Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Rainer Metz

Preisentwicklung und Preisstruktur

Preise sind stets Fluktuationen ausgesetzt. Allerdings lässt sich in den Jahre nach 1950 ein historisch nie dagewesener Preisanstieg ausmachen, der zu nachhaltigen Veränderungen in der Struktur von Preisen geführt hat.

Abbildung 1a: Preise ausgewählter KonsumgüterAbbildung 1a: Preise ausgewählter Konsumgüter Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Obwohl die hier zusammengestellten Preise und Preisindizes ein breites Bündel von Konsumgütern repräsentieren, geben sie selbstverständlich kein umfassendes Bild der Preislandschaft in ihrer historischen Entwicklung. Auch geben sie keine Auskunft über die Preise auf den verschiedenen Wirtschaftsstufen Erzeugung, Handel und Außenhandel, da diese explizit aus der Analyse ausgeklammert wurden. Trotzdem erlauben die hier konstruierten Reihen wichtige Einblicke in die historische Preisentwicklung und die damit verbundene Preisstruktur für Konsumgüter: So geben die Durchschnittspreise Auskunft darüber, was ein bestimmtes Konsumgut im jeweiligen Jahr gekostet hat.
Abbildung 1b: Preise ausgewählter KonsumgüterAbbildung 1b: Preise ausgewählter Konsumgüter Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Preisindizes verdeutlichen die Entwicklung der jeweiligen Gütergruppen im Zeitablauf, also etwa die Entwicklung der Preise für Nahrungsmittel, Bekleidung oder Wohnung. Da der Index der Verbraucherpreise (VPI) die gewichtete durchschnittliche Entwicklung aller Konsumgüterpreise darstellt, gibt er Auskunft über die Kaufkraft eines Haushaltseinkommens und damit auch über die Kaufkraft des Geldes. Setzt man Preise einzelner Konsumgüter in Relation zueinander, erhält man relative Preise, die über das Wertverhältnis der jeweiligen Konsumgüter Auskunft geben. Der Vergleich von Preisen bzw. Preisindizes im Zeitablauf dagegen gibt Auskunft über historisch unterschiedliche Preistendenzen. Dem Preisanstieg bestimmter Güter bzw. Gütergruppen steht unter Umständen der Preisverfall anderer Güter gegenüber. (siehe Abb 1)

Tabelle 1: Durchschnittspreise verschiedener Konsumgüter (1)Tabelle 1: Durchschnittspreise verschiedener Konsumgüter (1) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Betrachtet werden zunächst die Preise von acht ausgewählten Konsumgütern für die Zeit von 1834 bzw. 1850 bis 2002 in Abbildung 1 (alle Angaben in Euro).[1] Langfristig weisen alle Reihen einen Anstieg auf. Die Konsumgüter sind also im betrachteten Zeitraum teurer geworden. So kostete beispielsweise ein Kilogramm Rindfleisch im Jahr 1834 0,33 Euro, während es 2002 6,30 Euro waren. Allerdings ist die Preisentwicklung innerhalb dieses Zeitraumes nicht bei allen Gütern gleich verlaufen. Der Preis für ein Kilogramm Zucker zum Beispiel ist von 1850 bis 1913 von 0,66 Euro auf 0,26 Euro gefallen und erst danach wieder angestiegen. Beim Bohnenkaffee zeigt sich dagegen bis 1913 ein Preisanstieg und nach 1950 ein Preisrückgang. Offensichtlich verläuft der Preisanstieg bei den einzelnen Konsumgütern ganz unterschiedlich. Es gibt längere Phasen des Preisanstiegs aber auch des Preisrückgangs, und es gibt ganz offensichtlich auch Phasen mit größeren und kleineren Preisveränderungen. Bei vielen Konsumgütern ist die Zeit nach 1950 mit einem verstärkten Preisanstieg verbunden. (siehe Tab 1, Tab 2, Tab 3)

Tabelle 2: Durchschnittspreise verschiedener Konsumgüter (2)Tabelle 2: Durchschnittspreise verschiedener Konsumgüter (2) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In einem nächsten Schritt wird die Preisbewegung für verschiedene Konsumgütergruppen analysiert. Dazu rücken aus den hier aufbereiteten Indizes zunächst diejenigen für Nahrungsmittel, Wohnung, Bekleidung und Verkehr in den Fokus.[2] Zusätzlich werden die Durchschnittspreise für Roggenmehl bzw. -brot sowie der Verbraucherpreisindex (VPI) betrachtet. Die Reihen, die in Abbildung 2 eingezeichnet sind (1850 = 100), zeigen ganz unterschiedliche Entwicklungslinien. Die Preise für Nahrungsmittel sind am stärksten angestiegen. Bis zur Mitte der 1870er Jahre korrespondieren deren Schwankungen gut mit dem VPI.[3] Ausschlaggebend für diese Schwankungen sind primär die Getreidepreise,
Tabelle 3: Durchschnittspreise verschiedener Konsumgüter (3)Tabelle 3: Durchschnittspreise verschiedener Konsumgüter (3) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
wofür hier stellvertretend die Preise für Roggen(-brot) stehen, die noch bis 1913 starken Schwankungen unterlagen. Der Index für Wohnung weist nur einen leichten Anstieg auf, der Index für Bekleidung stagniert und der für Verkehr geht deutlich zurück. Auffallend ist der Rückgang der Indizes für Wohnung und Bekleidung im Zeitraum von etwa 1875 bis 1895. Diese Jahre markieren eine Epoche tendenziell fallender Preise und daher deflationäre Tendenzen. Allerdings kommen diese im Verbraucherpreisindex nicht zum Ausdruck, und auch bei den Nahrungsmittelpreisen ist der Rückgang nicht so deutlich ausgeprägt, wie beispielsweise bei der Bekleidung oder beim Verkehr. Man kann bei Nahrungsmitteln wie auch beim Verbraucherpreisindex für die Zeit von etwa 1870 bis 1890 eher von einer Stagnation als von einem Preisrückgang sprechen. (siehe Abb 2)

Abbildung 2: Ausgewählte Preisindizes von 1850 bis 1950Abbildung 2: Ausgewählte Preisindizes von 1850 bis 1950 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Insgesamt zeigt sich, dass die Zeit von 1850 bis 1913 sowohl von steigenden wie auch fallenden Preisindizes gekennzeichnet ist, weshalb der säkulare Anstieg des Verbraucherpreisindex insgesamt moderat ausfällt. Zudem ist der Verbraucherpreisindex zumindest bis zur Mitte der 1870er Jahre stark von den Getreidepreisen dominiert, was Ausdruck dafür ist, dass wir es mit einer agrarisch dominierten Volkswirtschaft zu tun haben. Überdies sind bei zahlreichen Konsumgütern die Jahre von 1875 bis 1895 von fallenden Preisen gekennzeichnet, weshalb diese Epoche in der Literatur auch als "Große Depression" bezeichnet wird. Darüber hinaus ist der Preisrückgang bei Gütern des Verkehrs sowie der Bekleidung auf ein zunehmendes Angebot an diesen Waren, verbunden mit einem sich immer stärker etablierenden technischen Fortschritt (Verbilligung der Produktion) zurückzuführen.

Ergänzend sind in Abbildung 2 die Indexwerte bis 1948 verlängert, wobei Werte für den Ersten Weltkrieg und die nachfolgende Inflationszeit hier nicht eingezeichnet sind. Auffallend ist der starke Anstieg in den 1920er Jahren, der tiefe Fall in der Weltwirtschaftskrise (grau hinterlegt) von 1929 bis 1933, ein erneuter, insgesamt aber moderater Anstieg in den Jahren des Nationalsozialismus, ein starker Einbruch nach 1945 sowie ein erneuter Anstieg, der mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 verbunden ist. Diese hier ganz grob beschriebenen generellen Entwicklungstendenzen sollten nicht vergessen lassen, dass es sich bei diesem Zeitraum um eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Epoche handelt, die sich hinsichtlich der Preisentwicklung nur sehr eingeschränkt mit den Jahren davor und danach vergleichen lässt. (siehe Abb 2)

Abbildung 3: Ausgewählte Preisindizes von 1850 bis 2012Abbildung 3: Ausgewählte Preisindizes von 1850 bis 2012 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Obwohl mit der Einführung der D-Mark eine Zeit stabiler Währungsverhältnisse begann, schwingen sich die hier konstruierten Indizes in den gut 60 Jahren von 1950 bis 2013 in ungeahnte Höhen auf und realisieren damit einen Preisanstieg, der langfristig alles in den Schatten stellt, was bis dahin zu beobachten war, sieht man einmal von den Jahren der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg ab. Die acht Indizes sind zusammen mit dem Verbraucherpreisindex in Abbildung 3 rechts eingezeichnet (1950 =100). Zum Vergleich sind dort links die bisher besprochenen Indexwerte für die Zeit bis 1948 dargestellt (1850 =100). Nach 1950 haben sich alle Indexwerte erhöht, am geringsten für Hausrat, am stärksten für Wohnung, gefolgt von Heizung und Beleuchtung. Bei diesen beiden Gütergruppen beträgt der Anstieg gegenüber 1950 etwa das Zehnfache. (siehe Abb 3)

Auch der Verbraucherpreisindex ist in diesem Zeitraum gegenüber 1950 um etwa das Fünffache gestiegen. Vergleicht man damit die Entwicklung im gleich langen Zeitraum von 1850 bis 1913, so sind die Unterschiede offensichtlich. Den stärksten Anstieg verzeichneten dort die Nahrungsmittel. Sie sind gegenüber 1850 um etwas mehr als das Zweifache gestiegen. Nach 1950 steigen die Nahrungsmittelpreise zwar weiter an, aber nur um etwas mehr als das Vierfache, während die Preise für Wohnung, Heizung und Beleuchtung, wie bereits erwähnt, um mehr als das Zehnfache ansteigen. Damit ist ganz offensichtlich, dass heutzutage die Haushaltseinkommen nicht, wie noch im 19. Jahrhundert, vornehmlich durch steigende Nahrungsmittelpreise belastet sind, sondern in einem noch nie dagewesenen Ausmaß durch Ausgaben für die Wohnung (Miete, Strom, Wasser usw.). Berücksichtigt man zudem, dass auch die Preise für Verkehr seit 1950 übermäßig stark angestiegen sind, dann erkennt man, dass heutzutage die Ausgaben für Wohnung und für die meist beruflich bedingte Mobilität jene existenzbestimmende Rolle spielen, die über viele Jahrhunderte die Nahrungsmittelpreise, insbesondere die Getreidepreise, innehatten.

Tabelle 4: Preisindizes verschiedener Bedarfsgruppen und VerbraucherpreisindexTabelle 4: Preisindizes verschiedener Bedarfsgruppen und Verbraucherpreisindex Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Jahre nach 1950 von einem historisch nie dagewesenen säkularen Preisanstieg gekennzeichnet sind, in dessen Verlauf sich auch die Struktur der Preise nachhaltig verändert hat. Betrachtet man die acht hier konstruierten Indexreihen, dann sind vor allem Wohnung, Heizung und Beleuchtung sowie Verkehr die größten Preistreiber, wobei sich hinter Heizung, Beleuchtung und Verkehr vor allem die steigenden Energiepreise verbergen. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass die Preise gerade dieser Produktgruppen vor 1950 lange nicht beziehungsweise nicht nennenswert angestiegen sind. (siehe Tab 4)

Bislang wurden hier Preisentwicklungen und Preisstrukturen anhand von Durchschnittspreisen ausgewählter Konsumgüter sowie anhand von Preisindizes bestimmter Konsumgütergruppen dargestellt. Die Entwicklung der Verbraucherpreise insgesamt wurden dabei zwar immer wieder zum Vergleich herangezogen, der Index selbst aber wurde bislang noch nicht eingehend analysiert. Das soll im Folgenden geschehen, wobei dieser Index vor allem als Maß für die Kaufkraft des Geldes angesehen wird und damit als Maß für Inflation und Deflation.

Fußnoten

1.
Für die besonders dramatischen Preisveränderungen während und unmittelbar nach den beiden Weltkriegen enthalten die Preiskurven in Abbildung 1 keine Werte. Sie würden das Gesamtbild verzerren.
2.
Die Indizes für Ernährung, Wohnung und Bekleidung reichen, neben Hausrat und Beleuchtung, am weitesten in die Geschichte zurück. Für Ernährung reichen die amtlichen Werte bis 1881 und für die beiden anderen Produktgruppen bis 1924 zurück.
3.
Ab 1881 repräsentiert der VPI einen Preisindex für Ernährung. Dass die Werte des VPI nicht mit dem hier verwendeten Index für Nahrungsmittel übereinstimmen, liegt an den unterschiedlichen Berechnungsweisen. Der Preisindex für Ernährung wurde vom Statistischen Bundesamt und der Preisindex für Nahrungsmittel von Walther G. Hoffmann: Das Wachstum der deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin u.a. 1965 zusammengestellt.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Das weltgrößte Containerschiff "Maersk Mc-Kinney Möller" trifft während seiner Jungfernfahrt am 18.08.2013 am Containerterminal von Bremerhaven (Bremen) ein. Das in Südkorea gebaute Schiff ist 400 Meter lang, 60 Meter breit und kann 18 000 Container transportieren. Foto: Ingo Wagner/dpa
Dossier

Wirtschaft

Wirtschaftliche Grundkenntnisse sind so wichtig wie das kleine 1x1. Das Dossier liefert Hintergründe und Themenbeiträge zu den wichtigsten aktuellen Wirtschaftsdebatten.

Mehr lesen

Geld, Wertpapiere, Kredite oder Devisen werden global vernetzt und binnen Sekunden international gehandelt. Verschiedene Akteure bestimmen das Geschehen und die Regeln der Finanzmärkte, deren Instabilität durch den Crash auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt deutlich wurde. Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise und die folgende Staatsschuldenkrise sind nach wie vor virulent.

Mehr lesen