Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Richard Tilly

Banken

Die Entwicklung des deutschen Bankenwesens zeigt ein für Marktwirtschaften typisches Muster: Der Bankensektor wuchs schneller als die deutsche Gesamtwirtschaft. Einzig in den beiden Weltkriegszeiten brach das Wachstum ein.

Abbildung 4: Aktiva der Banken - in Prozent des BIPAbbildung 4: Aktiva der Banken - in Prozent des BIP Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es ganz wenige Banken im heutigen Sinne; bis 1913 stieg die Zahl der Banken und bankähnlichen Institute nach Schätzungen auf über 5 000 (eine genaue Dokumentation ist nicht möglich).[1] In der Bundesrepublik stagnierte die Zahl der selbstständigen Institute, aber mit ca. 40 000 Zweigstellen war das deutsche Bankensystem flächendeckend geworden und die überwiegende Mehrzahl der privaten Haushalte und Firmen in das System eingebunden. Ein gutes Maß des ökonomischen Gewichts der Banken ist der Wert ihres Geldvermögens, dargestellt an der Entwicklung ihrer Aktiva im Verhältnis zum BIP in Abbildung 4. (siehe Abb. 4)

Hier sieht man das bei allen Marktwirtschaften typische Wachstumsmuster: Langfristig wächst der Bankensektor – bis auf die zwei kriegsbedingten Einbrüche – schneller als die Gesamtwirtschaft. Die Relation ist keineswegs belanglos und kann zum internationalen Vergleich sowie zur Beurteilung der potenziellen Fragilität von Bankensystemen dienen.[2]

Abbildung 5: Bankenkredite an Nichtbanken - in Prozent des BIPAbbildung 5: Bankenkredite an Nichtbanken - in Prozent des BIP Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Bereits oben wurde auf die Bedeutung der Banken als Verwalter des Zahlungsverkehrs der Wirtschaft hingewiesen. Mit den mobilisierten Ersparnissen der Wirtschaftssubjekte – ihre (zum Teil durch Kreditschöpfung geschaffenen) Einlagen – haben sie einen Großteil der Kreditbedürfnisse der Wirtschaft befriedigt. In Abbildung 5 wird das Gewicht dieser Kreditgabe deutlich. (siehe Abb 5)


Tabelle 2: BankenTabelle 2: Banken Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Man sieht hier nicht nur das bedeutende Gewicht des Volumens der Bankenkredite, sondern auch die für Friedenszeiten typische überproportionale Steigerung derselben Größe, schließlich auch noch die Auswirkung der großen Einbrüche durch die Weltkriege und die Schrumpfung des BIP in der Weltwirtschaftskrise. (siehe Tab 2)

Die deutschen Banken haben sich im Laufe der Zeit zu sogenannten "Universalbanken" entwickelt, die eine aktive Rolle im Kapitalmarkt spielten: die Kreditbanken (und Privatbankiers) vor allem an der Börse und die Sparkassen am Markt für Grundkredite.[3] Dass die Banken ihren Kunden Zugang zur Börse vermitteln und sie sich auch an der Börse refinanzieren konnten, stützte ihre Bedeutung als Kreditgeber in der Wirtschaft. Die Bedeutung der Kapitalmarktentwicklung beschränkte sich jedoch keineswegs allein auf die Banken. Langfristige Industrieinvestitionen, Städtewachstum sowie die öffentlichen Investitionen des Staates in der Infrastruktur setzten einen gut funktionierenden Kapitalmarkt voraus. Dass dieser Markt auch zeitweise Schwierigkeiten durchmachte und Probleme bereitete, ist bekannt, aber in den langen Friedenszeiten vor 1913 und nach 1945 nahmen seine Bedeutung und sein Gewicht in der deutschen Finanzwirtschaft tendenziell zu.

Abbildung 6: Umlauf inländischer Schuldverschreibungen und Aktien - in Prozent des BIPAbbildung 6: Umlauf inländischer Schuldverschreibungen und Aktien - in Prozent des BIP Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In den beiden längeren Friedenszeiten stieg, wie zu erwarten, die Bedeutung der verbrieften, also der durch Wertpapiere dokumentierten Verschuldung. Die großen Einbrüche nach den zwei Kriegen sind auch plausibel, da in beiden Fällen Währungsreformen das deutsche Geldvermögen im großen Stil vernichteten. Allerdings könnten auch fragliche Bewertungsarbeiten der Grund für den extrem niedrigen Wert für 1950 sein. Bei der Währungsreform von 1948 gab es Spielraum bei der Umstellung der Reichsmark-Schulden auf die D-Mark, der zu einer möglicherweise zu geringen Bewertung führte. Dennoch lässt sich beim Vergleich zu Krediten und Einlagen der Banken feststellen, dass im deutschen Geld- und Kreditsystem im Betrachtungszeitraum der Kapitalmarkt als Finanzierungsquelle anscheinend ein geringeres Gewicht besaß als in vergleichbaren anderen Ländern (wie in den USA oder Großbritannien). Das gilt vor allem für den Aktienmarkt.[4](Siehe Abb 6)

Fußnoten

1.
Um 1835 gab es vielleicht ca. 400 "Geldhandlungen" (von denen wenige Dutzende "Banken" waren) und dazu noch mehrere Hundert Sparkassen in Deutschland. Um 1913 wurde die Zahl der Banken und bankähnlichen Institute auf über 5 000 (mit den kleinen ländlichen Kreditgenossenschaften jedoch über 20 000) geschätzt. Dazu Deutsche Bundesbank: Deutsches Geld- und Bankwesen in Zahlen 1876 –1975, Frankfurt a. M., 1976, S. 67.
2.
Allerdings würde eine gründliche Fragilitätsanalyse Daten über die Eigenkapitalquote und die Verteilung unter den einzelnen Banken voraussetzen.
3.
Spezielle "Bodenkreditinstitute", öffentliche und private Unternehmen, spielten im 19. Jahrhundert eine dominierende Rolle im Markt für Grundkredite. Siehe die Reihe "Schuldverschreibungen der Kreditinstitute" in Tabelle 4.
4.
Hierzu Raymond W. Goldsmith: Comparative National Balance Sheets, A Study of Twenty Countries, Chicago 1985 und auch Tilly (Anm. 1), S. 210.
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