Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.
28.1.2016 | Von:
Rainer Metz

BIP: Wirtschaftswachstum, Konjunktur, Krise

In modernen Gesellschaften ist ein mehr oder weniger konstantes Wirtschaftswachstum essentiell. Gemessen wird dieses über die Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Wirtschaftswachstum, also die langfristige Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion, sowohl absolut als auch pro Kopf der Bevölkerung, ist ein Schlüsselphänomen moderner Gesellschaften, die ohne ein solches Wirtschaftswachstum nicht denkbar sind. Der zentrale Indikator für dieses Wachstum ist heute das um Preisveränderungen bereinigte (reale) BIP [1], das in seinem Niveau die Höhe des Bruttoinlandsprodukts und in seinen Wachstumsraten das Ausmaß der relativen Veränderung dieses Produkts von einer Periode zur nächsten zeigt. Dividiert man den BIP-Wert durch die Bevölkerungszahl, erhält man das BIP pro Einwohner, das man sowohl als Produktivitäts- wie auch als Wohlstandsmaß verwenden kann. Als Produktivitätsmaß gibt es an, wie viel jeder Einwohner in Deutschland durchschnittlich produziert. Verwendet man das BIP pro Einwohner als Wohlstandsmaß, dann geht man davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion (zumindest der größte Teil davon) den Einwohnern als Einkommen zufließt.

Die langfristige Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion vollzieht sich allerdings nicht stetig und gleichmäßig (was eine konstante Wachstumsrate des BIP bedeuten würde), sie ist vielmehr in einen mehr oder weniger stark ausgeprägten rhythmischen Wechsel von Aufschwung und Abschwung, von Prosperität und Depression eingebettet, den man auch als Konjunktur bezeichnet. Eng verbunden mit dem Begriff Konjunktur ist die Vorstellung der Regelmäßigkeit. Die sich nach einem bestimmten Muster wiederholenden Veränderungen der Gesamtlagen der Volkswirtschaft bezeichnet man deshalb auch als Konjunkturzyklen. Die Forschung hat im Laufe der Zeit Zyklen unterschiedlicher Länge ausgemacht und dafür auch unterschiedliche Erklärungen gegeben.[2] Lange Zeit galten Wachstum und Konjunktur neben dem Strukturwandel als die vorherrschenden Entwicklungsmuster moderner Volkswirtschaften. Krisen und Depressionen wurden als Teil des Konjunkturzyklus und damit als normaler Bestandteil des Wachstumsprozesses aufgefasst. Die Finanz- und Weltwirtschaftskrise von 2007 / 2008 hat hier ein radikales Umdenken ausgelöst. Bei vielen gilt der moderne globale Kapitalismus seither (wieder) als extrem labil und krisengefährdet. Danach stellt die Wirtschaftskrise eine eigenständige Entwicklungsform moderner Volkswirtschaften neben der Konjunktur dar und bedarf deshalb einer eigenen historischen und theoretischen Analyse. Wirtschaftswachstum, Konjunktur und Krise stehen daher im Mittelpunkt der Beschreibung der hier rekonstruierten und in Tabelle 1 dargestellten langen Reihen des BIP.[3] Die Tabelle zeigt das BIP in jeweiligen und konstanten Preisen sowohl absolut als auch pro Kopf der Bevölkerung (alle Angaben in Euro), die Indexwerte der BIP-Reihen sowie die jährlichen Wachstumsraten des BIP in konstanten Preisen von 1850 bis 2012. (siehe Tab 1)

Tabelle 1: BruttoinlandsproduktTabelle 1: Bruttoinlandsprodukt Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Bei der Betrachtung der BIP-Reihen in jeweiligen (laufenden) Preisen lässt sich Folgendes feststellen: Im Jahr 2012 beträgt der Wert des BIP 2 643,9 Milliarden Euro, im Jahr 1950 sind es für das Gebiet der früheren Bundesrepublik 49,69 Milliarden Euro, im Jahr 1913 (für das Gebiet des Deutschen Reiches) 28,95 und schließlich im Jahr 1850 3,64 Milliarden Euro für das Gebiet des späteren Deutschen Reiches ohne Elsass-Lothringen. Setzt man 1913 = 100, dann steigt der Index von 12,6 im Jahr 1850 auf 9 133 im Jahr 2012. Einen ähnlich dramatischen Anstieg verzeichnet das BIP je Einwohner in jeweiligen Preisen. Es beträgt im Jahr 2012 32 276 Euro, 1950 waren es 1 059 Euro, 1913 432 Euro und 1850 103 Euro (wieder für die bereits genannten Gebietsgrenzen). Setzt man auch hier wieder 1913 = 100, ergibt sich ein Zuwachs des Index von 24 im Jahr 1850 auf 7 478 im Jahr 2012. Die Unterschiede zwischen dem BIP insgesamt und dem BIP pro Einwohner ergeben sich durch die Bevölkerungsentwicklung.

Abbildung 1: Bruttoinlandsprodukt in konstanten Preisen von 2005 mit TrendAbbildung 1: Bruttoinlandsprodukt in konstanten Preisen von 2005 mit Trend Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Angaben in jeweiligen Preisen vermitteln zwar ein Bild der zeitgenössischen Werte, über die reale Entwicklung sagen sie aber nichts aus. Diese zeigt sich in den preisbereinigten BIP-Reihen. Nach ihnen ist das reale BIP von 61 Milliarden Euro im Jahr 1850 auf 2 469 Milliarden Euro im Jahr 2012 angestiegen. In Deutschland beträgt der Realwert des BIP pro Einwohner im Jahr 2012 24 679 Euro, 1950 sind es in der Bundesrepublik 4 777 Euro, im Jahr 1913 im Deutschen Reich 4 720 Euro und schließlich im Jahr 1850 für das spätere Deutsche Reich ohne Elsass-Lothringen 1 775 Euro. Setzt man auch hier 1913 wieder 100, dann steigt der Index des realen BIP von 20 im Jahr 1850 auf 800 im Jahr 2012 und der Index des realen BIP pro Einwohner im selben Zeitraum von 38 auf 523. Gegenüber 1913 hat sich damit das reale BIP verachtfacht und das reale BIP pro Einwohner mehr als verfünffacht. Die reale gesamtwirtschaftliche Produktion Deutschlands hat langfristig enorm zugenommen – trotz steigender Bevölkerungszahlen, trotz zweier Weltkriege, trotz der politischen Teilung und anschließender Wiedervereinigung. Die Dynamik dieses Expansionsprozesses erschließt sich dem Betrachter aber erst bei der grafischen Darstellung der Reihen. (siehe Abb 1)

In Abbildung 1 sind die Werte für das reale BIP (obere Grafik) und die Werte für das reale BIP pro Einwohner (untere Grafik) in halblogarithmischem Maßstab[4] zusammen mit einer Trendlinie eingezeichnet, die ein Wachstum mit konstanter Wachstumsrate repräsentiert. Betrachtet man Reihen- und Trendentwicklung, dann zeigen sich sehr deutlich die bekannten Epochen deutscher Wirtschaftsgeschichte. Die Entwicklung beginnt mit der Wachstumsphase des langen 19. Jahrhunderts, die mit dem Ersten Weltkrieg abbricht. Dabei wächst das BIP pro Einwohner jedoch langsamer als das BIP insgesamt, da auch die Bevölkerung Deutschlands stark zunimmt. Dies erkennt man beispielsweise daran, dass das BIP ab etwa 1890 die Trendlinie übersteigt, das BIP pro Einwohner dagegen nicht. In der Kriegs- und Zwischenkriegszeit mit ihrer extremen wirtschaftlichen und politischen Instabilität liegen die BIP-Werte meist weit unterhalb des langfristigen Trends. In der NS-Zeit findet jedoch ein starkes Wachstum statt, in dessen Folge das BIP pro Einwohner die Trendlinie im Jahr 1943 erreicht und das gesamte BIP diese ab dem Jahr 1940 sogar übersteigt. In der unmittelbaren Nachkriegszeit mit dem "Wirtschaftswunder" und dem damit verbundenen Durchbruch zur Konsumgesellschaft nähert sich das BIP dem Trend von "unten" und schwenkt, wenn man es so ausdrücken will, wieder auf den historischen Wachstumspfad ein. Dies kann als Rückkehr zur "Normalität" interpretiert werden, wobei sich auch hier Unterschiede zwischen dem Gesamt-BIP und dem BIP pro Einwohner zeigen. Während das Gesamt-BIP den langfristigen Wachstumspfad etwa 1970 wieder erreicht und diesem bis etwa 2001 folgt, geht das BIP pro Einwohner sogar über den Trend hinaus. Spätestens seit der Wiedervereinigung scheint es jedoch zu diesem zurückzukehren.

In dieses langfristige Wachstum sind kurzfristige Veränderungen des BIP eingebettet, die man, in Abhängigkeit von ihrer Intensität und Dauer, als Rezession, Krise oder auch als Konjunkturschwankungen bezeichnet. Diese kurzfristigen Veränderungen lassen sich mit Hilfe der Wachstumsraten, also den prozentualen Veränderungen der Werte aufeinanderfolgender Jahre, darstellen. (siehe Abb 2)

Abbildung 2: Jährliche Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts in konstanten Preisen von 2005Abbildung 2: Jährliche Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts in konstanten Preisen von 2005 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Wachstumsraten für das reale BIP sind in Abbildung 2 eingezeichnet. Zwischen 1850 bis 1913 gibt es 12 Jahre mit negativem Wachstum, 10 davon fallen in die Zeit bis 1880. Von 1914 bis 1944, also in nur 31 Jahren, gibt es 11 Jahre mit negativen Wachstumsraten. Allein von 1914 bis 1919 geht das BIP in sechs aufeinanderfolgenden Jahren zurück. Es ist in seinem Gesamtausmaß der schwerste Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion in Deutschland überhaupt. 1923 führt die Hyperinflation zu einem Minus von 13 Prozent des BIP. In Folge der Weltwirtschaftskrise geht das BIP von 1929 bis 1932 dann noch einmal in vier aufeinanderfolgenden Jahren zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es zwischen 1946 und 2012, also in 67 Jahren, nur 6 Jahre mit negativen Wachstumsraten, das erste 1967, das letzte 2009. In diesem Jahr war das reale BIP infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007 / 08 um 5,2 Prozent niedriger als im Jahr 2008, was einem "realen" Einbruch des BIP um 125 Milliarden Euro entspricht. Rein rechnerisch ist das die reale Produktion des Deutschen Reiches im Jahr 1883.

Fußnoten

1.
Bei Werten, die in laufenden Preisen angegeben sind, können Veränderungen sowohl auf Preis- wie auch auf Mengenänderungen zurückgehen. Will man die Preisveränderungen ausschalten, muss man die Preise der erfassten Güter und Dienstleistungen konstant halten. Da sich die Preise der Güter und Dienstleistungen aber nicht nur aufgrund des Geldwerts ändern, sondern auch deshalb, weil bestehende Güter in anderer Qualität angeboten werden und auch deshalb, weil Güter aus dem Angebot verschwinden und neue hinzukommen, ist die Preisbereinigung der Zahlenwerte ein schwieriges statistisches Problem. Bei den in konstanten Preisen angegebenen Größen der VGR geht man davon aus, dass sie die realen Werte bzw. Wertveränderungen unter Ausschaltung von Geldwertschwankungen messen. Das resultierende BIP in konstanten Preisen zum Beispiel wird als Maß für die reale gesamtwirtschaftliche Produktion, das heißt bei gleichbleibendem Geldwert bzw. einer konstanten Kaufkraft des Geldes, interpretiert.
2.
Ausführlich dazu Rainer Metz: Konjunkturen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Günther Schulz u.a. (Hrsg.): Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgebiete – Probleme – Perspektiven. 100 Jahre Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 169), Stuttgart 2004, S. 217-248.
3.
Grundlage der Rekonstruktion sind ab 1950 die amtliche Statistik (Statistisches Bundesamt und Deutsche Bundesbank), von 1901 bis 1949 die Daten von Albrecht Ritschl/Mark Spoerer: Das Bruttosozialprodukt in Deutschland nach den amtlichen Volkseinkommens und Sozialproduktsstatistiken 1901–1995, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1997/2, S. 27– 54, von 1850 bis 1900 Walther G. Hoffmann: Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin u.a. 1965 und für 1830 Angaben von Angus Maddison: www.ggdc.net/maddison. Die Indexwerte für das preisbereinigte BIP ab 1950 sind von der Deutschen Bundesbank übernommen. Sie unterscheiden sich geringfügig von den Werten des Statistischen Bundesamtes, da die Bundesbank teilweise eigene Schätzungen vornimmt. Wir haben diese Indexwerte mit dem nominellen BIP-Wert für das Jahr 2005 (= 2224,4 Milliarden Euro) multipliziert und erhalten so eine preisbereinigte BIP-Reihe in Preisen des Jahres 2005.
4.
Dieser sorgt dafür, dass die Abstände nicht nach absoluten, sondern nach relativen Veränderungen skaliert werden, das heißt, eine Veränderung von zum Beispiel 10 Prozent hat auf der Y-Achse immer den gleichen Abstand, unabhängig vom absoluten Wert.
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