Deutschland in Daten - Zeitreihen zur Historischen Statistik.

28.1.2016 | Von:
Michael Kopsidis

Phasen der Agrarentwicklung 1850 bis 2010

Der Agrarsektor hat in Deutschland in der Vergangenheit mehrere Wandel durchlebt. Besonders hervorzuheben ist die strukturelle Transformation vor dem 1. Weltkrieg, die Entwicklung vom Agrar- zum Industriestaat.

Wie bereits erwähnt, basierte der entscheidende Durchbruch hin zum modernen agrarischen Wachstum vornehmlich auf arbeitsintensiven Formen eines marktinduzierten biologisch-technischen Fortschritts, wobei industriellen Inputs bestenfalls eine marginale Rolle zukam. Neuere Forschungen belegen dabei eindeutig den hohen Grad an Marktorientierung und die Flexibilität bäuerlicher Produzenten. Dies ermöglichte, dass die landwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung seit Mitte des 19. Jahrhunderts parallel zur Industrialisierung auf immer breiterer Front an Fahrt gewann. So konnte sich in der langen agrarischen Boomphase bis zum Ersten Weltkrieg in Deutschland einer der wichtigsten Modernisierungsprozesse vollziehen, die sogenannte "strukturelle Transformation" bzw. der Übergang vom Agrar- zum Industriestaat. Die Landwirtschaft hörte auf, den größten volkswirtschaftlichen Sektor zu bilden.

Die Zwischenkriegszeit bedeutete aus vielfältigen Gründen im besten Fall eine Stagnation des agrarischen Wachstums. Schwere globale Agrarkrisen bis hin zum Zusammenbruch des Weltagrarhandels im Zuge der Weltwirtschaftskrise verhinderten eine Fortsetzung des Agrarbooms. Bemerkenswert ist, dass es trotz eines massiv ansteigenden Einsatzes an Kunstdünger, der Elektrifizierung der Hofwirtschaft und einer immer stärker industriegebundenen, beschleunigten Verwissenschaftlichung der Wissensgenerierung im Agrarsektor gerade gelang, wieder das Vorkriegsniveau der Flächenerträge zu erreichen. Das agrarische Produktivitätswachstum erlahmte. Massiv gestörte Agrarmärkte waren für diese Wachstumsschwäche verantwortlich. Hinzu kam, dass die neuen Formen einer mehr industrialisierten Landwirtschaft sich noch im Versuchs- und Übergangsstadium befanden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es dann zu einer zweiten, lang anhaltenden Phase beschleunigten agrarischen Produktivitätswachstums. Mechanisch-technischer und biologisch-technischer Fortschritt, der erstmalig ausschließlich auf wissenschaftsbasierten industriellen Inputs beruhte, bildeten in Kombination die Hauptantriebskräfte. Binnen zweier Jahrzehnte vollzog sich die fast vollständige Maschinisierung der Agrarproduktion. Die Maschinisierung war dabei verbunden mit einer massiven Erhöhung der Kapitalintensität. Die Abhängigkeit der landwirtschaftlichen Produktion von Vorleistungen aus anderen Sektoren der Volkswirtschaft erreichte nach 1950 ganz neue Dimensionen. Dabei hatten der technische Fortschritt und der steigende landwirtschaftliche Kapitaleinsatz eine eher defensive Funktion. Sie waren notwendig, um das durch steigende industrielle Reallöhne in Gang gesetzte rapide Abschmelzen des noch in der Zwischenkriegszeit mehr oder weniger konstanten Einsatzes von Arbeitskräften in der Landwirtschaft zu kompensieren. Die Anteile der Landwirtschaft an den Beschäftigten und am Volkseinkommen sind nach 1950 auf volkswirtschaftlich vernachlässigbare Größen abgesunken (vgl. die Kapitel zu Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und zu Arbeit, Einkommen und Lebensstandard).

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