität als sinnvollste Methode, die jedoch in Deutschland erst seit den 1980er Jahren und seitdem nur unregelmäßig angewendet wird.

Schließlich geben Strafvollzugsstatistiken Auskunft über die Anwendung der verhängten Freiheitsstrafen. Obwohl die Gefängnisstrafe die maßgebliche Sanktionsform des 19. Jahrhunderts war, verhinderten föderale Zuständigkeiten bis in die Nachkriegszeit eine einheitliche Statistik. Ebenso stellt die staatsanwaltschaftliche Stufe, die im Laufe des 20. Jahrhunderts durch die Ausweitung informeller Sanktionen eine starke Bedeutungszunahme erfahren hat, einen "missing link" der Kriminalstatistik dar.

Fußnoten

1.
Heinz (Anm. 1), S. 13.
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