Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Dietrich Oberwittler

Datengrundlage

Bei Kriminalstatistiken gilt zu beachten, dass diese von häufigen Änderungen der Rechtsnormen und Verwaltungsregeln betroffen sind. Zeitreihen sind dementsprechend mit Vorsicht zu genießen.

Den besten Überblick über Geschichte und Gegenwart der deutschen Kriminalstatistik bietet Wolfgang Heinz [1], der auch das Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung (KIK) und Sanktionsforschung (KIS) aufgebaut hat.[2] Grundsätzlich muss beachtet werden, dass alle Kriminalstatistiken von häufigen Änderungen der Rechtsnormen und Verwaltungsregeln betroffen sind, die sich unterschiedlich stark auf die Entwicklung der Zeitreihen auswirken können.

Die gerichtliche Verurteiltenstatistik bietet die längste historische Zeitreihe der Kriminalstatistik. Ab 1882 und letztmalig 1942 erschien die sogenannte Reichskriminalstatistik als Reihe in der Statistik des Deutschen Reiches. Im Jahresband 1927 wurden lange Zeitreihen ab 1882 veröffentlicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Reihe in der Bundesrepublik als Strafverfolgungsstatistik vom Statistischen Bundesamt weitergeführt, erst ab 2007 sind darin die neuen Bundesländer vollständig erfasst. Vor der Reichsgründung hatten bereits einzelne Länder Verurteiltenstatistiken geführt; hier wird die preußische verwendet, deren Zeitreihen für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts von Dirk Blasius [3] und für die zweite Hälfte von Wilhelm Starke [4] veröffentlicht wurden.

Die polizeiliche Kriminalstatistik der registrierten Straftaten und Tatverdächtigen wird seit 1953 vom Bundeskriminalamt für die Bundesrepublik und seit 1993 für das wiedervereinigte Deutschland herausgegeben, nachdem es den Jahren 1936 bis 1938 bereits erste Versuche gegeben hatte. Im Internet bietet das Bundeskriminalamt Zeitreihen ab 1987 an, der Zeitraum 1953 bis 2003 wird von Uwe Dörmann [5] zusammengefasst. Ab 1963 wurden aus der polizeilichen Kriminalstatistik Straftaten im Straßenverkehr ausgeschlossen, ab 1984 wurden Tatverdächtige nur noch einmal innerhalb eines Jahres gezählt; beide Änderungen führten zu deutlichen Einschnitten in den Zeitreihen.

Eine umfassende Strafvollzugsstatistik der Gefängnisse gibt es in Deutschland erst ab 1960 (ab 1992 für Gesamtdeutschland), da der Strafvollzug im Deutschen Reich in der Verantwortung der Länder blieb und selbst dort teils, wie zum Beispiel in Preußen, auf mehrere Ministerien aufgeteilt war. Von besonderem Interesse ist die Anwendung der Todesstrafe. Da sich die amtliche Statistik im Nationalsozialismus und danach über die Zahl der Hinrichtungen ausschwieg, ist man hier besonders auf historische Rekonstruktionen wie auf die gründliche Arbeit von Bernhard Duesing [6] angewiesen.

Studien zur historischen Entwicklung der Gewaltkriminalität verwenden außerdem die Todesursachenstatistik, da sie unabhängig von der Strafverfolgung die Zahl der Opfer von absichtlicher tödlicher Gewalt zählt und nach Opfermerkmalen differenziert. Ein Teil der hier verwendeten Daten wurde aus der von Manuel Eisner [7] aufgebauten Historical Homicide Database übernommen, ein anderer Teil aus der preußischen Todesursachenstatistik und ab 1960 aus der entsprechenden Reihe des Statistischen Bundesamtes entnommen, die schon ab 1980 gesamtdeutsche Zahlen enthält.

Für die DDR existieren keine ernstzunehmenden Kriminalstatistiken, da die Regierung aus ideologischen Gründen nicht an einer wahrheitsgetreuen Berichterstattung interessiert war. Die Anzahl der Todesurteile und Hinrichtungen in der DDR wurden von Falco Werkentin [8] und dem Bürgerkomitee Leipzig e.V. [9] rekonstruiert.

Angesichts niedriger Fallzahlen ist es in der Kriminalstatistik generell üblich, bevölkerungsbezogene Raten pro 100 000 Personen strafmündiger Bevölkerung (bei Tatverdächtigen, Verurteilten und Inhaftierten) bzw. der Wohnbevölkerung (bei den Häufigkeitsziffern der polizeilich registrierten Straftaten) zu berechnen. Das Strafmündigkeitsalter wurde 1923 von 12 auf 14 Jahre angehoben. Seit den 1980er Jahren werden in der polizeilichen Kriminalstatistik und der Strafverfolgungsstatistik täterbezogene Raten nur noch für deutsche Staatsangehörige anhand der deutschen Wohnbevölkerung berechnet, weil eine Rate für Nicht-Deutsche durch Touristen, Durchreisende und Illegale, die nicht zur Wohnbevölkerung gehören, verzerrt würde. Im Interesse der historischen Kontinuität werden hier jedoch ausschließlich einheitliche Raten aller Tatverdächtigen bzw. aller Verurteilten bezogen auf die gesamte Wohnbevölkerung in Deutschland berechnet.

Die Bevölkerungszahlen werden aus den Kriminalstatistiken und aus demografischen Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes und des Deutschen Reiches bzw. Preußens entnommen. Daher weichen einige der hier dargestellten Raten für die letzten Jahrzehnte von der veröffentlichten Kriminalstatistik ab.

Zum Weiterlesen empfohlen

Dirk Blasius: Kriminalität und Alltag. Zur Konfliktgeschichte des Alltagslebens im 19. Jahrhundert, Göttingen 1978.

Richard J. Evans: Rituale der Vergeltung. Die Todesstrafe in der deutschen Geschichte, Berlin 2001.

Rebekka Habermas / Gerd Schwerhoff (Hrsg.): Verbrechen im Blick.

Perspektiven der neuzeitlichen Kriminalgeschichte, Frankfurt a. M. 2009.

Wolfgang Heinz: Das strafrechtliche Sanktionensystem und die Sanktionierungspraxis in Deutschland 1882 – 2012, Konstanz 2014, www.uni-konstanz.de/rtf/kis/Sanktionierungspraxis-in-Deutschland-Stand-2012.pdf.

Dietrich Oberwittler: Kriminalität, in: Stefan Mau / Nadine Schöneck (Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, 3. Aufl., Wiesbaden 2013.

Gerd Schwerhoff: Historische Kriminalitätsforschung, Frankfurt a. M. 2011.

Statistisches Bundesamt: Justiz auf einen Blick, Wiesbaden 2011.

Helmut Thome / Christoph Birkel: Sozialer Wandel und die Entwicklung der Gewaltkriminalität. Deutschland, England und Schweden im Vergleich, 1950 bis 2000, Wiesbaden 2007.

Fußnoten

1.
Heinz (Anm. 1).
2.
www.ki.uni-konstanz.de
3.
Dirk Blasius: Kriminalität und Alltag. Zur Konfliktgeschichte des Alltagslebens im 19. Jahrhundert, Göttingen 1978.
4.
Starke (Anm. 2)
5.
Uwe Dörmann: Zahlen sprechen nicht für sich. Aufsätze zu Kriminalstatistik, Dunkelfeld und Sicherheitsgefühl aus drei Jahrzehnten (Polizei + Forschung, Band 28), München 2004.
6.
Bernhard Duesing: Die Geschichte der Abschaffung der Todesstrafe in der Bundesrepublik Deutschland unter der Berücksichtigung ihres parlamentarischen Zustandekommens, Schwenningen 1952.
7.
Manuel Eisner: Langfristige Gewaltentwicklung: Empirische Befunde und theoretische Erklärungsansätze, in: Wilhelm Heitmeyer/John Hagan (Hrsg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung, Opladen 2002.
8.
Falco Werkentin: Die politische Instrumentalisierung der Todesstrafe in der SBZ/DDR – Darstellung der justitiellen Praxis in der SBZ/DDR und Bilanz der Rehabilitierung von Verurteilten und deren Angehörigen in der Zeit nach 1990, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Materialien der Enquete-Kommission Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit (13. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), Bd. II/1, Baden-Baden 1999.
9.
Bürgerkomitee Leipzig e.V.: Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" mit dem Museum im Stasi-Bunker, persönliche Mitteilung am 19.9.2013.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit sei wahrscheinlich ein Ewigkeitsthema, so Christoph Gusy in seinem Essay. Die Gewährung von Sicherheit gilt als eine Kernaufgabe des Staates. Wie dies umgesetzt wird, ist ein wichtiges und zugleich umstrittenes Politikfeld.

Mehr lesen

Wie sind die sozialen Aufgaben in Deutschland verteilt? Und für welche Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft müssen Lösungen gefunden werden? Das Online-Angebot hilft dabei, die soziale Situation in Deutschland besser einschätzen und beurteilen zu können.

Mehr lesen