Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Rainer Metz

Verbraucherpreisindex und die Kaufkraft des Geldes

Die Kaufkraft des Geldes hat sich im Vergleich zu vorherigen Jahrhunderten stark geändert. Ein Grund ist die persistente Inflation (Erhöhung des Güterpreisniveaus) der letzten Jahrzehnte.

Betrachtet wird zunächst die Entwicklung des Index von 1834 bis 2013 in Abbildung 4 (1834 =100), ohne die Jahre 1922 und 1923. Bis zum Jahr 2013 steigt der Index auf 2 600 an. Gegenüber 1834 (=100) hat er sich also auf das 26-Fache erhöht, wobei allerdings das Ausmaß dieses Anstiegs nicht gleichmäßig auf die 179 Jahre verteilt war. Es dauerte nämlich bis 1980, also 147 Jahre, bis der Index die erste Hälfte des Anstiegs zurückgelegt hatte, wogegen er für die zweite Hälfte nur noch 33 Jahre benötigte. (siehe Abb 4)

Abbildung 4: Verbraucherpreisindex 1834 bis 2013Abbildung 4: Verbraucherpreisindex 1834 bis 2013 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die epochenspezifische Dynamik des Preisanstiegs zeigt sich deutlicher, wenn man anstelle der Absolutwerte deren Wachstumsraten, also die jährlichen Inflationsraten betrachtet, die in Abbildung 5 (wieder ohne die Jahre 1922 und 1923) dargestellt sind. Für den Gesamtzeitraum ergibt sich eine durchschnittliche jährliche Inflationsrate von knapp 2 Prozent (exakt: 1,95 Prozent, Median = 1,8 Prozent), ein Wert also, der nicht weit von dem entfernt ist, was die meisten Zentralbanken heute gerade noch als Preisstabilität akzeptieren. Bei einer genaueren Betrachtung zeigt sich aber, dass die jährlichen Werte teilweise nicht nur erheblich von diesem Mittelwert abweichen, deutlich zeigen sich auch unterschiedliche Epochen mit spezieller Inflationsdynamik, die neben zahlreichen anderen Einflüssen wohl auch den verschiedenen Währungen [1] und den unterschiedlichen Indexberechnungen geschuldet sind. (siehe Abb 5)

Jährliche Veränderungsraten des Verbraucherpreisindex 1834 bis 2013Jährliche Veränderungsraten des Verbraucherpreisindex 1834 bis 2013 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Eine erste Epochengrenze ergibt sich 1876 mit der Einführung der Reichswährung beziehungsweise 1881 mit dem Beginn des amtlichen vom Statistischen Bundesamt berechneten Ernährungsindex.[2] Von 1834 bis 1880 ist der Index durch sehr starke sowohl positive wie auch negative jährliche Veränderungen gekennzeichnet. Ursache sind vor allem die starken, meist witterungsbedingten Schwankungen der Agrarpreise, die sich bei dem hohen Anteil der Ausgaben für Ernährung besonders stark im Preisindex niederschlagen. Insgesamt ist der Anstieg in diesen 47 Jahren jedoch moderat. Der Index steigt von 100 im Jahr 1834 auf 191 im Jahr 1880, was einer durchschnittlichen jährlichen Preissteigerungsrate von 1,8 Prozent entspricht.[3]

Ab 1881 stabilisiert sich das Preisniveau, die großen Ausschläge gehören der Vergangenheit an. Es ist die Phase, die als Eintritt Deutschlands in den Hochkapitalismus angesehen wird und in der die Währung auf dem Goldstandard basiert. Von 1900 bis 1912 dauert die erste längere Phase, in der die Preisveränderungen ausschließlich positiv sind. In den 33 Jahren von 1881 bis 1913 steigt der Index von 100 auf 135, wobei die jährliche Inflationsrate lediglich 0,9 Prozent beträgt.[4]

Der Beginn des Ersten Weltkrieges stellt eine weitere Epochengrenze dar. Mit der Aufhebung der Goldeinlösepflicht macht sich im Verlauf des Ersten Weltkriegs ein immer schnellerer Preisanstieg bemerkbar. Bis zum Kriegsende am 11. November 1918 (Waffenstillstand) ist der Index gegenüber 1913 um mehr als das Dreifache angestiegen (1834 =100, 1913 = 261, 1918 = 810; vgl. VPI für private Haushalte: 1834 =100, Tabelle 4). Auch nach Beendigung der Kriegshandlungen steigen die Preise weiter. Anfang 1922 beschleunigt sich der Preisanstieg dramatisch. Aus der galoppierenden Inflation wird 1923 eine Hyperinflation. Im Dezember 1923 hat der Index gegenüber 1913 (=100) einen Wert von 124,7 Billionen (in Ziffern: 124 700 000 000 000) erreicht. Reichsbanknoten mit astronomischen Nennwerten zeugen nicht nur vom Kaufkraftverfall der deutschen Währung, sondern vom Funktionsverlust des Geldes schlechthin. So sind die Jahre 1918 bis 1923 als "große Inflation" in die deutsche Geschichte eingegangen. Sie entziehen sich einer normalen Interpretation des Preisverlaufs und haben auch deshalb im kollektiven Gedächtnis der Deutschen tiefe Spuren hinterlassen, die die Angst vor Inflation und Geldentwertung bis heute bestimmen.

Preisindex für die LebenshaltungPreisindex für die Lebenshaltung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die Entwicklung des Index in der Periode von 1924 bis zur Währungsreform im Jahr 1948 ist uneinheitlich. Von 1924 bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise (Börsencrash am 24. Oktober 1929 in den USA) verzeichnet der Index einen Anstieg, der allerdings eher moderat ist. Von 1930 bis 1933 sinkt der Lebenshaltungskostenindex in vier aufeinanderfolgenden Jahren, weshalb hier die Preisveränderungsraten negativ sind. Der Preisverfall ist eine Folge der Weltwirtschaftskrise. Ab 1933 führte die nationalsozialistische Preispolitik vielfach zu einem Übergang von freien Marktpreisen zu staatlich festgesetzten Preisen. Von 1934 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges erfolgte daher ein sehr moderater Preisanstieg, trotz der gigantischen Ausgaben des Reiches für Aufrüstung und Krieg, was primär auf die rigorose Preis- und Bewirtschaftungspolitik zurückzuführen ist. Man spricht hier auch von zurückgestauter Inflation. Mit Kriegsende war die Reichsmark praktisch wertlos, weshalb sich eine Naturaltauschwirtschaft (Schwarzmarkt) entwickelte. Die Veränderungsraten des Index bewegen sich von 1946 bis zur ersten Jahreshälfte von 1948 zwischen etwa 10 und 5 Prozent mit rückläufiger Tendenz. Nach Einführung der D-Mark am 20. Juni 1948 in den westlichen Besatzungszonen steigt der Index in der zweiten Jahreshälfte um 25 Prozent an. In den beiden Jahren nach der Währungsreform, also 1949 und 1950, geht der Index zurück.[5]

Auch die Periode nach 1948 lässt sich in mehrere Epochen aufteilen. Betrachtet man die Entwicklung des Index und seine Veränderungsraten, dann fällt zunächst auf, dass es in der Zeit von 1951 bis 2013 nur zweimal, nämlich 1953 und 1986, zu einem Rückgang des Index gekommen ist. Ein dauerhafter Anstieg der Preise scheint dagegen zur Normalität geworden zu sein. Besonders dramatisch war der Preisanstieg nach 1970 bis zu Beginn der 1980er Jahre, mit Inflationsraten von etwa 7 Prozent. Da in dieser Zeit auch das Wirtschaftswachstum zurückging und die Arbeitslosigkeit zunahm, spricht man in diesem Zusammenhang auch von "Stagflation". Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten hat den Preisauftrieb allenfalls kurzfristig beeinflusst. Die Inflationsraten sind nach 1993 stark rückläufig und bewegen sich seit 1994 zwischen 2,6 und 0,6 Prozent. Wenn neuerdings der Rückgang der Preissteigerungen von vielen mit dem Gespenst der Deflation in Verbindung gebracht wird, so sollte man dabei nicht übersehen, dass die Preissteigerungen der Gegenwart viel eher mit dem säkularen Mittelwert von etwa 2 Prozent und damit der langfristigen "Normalität" übereinstimmen, als es die Jahre mit hoher Inflation tun.[6]

Fußnoten

1.
In den 179 Jahren, die der Untersuchungszeitraum dieser Studie abdeckt, gab es folgende Währungen: 1834 bis 1875 Taler- und Guldenwährung; 1876 bis 1914 (Gold-)Mark; 1914 bis 1923 Mark ohne Golddeckung; 1923 Rentenmark; 1924 bis 1948 Reichsmark (Goldkernwährung), ab 1924 bestanden Reichsmark und Rentenmark nebeneinander; 1948 bis März 1973 D-Mark auf der Basis fester Wechselkurse (Bretton-Woods-System); 1973 bis 2002 D-Mark (flexible Wechselkurse); ab 2002 Euro. Neben diesen Währungsumstellungen haben sich auch Art und Beschaffenheit des Geldes grundlegend verändert. Während man sich über viele Jahrzehnte ein wertstabiles Geld ohne die Bindung an Edelmetalle überhaupt nicht vorstellen konnte, ist das heutige Geld lediglich noch Fiatgeld, also Geld ohne intrinsischen Wert, im Gegensatz zum Warengeld.
2.
Vor dem Ersten Weltkrieg ist ein kontinuierlicher Lebenshaltungsindex von den damaligen statistischen Ämtern nicht ermittelt worden. Aus diesem Grund hat das Statistische Bundesamt im Jahr (1958) für die Zeit von 1881 bis 1913 aus Aufzeichnungen privater Autoren einen Preisindex für die Ernährung (1913 =100) berechnet. Dabei handelt es sich um den Durchschnitt aus 10 Indexziffern, die aus Einzelhandelspreisen für etwa 10 bis 20 Lebensmittel errechnet wurden. Die Unterlagen beziehen sich zum Teil auf das Deutsche Reich, zum Teil auf einzelne Bundesstaaten bzw. Städte.
3.
Median = 1,3 Prozent; Mittelwert = 1,8 Prozent; Minimum = – 23 Prozent; Maximum = + 22 Prozent.
4.
Mittelwert = 0,9 Prozent; Median = 1,1 Prozent; Minimum = – 3,7 Prozent; Maximum = + 6,3 Prozent.
5.
Für den Gesamtzeitraum, also von 1924 bis 1948, ergeben sich folgende Werte: Mittelwert = 2,2 Prozent, Median = 1,8 Prozent, Minimum = – 11,4 Prozent, Maximum = + 25 Prozent.
6.
Von 1834 bis 2013 beträgt das arithmetische Mittel des jährlichen Preisanstiegs 1,95 Prozent, der Median 1,8 Prozent, wobei in 103 von 167 Jahren die Inflationsrate im Bereich von 0 bis 5 Prozent liegt.
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