Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Jörg Baten
Herman J. de Jong

Exporte pro Kopf

Exporte pro Kopf dienen als guter Indikator, um die Offenheit einer Volkswirtschaft zu messen bzw. die Geschwindigkeit, mit der sich ein Land internationalisiert.

Die in Tabelle 3 und Abbildung 3 aufgezeigten Exportdaten sind relativ zu interpretieren. Sie sind in Mengenangaben pro Kopf gemessen, um sie an die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums anzupassen. Der Indikator zeigt die Geschwindigkeit, mit der sich eine Volkswirtschaft internationalisiert, und ist somit ein Indikator für die Offenheit einer Volkswirtschaft. Eine Einteilung in drei Epochen erscheint hier sinnvoll: die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Tabelle 3: Exporte pro KopfTabelle 3: Exporte pro Kopf Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Deutschlands späte Industrialisierung im 19. Jahrhundert war eng verknüpft mit der Expansion der industriellen Exporte, für die offene Grenzen und freier Handel notwendig waren. Abkommen zwischen dem Zollverein und anderen Regionen und Ländern in Europa waren ein wichtiger Schritt in Richtung freier Handel. Am Ende des 19. Jahrhunderts war der Protektionismus in Europa wieder populär, auch in Deutschland. Im Jahre 1879 wurden die bereits existierenden moderaten Zollprotektionen im Bereich der Landwirtschaft und Produktion ausgebaut und für Endprodukte dieser Sektoren sogar verstärkt. Andere Länder folgten diesem Beispiel.[1] Dies hatte Einfluss auf die Strukturen der deutschen Wirtschaft. Die durch Zölle geschützten Produzenten in Deutschland konnten inländischen Wettbewerb eliminieren und so Marktmonopole und Kartelle bilden. Insgesamt erreichte die Internationalisierung bis 1913 einen hohen Stand.

Dieser Zustand fand während des Ersten Weltkriegs sein Ende, als der Goldstandard außer Kraft gesetzt wurde, was Währungsschwankungen und Inflation hervorbrachte, und als der wirtschaftliche Nationalismus freien Handel behinderte. Zudem kam es ebenfalls aufgrund des Entstehens neuer Länder und somit neuer Grenzen zu einer Intensivierung des Protektionismus. Diese sogenannte Periode der "De-Globalisierung" war ungünstig für den internationalen Handel und das wirtschaftliche Wachstum.

Die Weltwirtschaftskrise verschlechterte diesen Zustand weiter. Während Deutschland 1913 einen Anteil von 27,5 Prozent am weltweiten Industriegüterhandel innehatte, waren es 1929 nur noch 21,9 Prozent. Bis 1937 konnte Deutschland immerhin wieder auf 23,5 Prozent aufholen.[2] Das Niveau der Exporte (pro Kopf) von 1913 wurde erst 1957 wieder erreicht.

Abbildung 3: Exporte pro KopfAbbildung 3: Exporte pro Kopf Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es extrem starkes Exportwachstum, weil der internationale Handel liberalisiert wurde.[3] Deutschland wurde der Hauptexporteur der Industrieländer mit einem Anteil von mehr als 20 Prozent des gesamten Handels der wichtigsten Industrieländer, was ein größerer Anteil als der der USA und Japans während der 1980 Jahre war.[4] Deutschlands Hauptexportgüter waren Maschinenbauprodukte, Kraftfahrzeuge, elektrotechnische Erzeugnisse, chemische Erzeugnisse und Eisen und Stahl.[5]

Weniger ersichtlich aus den Zahlen ist, dass Deutschland und Japan nach 1970 die relativ beste Leistung in Exporten (pro Kopf) aufwiesen. In beiden Ländern verachtfachten sich die Quoten mit einer bemerkenswerten Beschleunigung im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, was ein Zeichen der relativen Stärke des Industriesektors ist, der von den neuen asiatischen Märkten profitiert. (siehe Tab 3, Abb 3)

Fußnoten

1.
Michael Graff/George Kenwood/Alan Lougheed: Growth of the International Economy. 1820–2015, London/New York 2014, S. 75.
2.
Graff u.a. (Anm. 3), S. 204.
3.
Angus Maddison: Dynamic Forces in Capitalist Development. A Long-run Comparative View, Oxford 1991, S. 75.
4.
Graff u.a. (Anm. 3), S. 278.
5.
Mark Spoerer/Jochen Streb: Neue deutsche Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 2013, S. 250.
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