Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Rainer Metz

Bruttowertschöpfung und Strukturwandel der Produktion

Die deutsche Wirtschaft hat in der Periode von 1850 bis 2012 einen Strukturwandel durchschritten. Neben einem großen Wirtschaftswachstum hat der Dienstleistungssektor stetig zugenommen und spielt heute eine zentrale Rolle in der Wertschöpfung.

Klassifikationen der WirtschaftszweigeKlassifikationen der Wirtschaftszweige Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Der Blick geht nun zur Entstehungsrechnung des BIP, bei der es um die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft aus der Perspektive der produzierenden Wirtschaftseinheiten, also der Produzenten geht. Dabei werden die Wirtschaftseinheiten zu Wirtschaftsbereichen zusammengefasst. Eine konsistente, zeitlich vergleichbare Darstellung der Wertschöpfung der Wirtschaftsbereiche und des damit verbundenen Strukturwandels ist für den hier anstehenden Zeitraum von 1834 bis 2012 nur möglich, wenn die Wirtschaftseinheiten immer nach demselben Klassifikationssystem aggregiert wurden, was aber erwartungsgemäß nicht der Fall ist. Für eine solche langfristige Darstellung mussten daher Zahlen aus unterschiedlichen Klassifikationssystemen so aufbereitet werden, dass sie zeitlich wenigstens einigermaßen vergleichbar sind.

Tabelle 2: Bruttowertschöpfung und WertschöpfungsanteileTabelle 2: Bruttowertschöpfung und Wertschöpfungsanteile Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Übersicht zeigt die einzelnen Wirtschaftszweige und ihre jeweilige Zuordnung.[1] Die Werte der rekonstruierten Reihen sind in den Tabellen 2, 3 und 4 dargestellt.[2] Um die langfristige Vergleichbarkeit der Werte des tertiären Sektors zu verbessern, wurden hier zwei Wirtschaftszweige getrennt ausgewiesen, nämlich "Handel, Verkehr und Gastgewerbe" sowie "Dienstleistungsbereich". Beide Wirtschaftszweige zusammen ergeben das, was man heute als Dienstleistungssektor bezeichnet. (siehe Übersicht, Tab 2, Tab 3, Tab 4)





Tabelle 3: Bruttowertschöpfung in konstanten Preisen mit jährlichen WachstumsratenTabelle 3: Bruttowertschöpfung in konstanten Preisen mit jährlichen Wachstumsraten Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Mit den hier rekonstruierten Reihen ist es möglich, die sektorale Wertschöpfung und den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft von 1850 bis 2012 darzustellen. Dazu wurde eine Auswahl der rekonstruierten Reihen in Abbildung 3 und 4 eingezeichnet. Die obere Grafik in Abbildung 3 zeigt die absolute Wertschöpfung, die untere die prozentualen Wertschöpfungsanteile der in der oberen Abbildung dargestellten Wirtschaftsbereiche. Die linke Seite von Abbildung 4 betrifft den Zeitraum von 1850 bis 1938, die rechte Seite den Zeitraum von 1950 bis 2012. (siehe Abb 3, Abb 4)

Abbildung 3a: Wertschöpfung - in Milliarden EuroAbbildung 3a: Wertschöpfung - in Milliarden Euro Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Wie man sieht, hat in fast allen Wirtschaftszweigen die Wertschöpfung zugenommen, es hat also wirtschaftliches Wachstum stattgefunden.[3] Da das Wachstum von Wirtschaftszweig zu Wirtschaftszweig aber ganz unterschiedlich ausfällt, hat sich die Wertschöpfungsstruktur der deutschen Volkswirtschaft in den vergangenen gut 150 Jahren grundlegend verändert. Die Landwirtschaft, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts den dominierenden Wirtschaftsbereich darstellte, geht in ihrer Bedeutung, gemessen am Wertschöpfungsanteil, kontinuierlich von etwa 45 Prozent im Jahr 1850 auf weniger als 1 Prozent im Jahr 2012 zurück. Das Produzierende Gewerbe dagegen erlebt ein starkes Wachstum.
Abbildung 3b: Wertschöpfungsanteile - in ProzentAbbildung 3b: Wertschöpfungsanteile - in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Bereits 1889 ist sein Wertschöpfungsanteil mit knapp 37 Prozent größer als der der Landwirtschaft (mit knapp 33 Prozent). Bis Anfang der 1960er Jahre nimmt er weiter zu und zwar bis auf über 53 Prozent. Seither sinkt der Wertschöpfungsanteil des Produzierenden Gewerbes. Sein Anteil beträgt gegenwärtig etwas über 30 Prozent. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Wertschöpfungsanteil des Produzierenden Gewerbes seit Mitte der 1990er Jahre relativ stabil um etwa 30 Prozent pendelt und nicht weiter gefallen ist, so wie es in anderen Industrienationen in dieser Zeit der Fall war. Parallel zum Rückgang des Wertschöpfungsanteils des Produzierenden Gewerbes erlebt der Dienstleistungsbereich ein starkes Wachstum. Fasst man alle Dienstleistungsbereiche zusammen, beträgt deren Wertschöpfungsanteil im Jahre 2012 68,5 Prozent und ist damit wesentlich höher als der höchste Wertschöpfungsanteil, den das Produzierende Gewerbe jemals hatte.

Tabelle 4: Indizes der Wertschöpfung in konstanten PreisenTabelle 4: Indizes der Wertschöpfung in konstanten Preisen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Abbildung 4: Indizes der realen WertschöpfungAbbildung 4: Indizes der realen Wertschöpfung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die herausragende Bedeutung des Dienstleistungsbereichs lässt sich auch anhand seiner Wachstumsraten demonstrieren, die in Tabelle 3 für die Zeit von 1951 bis 2012 eingetragen sind. Wie man sieht, sind die Wachstumsraten des Dienstleistungsbereichs, mit Ausnahme von nur drei Jahren, über den gesamten Zeitraum positiv. Damit erweist sich der Dienstleistungsbereich in den vergangenen Jahrzehnten als eigentlicher Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft.

Fußnoten

1.
Für die Rekonstruktion wurden für die Zeit ab 1950 Daten der amtlichen Statistik und von 1850 bis 1938 Angaben von Hoffmann (Anm. 3) verwendet.
2.
Die Werte für den Bereich "Häusliche Dienste" wurden nicht in Tabelle 2 aufgenommen, da sie sich nicht bis zur Gegenwart verlängern lassen.
3.
Der einzige Wirtschaftszweig, dessen absolute Wertschöpfung vor 1950 stagniert, sind die häuslichen Dienste. Der prozentuale Wertschöpfungsanteil dieses Wirtschaftszweiges, der nach 1950 nicht mehr ausgewiesen wird, ist deshalb auch von etwa 10 Prozent auf weniger als 1 Prozent gefallen.
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